20.01.2026
ANDREAS KLINGER IM INTERVIEW

„Wir sind verrückt genug, dein erster Investor zu sein“: Prototype launcht Fonds III mit 20 Mio. Euro

Mit dem dritten Venture-Capital-Fonds von Prototype Capital plant Andreas Klinger, insgesamt 20 Millionen Euro in europäische Startups in der Early Stage zu investieren. Welche Ziele hinter dem Fonds stehen und warum Europa zehn harte Jahre bevorsteht, erzählt er im Interview mit brutkasten.
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Andreas Klinger ist einer der Initiatoren von EU Inc | (c) Prototype Capital
Andreas Klinger | (c) Prototype Capital

Als Frühphaseninvestor und ehemaliger Gründer ist der Österreicher Andreas Klinger tief im europäischen Tech-Ökosystem verwurzelt. Er war unter anderem CTO bei Product Hunt, VP Engineering bei CoinList, Head of Remote bei AngelList sowie CTO bei On Deck. Zudem engagiert er sich mit der Initiative EU-Inc für eine stärkere europäische Startup-Landschaft (brutkasten berichtete).

Seinen ersten Fonds startete Klinger 2019 unter dem Namen Remote First Capital, aus dem 2024 schließlich Prototype Capital hervorging (brutkasten berichtete). Im Jahr 2025 investierte der VC in insgesamt 15 europäische Early-Stage-Startups, vor allem in den Bereichen Robotik, Automatisierung sowie physikalische und zukunftsweisende KI.

Pro Jahr 15-20 Investments

„Es braucht nur ein paar Verrückte, um einen Kontinent zu reparieren. Lasst uns verrückt sein“, schreibt Klinger auf LinkedIn. „Und wir sind verrückt genug, dein erster Investor zu sein.“

Der dritte Fonds von Prototype Capital hat derzeit 15 Millionen Euro eingesammelt, strebt jedoch ein Gesamtvolumen von 20 Millionen Euro an, wie Klinger gegenüber brutkasten sagt. Zu den Limited Partnern (LPs) zählen vor allem Founder, operative Führungskräfte sowie einige Family Offices.

Geplant seien 30 bis 40 Investments über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren. Pro Jahr wolle man damit in etwa 15 bis 20 Startups investieren. Die typischen Ticketgrößen liegen dabei zwischen 200.000 und 400.000 Euro pro Beteiligung.

Fokus auf Europas Stärken

Bei Prototype sei man der „starken Überzeugung, dass Europa sehr, sehr stark in Manufacturing, Robotics und Automation ist. Eigentlich alles, was Hardware und Engineering ist, alles, was ein bisschen zach zum Bauen ist. Wir sind historisch stark in diesen Bereichen“, sagt Klinger. Gleichzeitig werde jedoch ein Großteil der besten Technologien nach China verkauft, während viele der talentiertesten Gründer:innen und ein erheblicher Teil des Investitionskapitals in die USA abwandern.

Entsprechend klar ist der Fokus des Fonds. „Wir haben früher immer international investiert, und wenn ich jetzt wirklich eine absolute Opportunity in meinem Netzwerk habe, werde ich natürlich nicht absichtlich Nein sagen“, so Klinger. „Aber der Fokus ist Europa definitiv.“

Europa zu stärken sei für ihn auch eine Aufgabe der neuen Generationen. Viele würden die langfristigen Folgen eines wirtschaftlich schwachen Europas unterschätzen. „Es ist halt alles compounding“, sagt Klinger. Wenn Technologien und Produkte nicht in Europa entstünden, „dann haben wir die Jobs nicht, wir haben die Firmen nicht, dementsprechend weniger Einkommen, weniger Lebensqualität bei mehreren Familien. Und auf einmal hat man eine ganze Generation an Leuten, die glaubt, dass die Zukunft schlechter wird als die Vergangenheit“.

„Wir haben die nächsten zehn Jahre die Möglichkeit aufzuholen. Aber es muss auch ernst genommen werden“, ergänzt er. Dafür müsse Europa geschlossen auftreten und nicht in nationalen Einzelinitiativen – ein Ansatz, den er auch mit EU-Inc verfolgt.

So überzeugt man Prototype Capital

Was braucht es also, um Prototype Capital zu überzeugen? Eine ausgeprägte Obsession für ein konkretes Problemfeld sei oft unterschätzt, sagt Klinger. Wer ein Produkt in einem spezialisierten Bereich baue, müsse „komplett obsessed“ damit sein.

Zentral sei zudem ein stark technisch geprägtes Team. „Ich bin der Meinung, dass der CEO das Produkt der Company verkörpern muss als Person.“ Auch Ambition sei entscheidend. „Für mich ist es komplett okay, wenn jemand sagt, sie wollen bewusst eine Nische bedienen. Das Ziel muss aber sein, zumindest weltweit in der Nische Nummer eins zu sein und dann aus der Nische einen Weg zu finden, noch breiter zu werden.“ Das klinge für einige vielleicht selbstverständlich, sei bei Startups aber überraschend unüblich. „Die meisten Founder trauen sich das selber nicht zu“, so Klinger.

Der Idealzustand eines Startup-Investments sei für Prototype erreicht, „wenn es irgendwie komplett Sinn macht und irgendwie schwachsinnig ist, da zu investieren. Ja, das ist eigentlich das, was wir am liebsten machen“.

Fokus auf Community

Prototype Capital versteht sich dabei bewusst nicht als klassischer Venture-Capital-Fonds. „Das hier wird eine Community hyperambitionierter Menschen, die Europa aktiv zum Besseren verändern wollen“, so Klinger. 

Teil dieses Ansatzes sind unter anderem ein YouTube-Kanal, auf dem besonders ambitionierte europäische Startups vorgestellt werden, sowie eine Website, auf der alle Fonds-Updates öffentlich geteilt werden.

Fonds zählt zu den Top-1-5%-Kohorten

Die bisherigen Fonds von Prototype zählen laut einem Bericht von tech.eu weltweit zu den Top ein bis fünf Prozent aller Fonds desselben Jahrgangs. Der erste Fonds aus dem Jahr 2019 erreichte ein 4,9-faches MOIC (Multiple on Invested Capital) sowie ein 0,95-faches DPI, das entspricht nahezu einer vollständigen Rückzahlung des eingezahlten Kapitals.“

Der Wachstumsfonds aus dem Jahr 2022 kommt auf ein 5,6-faches MOIC und ein 2,75-faches DPI, was bedeutet, dass bereits mehr als das Zweieinhalbfache des eingezahlten Kapitals real an Investor:innen ausgeschüttet wurde. Fonds II, ebenfalls 2022 aufgelegt, weist derzeit ein 2,4-faches MOIC auf.

Als größten Erfolg des vergangenen Jahres nennt Klinger gegenüber tech.eu das Portfolio-Unternehmen Luma AI, das als zweites Startup im Portfolio die Milliarden-Dollar-Bewertung überschritt.

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Mathias Lipp-Rosenthal hat mit der KI Schmiede eine eigene KI-Beratung gegründet | Foto: Lipp Rosenthal

Viele Unternehmen wollen KI nutzen. Viele bleiben in der Pilotphase stecken. Diese Beobachtung hat Mathias Lipp-Rosenthal zur Gründung bewogen. Der Kärntner ist im Thema kein Neuling: Er bringt 20 Jahre Erfahrung an der Schnittstelle von Wirtschaft, Technologie und Politik mit, unterrichtet Responsible AI an der DPU in Berlin und hat nach seiner Zeit als stellvertretender Klubdirektor im Neos-Parlamentsklub mit AI Empowered Politics bereits ein KI-Startup gegründet, dessen Plattform Voter AI politische Prozesse transparenter machen sollte (brutkasten berichtete Anfang 2025).

Seit Juni ist seine KI Schmiede am Markt, er ist alleiniger Eigentümer. Je nach Projekt holt er Expert:innen dazu: Thomas Reisinger-Lederer, Berater für Datenschutz, Informationssicherheit und Compliance, verantwortet die AI-Act-Compliance und Datenschutzfragen. Dima Rubanov und Matthias Neumayer, Gründer des Wiener Startup-Studios Run Labs, das mit der Gute-Nacht-Geschichten-App Oscar Stories bekannt wurde (brutkasten berichtete), übernehmen die technische Bewertung und Machbarkeitsanalyse der Use Cases sowie die Produktentwicklung.

Die Beratung richtet sich an Unternehmen im DACH-Raum und begleitet sie von der Analyse ihrer Prozesse bis zu dem Punkt, an dem die Belegschaft KI selbstständig im Alltag einsetzt. KI-Beratung und KI-Schulung sind für Lipp-Rosenthal deshalb keine getrennten Produkte, sondern zwei Etappen desselben Wegs. „Die wollen ja nicht ewig abhängig werden“, sagt er über seine Kund:innen zu brutkasten.

Erst die Daten, dann die KI

Ein Großteil seiner Projekte hat mit generativer KI zunächst wenig zu tun. Es geht um Datenmanagement, um das Aufräumen von Prozessen und das Schaffen von Strukturen. Erst wenn das erledigt ist, setzt Lipp-Rosenthal dort KI-Anwendungen auf, wo sie etwas bringen. „Jeder Prozess, wo die Daten nicht passen, da schaffst du es auch nicht, irgendwie KI darauf aufzubauen.“ Der zweite Baustein ist die Belegschaft: Wer Mitarbeiter:innen nicht einschult und mitnimmt, bekommt aus seiner Sicht die falschen Use Cases.

Von KMU bis zu Konzernen

Gestartet ist Lipp-Rosenthal mit dem Blick auf KMU. Inzwischen arbeitet er nach eigenen Angaben auch für Konzerne, wo es um die Integration von KI in Prozesse und um die Schulung von Mitarbeiter:innen geht. Als Referenz nennt er die Gruppe Hollenstein: Das Unternehmen macht er „KI ready“, unter anderem mit der DSGVO-konformen Plattform Langdock. Ziel ist, repetitive Prozesse zu automatisieren, ohne die Qualität für die Kund:innen zu opfern.

Auf eine Branche legt er sich nicht fest: „Es liegt an den Geschäftsführern, an den Entscheidern. Wenn der Wille zur Veränderung da ist, dann ist die Branche eigentlich nebensächlich.“

Was er bei seinen Kund:innen beobachtet, führt zu seiner zentralen These. Fragen nach Hosting, Lizenzkosten und Eigenentwicklung häufen sich. „Jedes Unternehmen wird viel mehr zu einem Technologie- und Software-Unternehmen werden“, sagt Lipp-Rosenthal.

Boutique statt Beratungskonzern

Die KI Schmiede ist bewusst als Boutique-Beratung angelegt. Lipp-Rosenthals Anspruch ist, „so klein wie möglich und so impactvoll wie möglich“ zu bleiben und im eigenen Betrieb so früh wie möglich zu automatisieren. Skaliert wird über das Expertennetzwerk, nicht über eigenes Personal. Neben der KI Schmiede bleibt Lipp-Rosenthal in der Lehre aktiv, mit Lehraufträgen an der Quadriga Hochschule, der FH Wiener Neustadt und dem ARS Institut in Wien.

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