28.11.2025
FEAR OF THE PITCH

Angst in der Startup-Szene und wie man sie nach Daniel Cronin überwindet

Daniel Cronin hat monatelang geschrieben, gestrichen, gezweifelt – und schlussendlich gefeiert: Der Co-Founder von AustrianStartups hatte als leiser Schüler extreme Auftrittsangst. Heute ist das etwas anders: Seit 14 Jahren ist er Pitch-Coach, Speaker und Moderator. Lange Zeit sah er seine Furcht als Schwäche an und dachte, er wäre damit allein. Heute denkt er anders darüber und hat seine Erfahrung in Worte gefasst – konkret in ein Buch („Erfolgreich pitchen! Wie du Ängste hinter dir lässt und auf jeder Bühne überzeugst“). Er gibt Tipps, wie man mit diesem Gefühl umgeht und Auftritte souverän meistert.
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Cronin, Angst, Startup-Szene, Pitch, richtig pitchen, wie pitche ich richtig
© Marlon Hambruch - Daniel Cronin.

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von November 2025 “Verantwortung” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Ein rasanter Herzschlag, Schweißperlen auf der Stirn und eine drückende Regung in der Magengegend – man erinnert sich an das Gefühl vor einer Schularbeit, für die man zu wenig gelernt hat, oder durchlebt noch mal diese Minuten, bevor man aufstehen muss, um eine Bühnenpräsentation oder einen Pitch vor Dutzenden starrenden Augen zu geben. Man hofft, dass die Worte klar und verständlich den Mund verlassen und nicht haspelnd herauskommen, und fleht darum, dass man vor lauter Angstzuständen keine Hänger hat oder etwa gar nichts mehr herausbringt.

Caine oder Freeman?

Die Innovations- und Startup-Szene braucht Mut und Risikobereitschaft. Das sind die zwei Aspekte, die regelmäßig genannt werden, wenn es darum geht, den Status quo zu durchbrechen, um Neues zu schaffen.

Dem gehen aller­dings ein paar Dinge voraus: Aus einer Idee im Kopf muss ein Konzept werden; durchdacht und stimmig. Dann kommt erst das Schwierige: Man muss andere davon überzeugen, dass die eigene Vision und Vorstellung, der eigene Plan erfolgversprechend sind.

Dazu muss man vor Keyplayern, Investor:innen, Publikum oder potenziellen Partner:innen reden; idealerweise spannungsgeladen präsentieren, voller Charme und cleverem Witz, mit leuchtenden Augen und Begeisterung auslösend. Und mit einer Stimme und einer Intonation wie jenen von Schauspieler Michael Caine oder auch von Morgan Freeman, die dafür berühmt sind. Bei all diesen Voraussetzungen verwundert es nicht, dass Angst im Startup-Ökosystem ein großes (Tabu-)Thema ist.

Ein nervöser Cronin?

„Ich habe immer Auftrittsangst – bis heute“, sagt Daniel Cronin. Der Mitgründer der Startup- Plattform AustrianStartups und jahrelanger „Pitch-Professor“ hat das Spüren von Angst jahrelang als Schwäche angesehen und sich gedacht, er sei die einzige Person, die sich so fühlt, weil niemand darüber sprach. Irgendwann jedoch durchbrach er diese Schweigespirale – und traf auf ein überraschtes Umfeld: Man wunderte sich, dass ein Cronin „nervös“ sein könnte.

„Damals habe ich gemerkt, dass es allen so geht“, sagt er heute und vergleicht es mit einem Date: „Wenn es nicht kribbelt, ist es nicht die richtige Person. Und wenn es vor einem Auftritt nicht kribbelt, ist es nicht die richtige Bühne.“

Der Speaker beschäftigt sich seit rund einer Dekade mit Techniken, wie man Angst meistern kann; wie man strukturiert täglich mit Nervosität und Angst klarkommt, um richtig zu pitchen beziehungsweise vor anderen zu reden.

„Ich hätte damals gerne jemanden gehabt, dem es genauso geht, einfach um zu wissen, dass es völlig normal ist“, sagt Cronin – hatte er aber nicht. Er bewegte sich dennoch mit „tierischer Bühnenangst“ auf die Bühne. „Weil ich einfach eine Million Ideen hatte; und um sie umzusetzen, musste ich darüber reden“, bringt er auf den Punkt, warum er aus seiner Komfortzone ausbrach und ungeliebte Gefilde betrat.

20-Sekunden-Regel

Doch auch dabei gilt, Vorsicht walten zu lassen. Eine der ersten Regeln für eine Präsentation, die auch dann gelingen kann, wenn man nicht der Charmeur schlechthin ist, lautet: Man muss sich der 20-Sekunden-Regel gewahr sein. „Wenn du eine brillante Idee hast, dir aber keiner zuhört, dann wird sie nicht umgesetzt“ ist eine von Cronins Wahrheiten.

„Smart zu sein bringt gar nichts, wenn dich niemand versteht.“ Man müsse so reden, als ob man freitags um 17 Uhr Leute begeistern möchte. Das wäre das Mindset, das Gründer:innen bräuchten, wie der Pitch-Profi erklärt: „Die meisten entscheiden innerhalb der ersten 20 Sekunden, ob sie abschalten.“ Deswegen sollte man die Präsentation super- simpel gestalten, nicht komplex. „Nie hat jemals jemand gesagt, dass etwas zu einfach oder zu unterhaltsam ist.“

Pitch richtig verstehen

Pitches werden zudem allgemein – mit oder ohne Angst – oftmals falsch verstanden. Die Nervosität kann dazu verleiten, alles verbal rauszuwerfen, was man weiß, doch laut Cronin ist ein Pitch im Prinzip ein „Conversation-Starter“ – der Beginn eines Gesprächs.

„Es geht darum, dass jemand sagt: ‚Hey, was du erzählt hast, interessiert mich. Ich hätte da eine Frage …‘“, stellt er klar und präzisiert: „Ein Pitch hat zwei Säulen: Zeit und Vertrauen. Damit verdient man idealerweise eine gute Anschlussfrage, und die führt zu einem Zehn-Minuten-Gespräch, einem einstündigen Call, dann einem Tagesworkshop und so weiter – alles bis hin zu einem möglichen IPO. Vertrauen muss man sich ebenfalls Stück für Stück verdienen. Und auch hier gilt wie in einer Beziehung: Ein Vertrauensbruch zerstört alles.“

Der Fall mit Florian Gschwandtner

Cronin selbst hatte vor ein paar Jahren ein extremes Erlebnis, das ihn in Angst versetzte und den Wunsch nach Flucht auslöste. Es handelte sich um ein Pilotprogramm mit einem Fernsehsender. „Ich sollte einen Pitch im freien Fall machen“, erinnert er sich. „Also wirklich pitchen, während ich falle.“

Ihm wurde Mut zu- und vollstes Vertrauen ausgesprochen, dass er dies schaffe, obwohl er wirklich keine Höhen mochte, sich aber dachte: „How hard can it be?“ Cronin sprang somit aus einem Flugzeug und sah, wie das Fluggerät über ihm immer kleiner wurde.

Und da geschah es: „Ich bekam die krasseste Angst meines Lebens.“ Während er derart in der Luft rotierte, merkte Cronin den puren Kontrollverlust, der ihn umgab und ihn einnahm. Der Plan war eigentlich einfach: springen, pitchen und sich danach, sobald die Fallschirme geöffnet waren, dem Q&A stellen. „Doch genau da setzte der ‚Fight or Flight‘- Modus ein und ich wollte nur noch auf mein Sofa nach Hause. Aber das war das Ziel – die Methode und Techniken unter extremsten Bedingungen zu testen.”

Glücklicherweise fiel Cronin in dem Moment der Furcht eine simple Technik ein: Er begann einfach zu sprechen. “Dadurch aktivierst du ein anderes Hirnareal und du denkst nicht mehr ans Überleben, sondern aktivierst dein rationales Gehirn. Das drückt das emotionale Zentrum kurz zur Seite.”

Wenige Sekunden später war sein Fokus wieder da: „Das habe ich oft auf der Bühne: langsam atmen, langsam sprechen, darauf vertrauen, dass es in ein paar Momenten vorbei ist“, erklärt er. „Dann kommt die Aufmerksamkeit zurück. Man muss solche Dinge wissen, um sie bewusst einsetzen zu können.“

Dieser Fallschirmsprung vor ein paar Jahren war für Cronin der ultimative Test, wie er heute sagt; einer, den er nicht nur bestanden hat, sondern der eine Lektion war. Sein Sprungpartner damals war übrigens Runtastic-Founder Florian Gschwandtner, ein weiteres Schwergewicht der Startup-Szene.

Sympathikus versus Parasympathikus

„Es gibt wenige Situationen, die man sich vorstellen kann, die einen stärker unter Druck setzen. Eine klassische Angstsituation. Die Atmung macht Unglaubliches. Viele Techniken sind jedoch simpel, wenn man versteht, was der Körper macht und warum“, sagt Cronin und verweist auf den Sympathikus, einen Teil des vegetativen Nervensystems.

„In Angstsituationen ist der Sympathikus aktiv“, erklärt der Autor. „Er löst Fluchtreflexe aus, die Atmung wird flach, hoch in der Brust. Aber man kann gegensteuern, wenn man den Parasympathikus (Anm.: weitere Komponente des vegetativen Nervensystems) aktiviert. Das geht über Atemtechnik. Wenn wir uns sicher fühlen, atmen wir ruhig in den Bauch, und wir atmen doppelt so lange aus wie ein; so wie beim Einschlafen. So kann man die schlimmste Angst und Unsicherheit in den Griff bekommen.“

Im Gegensatz zu früherer Scham sieht der Pitch-Experte Angst heute als völlig normale Reaktion, die man mit Methoden überwinden kann. Wenn man jene beherrsche, könne der Körper in solchen Momenten „Peak-Performance“ abrufen, zeigt er sich überzeugt.

Doch es nur zu wollen reicht nicht aus, wenn das Gegenüber noch etwas anderes in einem wahrnimmt: Angst und Unsicherheit in der Stimme.

Der Intonations-Aspekt

Wie man aus Erfahrung weiß, ist die Art, etwas zu sagen, genauso essenziell wie der Inhalt des Gesprochenen: Stimmlage, Pausen, die Betonung und das Verständnis dafür, was man im Gegenüber auslöst, sind Werkzeuge, die man beherrschen sollte und auch erlernen kann.

„Informationen wie etwas Unliebsames schnell loszuwerden hat den gegenteiligen Effekt zum besonnenen und langsamen Sprechen“, präzisiert Cronin. „Ruhiges Reden wird als gefestigt wahrgenommen. Hektisches Sprechen dagegen, das nimmt niemand wirklich ernst“, weiß er. „Menschen brauchen Zeit; Zeit, um zu denken, um zu verarbeiten. Das ist das Entscheidende. Sprache und Haltung sollte man schlussendlich an das Publikum anpassen. Sonst prallt selbst die allerbeste Idee ab.“

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Neoom Ex-CEO Walter Kreisel (l.) und sein Nachfolger Nikolas Iwan © Antje Wolm

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wer das neoom-Headquarter in Freistadt betritt, blickt zuerst nach oben: Im Eingangsbereich hängt ein Astronaut von der Decke, daneben führt eine Wendeltreppe empor, die an eine startende Rakete erinnert. Das Gebäude trägt den Namen „Free City“. Walter Kreisel, neoom-Gründer und seit Anfang des Jahres nicht mehr CEO, nennt es „Freistadt neu interpretiert als Raumschiff“ – mit Stadtmauer, grünem Turm, Stadtgraben und Zugbrücke.

Außen setzt sich diese Konsequenz fort: Schwarze Photovoltaikmodule nord-, ost-, west- und südseitig, dazu am Dach; rund 400 Kilowatt verteilt auf eine Bauwerkshülle, die zuerst Strom produziert und den Überschuss im 1,2 Megawattstunden großen Speicher zwischenlagert. Davor: ein Parkplatz, auf dem fast jedes Fahrzeug ein Elektroauto ist, fünfzig Ladestationen. Rund hundert neoom-Mitarbeiter:innen arbeiten hier auf 780 Quadratmetern, weitere hundert verteilt auf andere Standorte. 80 bis 85 Prozent der verbrauchten Energie produziert das Gebäude selbst.

Es ist eine Inszenierung, die Kreisels Stil als CEO über acht Jahre präzise zusammenfasst: Vision, Symbolik, Größe. Umso bemerkenswerter, dass dieser Mann seit Februar nicht mehr operativ verantwortlich ist – er hat das Steuer übergeben; an Nikolas Iwan, der zuvor bei Shell, H2 MOBILITY und McKinsey in Führungspositionen die Energiewende mitgestaltet hat. Mitte April 2026, am Tag des neoom-Live-Events, zu dem die wichtigsten Geschäftspartner – die „Power Partner“ – nach Freistadt anreisen, übernimmt erstmals Iwan die Hauptbühne. Kreisel hat sich am informellen Abend zuvor bewusst zurückgehalten.

„Wenn Walter gestern aufgetaucht wäre, hätte sich vieles auf ihn konzentriert“, sagt Iwan. „Er hat die Beziehungen zu den Power Partnern aufgebaut. Wir haben uns vorher abgestimmt.“ Diese Abstimmung – wer wann sichtbar ist, wer wo nicht auftaucht – ist seit Monaten Teil des täglichen Geschäfts der beiden. Sie ist der Grund, warum das Unternehmen den Wechsel an der Spitze bisher reibungslos gemeistert hat.

Denn ein CEO-Wechsel ist für ein Scaleup eine der riskantesten Operationen überhaupt. „Du hast dauerhaft den Zünder einer ungesicherten Handgranate in der Hand“, sagt Kreisel. „Wenn du da nicht stabil bist, sprengt es dir das Unternehmen; weil der Prozess völlig undefiniert abläuft – und ein massives Risiko ist.“

Das Tabuthema

Kreisels offene Worte sind selten – obwohl es zuletzt einige ähnliche Fälle gab. Im November 2025 gab Bitpanda-Mitgründer Eric Demuth seine Co-CEO-Rolle ab und wechselte als Executive Chairman in den Verwaltungsrat; Lukas Enzersdorfer-Konrad führt das Krypto-Unicorn nun allein. Im Januar 2026 zog sich Prewave-Mitgründerin Lisa Smith aus der Geschäftsführung zurück, ihr Co-Founder Harald Nitschinger übernahm die alleinige operative Verantwortung. Drei prominente Fälle innerhalb weniger Monate – das deutet auf einen Trend hin.

Während in den USA der Wechsel vom Gründer-CEO zum professionellen Manager als normaler Skalierungsschritt gilt – Investor Hermann Hauser hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Europa nicht nur ein Kapital-, sondern auch ein Management-Problem habe –, herrscht hierzulande Schweigen über das Wie. „Bei Herr und Frau Österreicher ist so etwas ein Tabuthema“, sagt Kreisel. „Der Eigentümer ist Geschäftsführer bis zu seinem Tod, dann macht der Sohn oder die Tochter weiter.“

Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt.

Die Reaktionen auf seine Ankündigung im Februar bestätigen das. In der Region Freistadt wurde gefragt: „Haben sie ihn rausgehaut?“ In der Startup-Bubble wurde gefragt: „Wie viel Geld hast du rausgezogen?“ Dass der Gründer freiwillig in den Aufsichtsrat wechselt und keine Anteile verkauft hat, passte nicht ins gängige Schema. „Vom Aufsichtsrat über die Berater bis zu den Headhuntern: Niemand kennt sich aus“, kritisiert Kreisel. „Das war ein leerer Wald, ohne Baum und ohne Holz.“ Best-Practice-Modelle? Fehlanzeige. „Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt“, ergänzt Iwan.

Acht Jahre – ein Kilimandscharo

Schon während seines MBA-Studiums habe er sich mit Nachfolge beschäftigt, sagt Kreisel. Konkreter wurde es, als neoom vom freiwilligen Advisory Board zum echten Aufsichtsrat überging und schließlich zur AG wurde. Mitte 2023 entschied sich Kreisel, an der Donau-Universität Krems eine Ausbildung zum zertifizierten Aufsichtsrat zu absolvieren; nicht als formaler Akt, sondern um die Rolle in der Tiefe zu verstehen. Im Frühjahr 2025 schloss er ab.

Parallel begann ein bewusster persönlicher Reset – nach acht intensiven Jahren symbolisch verankert in einer Bergbesteigung. Es war der Kilimandscharo, ein 18 Jahre alter Traum, den Kreisel öffentlich als sein Ziel nach dem CEO-Ausstieg kommunizierte.

Die CEO-Suche selbst lief über eine internationale Executive-Search-Firma. Aus einer Longlist wurde eine Shortlist von sieben Kandidat:innen, am Ende blieb Iwan – obwohl er die entscheidende LinkedIn-Nachricht der Recruiterin beinahe übersehen hätte: „Die Nachricht kam am 30. Juni. Erst am 18. Juli habe ich sie zufällig gesehen – und bin gerade noch auf den Zug aufgesprungen“, erinnert sich Iwan. In der zweiten Interview-Runde lernten sich Kreisel und Iwan persönlich kennen. Die offizielle Zeit war nach 45 Minuten vorbei – sie redeten noch eine halbe Stunde weiter.

„Ich war noch nicht bereit“

Rückblickend würde Kreisel den Prozess sogar früher anstoßen, sagt er. Iwan widerspricht lachend: „Also ich wäre noch nicht bereit gewesen!“ Der Satz verweist darauf, dass Iwans Werdegang genau jetzt in die Rolle passte: Acht Jahre bei Shell in unterschiedlichen Managementpositionen, zuletzt als Country Manager für das Tankstellengeschäft in Österreich. 2016 der Wechsel als CEO zum deutschen Wasserstoff-Startup H2 MOBILITY, das er bis 2023 führte. Anschließend Geschäftsführer bei ennoo Rental in Berlin und als Senior Advisor bei McKinsey.

Dass Iwan ausgerechnet aus der Wasserstoffwelt zu einem Strom-Scaleup wechselt, ist kein Zufall – „ich komme aus der Molekülwelt“, sagt er. „Über 80 Prozent der Energie werden in Molekülform bewegt. Aber wir stehen am Beginn des Elektronen-Zeitalters.“

Bei H2 MOBILITY habe er sieben Jahre lang erlebt, dass Wasserstoff „nicht so schnell kommt, wie wir damals dachten“. Im Stromspeicher-Markt ist das Tempo ein anderes: 2025 wuchs der europäische Batteriespeichermarkt nach Daten von SolarPower Europe um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr; seit 2021 hat sich die installierte Kapazität auf 77,3 Gigawattstunden verzehnfacht
. BloombergNEF prognostiziert für 2026 weltweit 33 Prozent Zuwachs. Bis 2030 erwarten Analysten eine weitere Verzehnfachung. Entsprechend hoch sei allerdings auch der Wettbewerb bereits, merkt Iwan an

Sichtbarkeit als Strategie

Die heikelste Phase eines Wechsels ist nicht die Auswahl des Nachfolgers, sondern die Choreografie danach. „Es muss einen Cut geben“, sagt Kreisel, „sonst wird die Rollenveränderung durch die natürlichen Emotionen ein Stück weit überschrieben.“ Iwan formuliert nüchterner: „Wenn Walter jeden Tag hier rumlaufen würde, würden diese informellen Verbindungen meine Autorität ganz leicht unterminieren; obwohl alle wissen, dass es formal nicht mehr so ist.“ Deshalb stimmen sich die beiden vor jedem öffentlichen Auftritt ab. Es ist eine Disziplin, die Kreisel sich abverlangen muss: „Ich stehe auch gerne im Mittelpunkt. Aber es ist gerade wichtig, dass ich es nicht mehr bin – sonst funktioniert das Loslösen gar nicht.“ Gleichzeitig hat sich Iwan bemüht, die DNA des Unternehmens nicht anzutasten. Er nennt sich „neoomian“, trägt die Firmenkleidung.

„Normalerweise ist das Erste, was ein neuer Vorstand macht: Logo ändern, Vision umformulieren. Da gehen zwei Jahre drauf, in denen man sich gar nicht auf das Wesentliche konzentriert“, sagt Kreisel. „Dass Nikolas das nicht macht, ist ein riesiger Unterschied. Es zeigt, wie stark er sich mit der Vision und vor allem der Mission des Unternehmens und mit der Leidenschaft des Teams identifiziert.“

„It’s not about strategy, it’s about execution“

Inhaltlich hat Iwan in seiner ersten Aufsichtsratssitzung im März 2026 einen klaren Rahmen gesetzt: „Es geht nicht um Strategie – es geht um Umsetzung.“ Vision, Produktportfolio, Zielmärkte – all das stehe. Was fehle, sei methodische Umsetzungsstärke. In den ersten sechs Wochen habe er vor allem zugehört: „Ich saß stundenlang in den Wohnzimmern von Endkund:innen, habe den Vertrieb begleitet, mit Partnern und Industriekunden gesprochen.“ Erst danach wurden gemeinsam mit dem Management sechs Prioritäten für drei Monate festgelegt – inspiriert von OKR-Methoden. Intern werden sie „ROKKS“ genannt, visualisiert als sechs Berggipfel.

Es ist genau jener konsequente Stil, den Kreisel im eigenen Führungsverhalten als Schwachstelle identifiziert: „Diese Konsequenz habe ich als Gründer nicht immer eingehalten. Ein Markt, der jetzt anstrengender ist, braucht jemanden, der mehr Erfahrung mitbringt.“ Iwan formuliert den Unterschied: „Walter hat Ideen, die so stark sind, dass sie manchmal einfach rausmüssen, auch wenn kurz vorher noch eine andere wichtig war. For the good kannst du damit ein Unternehmen gründen; for the bad ist das in der täglichen Führung schwierig.“

Deutschland, Konsolidierung, schwarze Null

Operativ steht 2026 unter klaren Vorzeichen: organisches, profitables Wachstum, keine Hyperscale-Vorhaben. Österreich, wo neoom Marktführer ist, soll konsolidiert werden. Den eigentlichen Hebel sieht Iwan in Deutschland. Das mag überraschen, denn Deutschland gilt als der weiter entwickelte Markt. Beim regulatorischen Rahmen ist es aber umgekehrt: Während Österreich bei der Smart-Meter-Durchdringung bei rund 90 Prozent liegt, sei sie in Deutschland im einstelligen Prozentbereich, sagt Iwan. Energiegemeinschaften sind in Österreich seit Jahren etabliert, in Deutschland gibt es sie noch gar nicht. „Da können wir mit dem Absender Österreich punkten.“ Der Markt selbst sei riesig und weitgehend unbearbeitet. Erst zwei von zehn Dächern in Österreich tragen Photovoltaik, nur eines von zehn Gebäuden hat einen Stromspeicher. „Die Branche hat eigentlich noch alles vor sich“, sagt Kreisel. „Das war kurz gehypt mit Greta und Putin; jetzt mit dem Iran. Aber es ist nicht mehr so sexy, weil KI alle Aufmerksamkeit zieht.“

Wie konsequent neoom aufgestellt ist, zeigt ein Gang durchs Headquarter: ein Schaltschrankraum mit 1,2 Megawatt Netzanschluss, ein eigenes Hochvolt-Testlabor in Holzbau, eine Holzkiste, in der nach Kreisels Worten „neoom eigentlich begonnen hat“. Das Unternehmen entwickelt selbst Software, testet und integriert Hardware. Verkauft wird über Partner: Rund 20% der Installationsbetriebe machen 80 Prozent des Umsatzes, über 200 sind registriert. Das Geschäftsmodell ist B2B2C.

Oberstes Ziel für 2026: Profitabilität aus eigener Kraft. Eine konkrete Zahl wollen die beiden nicht nennen. „Profitabilität, ein wertvolles Unternehmen – das ist das oberste Ziel“, sagt Kreisel. „Darum ist das auch kein Rückschritt, sondern ein Anlauf; ein Anlauf, um in einer Branche, die noch gar nicht richtig gestartet hat, mit voller Kraft loszulegen.“

KI als Hebel

Eine zentrale Rolle spielt KI – nicht als Buzzword, sondern als Werkzeug für Effizienzgewinne. neoom hat knapp 100.000 Geräte an über 16.000 Standorten in seiner Cloud zu einem virtuellen Kraftwerk vernetzt. Diese Software-Schicht ist nach Iwans Überzeugung ein zentraler Enabler. „Hardware-Innovation kommt von externen Zulieferern. Aber die Innovationskraft im Software-Bereich entsteht bei uns Inhouse – und zeichnet uns gegenüber Wettbewerbern aus.“ Der KI-Hebel sei dramatisch: zwischen 50 und 1.000 Prozent Effizienzsteigerung in der Code-Entwicklung, je nach Review-Tiefe. Kreisel ergänzt: „Wir haben in den letzten Jahren genügend Ressourcen in Software investiert. Und wir haben keine Legacy. Das ist heute, mit KI, plötzlich unfassbar relevant.“

Was das österreichische Startup-Ökosystem lernen kann

Sowohl Kreisel als auch Iwan verstehen das, was sie gerade durchlaufen, als Beitrag zu einer offeneren Diskussion. „Ich glaube, viele würden Geld dafür bezahlen, diese Learnings zu hören“, sagt Kreisel. Was es brauche, seien sichtbare Best-Practice-Fälle. Iwan nennt einen strukturellen Grund, warum europäische Scaleups beim CEO-Thema zögern: „Es hängt mit dem knappen Kapital und dem Horizont der Investoren zusammen. Die erste Euphorie ist riesig. Dann läuft es nicht so wie gedacht – und die Euphorie ist plötzlich ganz klein.“ Statt pragmatisch nach Stellschrauben zu suchen, werde dann das Unternehmen als Ganzes infrage gestellt – nur die CEO-Frage bleibe das letzte Tabu.

Für neoom kommt jetzt die eigentliche Bewährungsprobe: das Hochfahren in einen Markt, der aufwärts geht – mit einem Team, das eine Konsolidierungsphase hinter sich hat, und einem Gründer im Aufsichtsrat, der sich bewusst zurücknimmt, ohne wegzugehen. Sein Nachfolger sieht die Aufgabe als langfristig an: „Ich bin hier, um zu bleiben“, sagt Iwan.

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