24.11.2025
SLUSH

Andreas Klinger: „Schöne Seen und Sisi-Mythos retten uns nicht die Zukunft“

Interview. Im Rahmen der Slush haben wir in Helsinki Andreas Klinger, Investor und Mitinitiator der EU-INC, zum Interview getroffen. Im Gespräch gibt er einen Einblick in die Lobbyarbeit rund um EU-INC und erklärt, was Europa jetzt braucht, um seinen Innovationsstandort nachhaltig zu stärken.
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Andreas Klinger im Rahmen der Slush | (c) Martin Pacher

Wohin steuert Europa technologisch, regulatorisch und wirtschaftlich? Diese Frage war eines der dominierenden Themen der Slush 2025. Besonders sichtbar wurde das beim Panel mit EU-Kommissarin Henna Virkkunen und Investor Andreas Klinger, in dem beide offen über den Reformbedarf sprachen. Virkkunen betonte, dass Europa dringend schneller, weniger bürokratisch und innovationsfreundlicher werden müsse.

Henna Virkkunen und Andreas Klinger auf der Hauptbühne der Slush | (c) Martin Pacher

In diesem Spannungsfeld positioniert sich EU–INC, die Initiative für eine europäische Rechtsform, die Klinger gemeinsam mit Verbänden und Startup-Organisationen vorantreibt. Die Petition wird von zahlreichen prominenten Tech-Gründer:innen aus Europa unterstützt – darunter etwa Anton Osika (Lovable) oder Arthur Mensch (Mistral).

Im Zuge der Slush haben wir mit Klinger über den aktuellen Stand der EU–INC, über seine Lobbyarbeit und darüber gesprochen, was Europa jetzt konkret tun muss, um im globalen Innovationswettlauf nicht weiter zurückzufallen. Dabei wurde deutlich: Die kommenden Monate entscheiden, ob Europa den Mut hat, eine wirklich einheitliche Gründer:innen-Entität zu schaffen.


brutkasten: Ihr habt mit EU–INC im Herbst eine Kampagne für Social Media gestartet und die Petition wird von zahlreichen bekannten Gründern aus Europa unterstützt. Was ist die aktuelle Response? 

Andreas Klinger: Der aktuelle Status ist, dass die EU Kommission in wenigen Monaten dazu einen Gesetzesvorschlag machen wird. Die große Frage ist: Was wird darin stehen? Wir müssen auf jeden Fall verhindern, dass es ein Modell wird nach dem Motto „jedes Land bekommt seine eigene EU–INC-Version“. Das wäre fatal. Die Idee ist: eine direkte europäische Verordnung (engl. regulation), eine einheitliche Entität.

Und jetzt ist die Frage: Was genau wird Teil der EU–INC? Sie wollen auch arbeitsrechtliche und steuerrechtliche Themen integrieren, was grundsätzlich super ist. Aber das Problem ist: Deutschland, Frankreich und Österreich werden nicht die größten Taxpayer in Brüssel abstellen. Da spielt’s einfach nicht.

Andreas Klinger auf der Hauptbühne der Slush | (c) Martin Pacher

Worauf gilt es hier im Zuge der Debatte aus deiner Sicht besonders zu achten?

Die Rechtsform muss für alle verfügbar sein. Vorher zu definieren, was ein „gutes“ oder “innovatives” Startup ist, ist unmöglich. Was Erfolg hat, ist selbst für Investoren schwer vorherzusagen. Das Schlimmste wäre, wenn Brüssel entscheidet, wer die EU–INC nutzen darf. Oder noch schlimmer: wenn Startups nach einem Pivot oder schnellem Wachstum plötzlich neu reincorporaten müssten. Stell dir vor, du erreichst fünf Millionen Revenue und musst dann ein halbes Jahr lang verschwenden, um die Firma neu aufzusetzen. Das killt jedes Momentum. Deshalb: Die Entität muss clean und lean sein. 

Wie läuft deine Lobbyarbeit ab und wie viel Zeit fließt da rein?

Wir haben ein ganzes Team – zum Glück! Ich bin da eher das „funny mouth“. Dabei sind Leute, die die größten europäischen Startup-Verbände machen, wie ESN oder Allied for Startups, aber auch Tier-One-Legal-Experten und Policy-Experten. 

Ich mache das eigentlich als Hobby und stecke hauptsächlich Abende und Wochenenden rein. Der Großteil passiert über Zoom-Calls und eine WhatsApp Gruppe. Und im Moment ist vor allem die EU-Kommission wichtig. Noch wichtiger sind aber die nationalen Führungsebenen: Premiers, Kanzler und Kabinette.

Was ist deine Rolle auf der Slush? Bist du hier als Investor oder für EU–INC?

Ich raise gerade meinen Solo-GP-Fonds. Zielsumme haben wir erreicht, aber ich mache ihn noch etwas größer – rund 20 Millionen. Den Fonds werden wir in den nächsten Wochen announcen. Der Fokus: Automation, Robotics, Hardware, Developer-Tooling, Manufacturing. Hier auf der Slush treffe ich LPs, die sowieso alle da sind. Zudem bin ich auch als Speaker auf der Bühne. Mit Henna Virkkunen (Exekutive Vizepräsidentin für technologische Souveränität, Sicherheit und Demokratie) und dem Gründer von Wolt haben wir uns auf der Hauptbühne über EU–INC unterhalten.

Du investierst jetzt vor allem in Europa. Warum dieser Fokus?

Weil wir die nächsten zehn Jahre nutzen müssen, um Europas Wirtschaft zu reparieren. Sonst sind wir erledigt. Compounding wirkt nämlich auch nach unten. Die letzten 25 Jahre wurden alle Premium-Jobs in den USA geschaffen: Software, AI, Cloud. Dadurch entstanden Einkommen, Wohlstand, Produktivität. Europa hat das verpasst.

China wird nicht langsamer. Indien zieht extrem stark an – als Manufacturing-Hub, aber auch als Tech-Standort. Amerika wird Europa nicht retten. Und gleichzeitig haben wir hier Wirtschaftskrise, Krieg, Klimawandel. Wir müssen jetzt entscheiden, ob wir in Zukunft auf Platz zwei, drei, vier oder überhaupt auf der Liste sind.

Was braucht Europa deiner Meinung nach wirklich dringend, um wieder konkurrenzfähig zu werden?

Für mich hängt viel am Innovation Loop. Du musst schnell incorporaten können, du musst schnell investieren können, du brauchst funktionierende Stock Options. Das ist EU–INC. Wenn dieser Loop nicht funktioniert, brauchst du den Rest gar nicht diskutieren.

Dann brauchst du High-Skill-Immigration. Wirklich schnell. Wenn du in Wien jemanden hast, der Hammer ist und in Kasachstan sitzt, dann muss der innerhalb von 24 Stunden ein Angebot mit VIsa bekommen können. Punkt. Anders funktioniert das nicht.

Und wir brauchen mehr institutionelles Geld. Pension Funds, Versicherungen, die großen Töpfe – die müssen überhaupt einmal in Venture investieren dürfen. Sonst hast du nie genug Kapital, um irgendwas Großes aufzubauen. Und dann brauchst du einen paneuropäischen Stock Exchange. Einen Ort, wo du überhaupt exiten kannst. Weil erst dann kommt internationales Risk Capital zu uns.

Ohne Exits kein Kapital. Und wir haben in den letzten Jahren Schlüsselunternehmen wie ABB Robotics oder KUKA nach Asien verkauft. Europa sollte viel stärker auf das Leitthema Manufacturing setzen, darin sind wir richtig gut.

Auf welches Leitthema sollte Österreich setzen?

Österreich glaubt, es ist ein Tourismusland. Das ist falsch. Tourismus sind vielleicht sechs Prozent im GDP. Industrie sind 20 bis 40 Prozent. Österreich muss aufhören zu glauben, dass schöne Seen und Sisi-Mythos die Zukunft retten. Politiker sehen Startups als „junge, kreative SMEs“. Das ist absurd. Das Ziel eines Startups ist es, massiv und die größte Firma eines Landes zu werden.. Das checken leider viele nicht.


Slush-Insights 2025: Warum der Norden Europas so stark ist

Die Slush 2025 unterstreicht erneut, warum die nordischen Länder international als Benchmark für Innovation, Deep-Tech-Entwicklung und Startup-Skalierung gelten. Kaum ein anderes Event bündelt in so kurzer Zeit so viel Kapital, Talent und Technologie.

Mitten in diesem Umfeld spricht Mikolaj Norek, Head of Technology and Innovation am AußenwirtschaftsCenter Stockholm, über die Besonderheiten des nordischen Ökosystems, die langjährige Entwicklung der Slush und die Faktoren, die diese Region zu einem internationalen Hotspot gemacht haben.

Disclaimer: Die Reise- und Übernachtungskosten wurden von der AUSSENWIRTSCHAFT AUSTRIA der Wirtschaftskammer Österreich übernommen.

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Gerhard Petzl möchte mit seinem Elektrolyt-Cocktail ein unbesetztes Segment erobern. | © Gerhard Petzl

Wenn Gerhard Petzl eine seiner Plash-Dosen aufmacht, fühlt sich das für ihn ein bisschen nach Urlaub an. Genau dieses exklusive Gefühl will der Gründer mit seinem Getränke-Startup in den Alltag seiner Kund:innen bringen. Seine alkoholfreien Mocktails sollen nach Bar schmecken und nebenbei Elektrolyte liefern. Das Konzept würde die Gen Z mit dem Begriff „Spaßgetränk“ auf den Punkt bringen. Etwas, das man sich zu besonderen Anlässen gönnt, wie ein Gläschen Wein, nur gesünder.

Der Geschmack einer Bar, die Mineralien eines Sportgetränks

Der Hybrid-Cocktail in den drei Geschmacksrichtungen Pink Guava, Lemon & Mint und Orange Ginger | © Plash

Am Anfang der Getränke-Reise stand ein Ärgernis: Sportgetränke liefern Elektrolyte, schmecken aber nicht besonders hochwertig, Softdrinks schmecken, sind aber oft voll mit Zucker oder anderen Konservierungsmitteln. Also entwickelte Petzl, laut eigenen Angaben, den ersten trinkfertigen Mocktail mit Elektrolyten in der EU.

Eine 330-Milliliter-Dose enthält laut eigenen Angaben rund 20 Kalorien, drei Gramm Zucker und bis zu zehn Prozent Fruchtsaft. Zudem sind die Getränke vegan und kommen ohne Konservierungsstoffe aus. Auf künstliche Zuckerfreiheit verzichtet das Startup bewusst: „Der Zucker fungiert als Brücke, die das Geschmacksprofil und die Fruchtnoten stabilisiert“, betont Petzl im Gespräch. Ohne die drei Gramm Zucker würde im Mittelbereich des Körpers der Geschmack absacken – selbst bei der Verwendung von Stevia.

Pro Dose enthält der Hybrid-Cocktail zudem 320 Milligramm Kalium, 120 Milligramm Kalzium, 57 Milligramm Magnesium und 14 Milligramm Natrium in einer Menge, die laut Petzl die gesetzlichen Vorgaben für die Auslobung erfüllt. Ein vergleichbares US-Produkt unterschreite sie. Die gelösten Mineralien zählen zu den teuersten Zutaten, wie der Gründer im Gespräch verrät.

Vom Pastry Chef über Nestlé zum Alleingründer

Ursprünglich kommt Petzl aus der Schokoladenwelt: Über 20 Jahre arbeitete er als Pastry Chef, Chocolatier und Berater in Europa, den USA, Asien und Australien, nach eigenen Angaben mit mehr als acht Goldmedaillen. Danach entwickelte er knapp ein Jahrzehnt lang bei Nestlé in der Schweiz Produkte, von Schokolade bis Babynahrung, und stieg im Sommer 2025 aus.

Eigenfinanzierung und schrittweiser Markteintritt

In puncto Kapitalstruktur geht Plash eigenständige Wege. Petzl ist alleiniger Gründer und verzichtete aktiv auf externes Risikokapital, um die volle Kontrolle über Rezepturen und Unternehmensstrategie zu behalten. Die Produktentwicklung erfolgte in der Schweiz, wo der Webshop im August dieses Jahres eröffnete. Ein Karton mit 24 Dosen wird online für 69,95 Schweizer Franken angeboten.

Parallel bereitet das Startup den Markteintritt in Österreich vor. Die Produktion für den EU-Raum soll künftig direkt in Österreich oder der EU erfolgen, um Logistikwege zu optimieren und Zoll- sowie Mehrwertsteuerhürden zu vermeiden. Der Marktstart im österreichischen Handel verzögert sich aktuell jedoch durch bürokratische Prozesse rund um das nationale Einwegpfandsystem, für das gesetzliche Vertretungen und Registrierungen erforderlich sind.

B2B-Personalisierung und Gastronomie

Um sich im hart umkämpften Getränkesektor durchzusetzen, verzichtet Plash vorerst bewusst auf den klassischen Lebensmitteleinzelhandel. „Der Supermarkt ist definitiv der letzte Schritt“, betont Petzl. Stattdessen setzt das Unternehmen auf zwei Säulen: die gehobene Gastronomie, Hotellerie und Event-Szene sowie ein direktes B2B-Modell.

Für Unternehmenskunden bietet Plash personalisierte Drink-Boxen an, die als Mitarbeiter- oder Kundengeschenke positioniert werden. Kleinserien ab 30 Stück können individuell bedruckt und geliefert werden. Nach dem Anlauf im DACH-Raum plant Plash eine schrittweise internationale Skalierung, unter anderem im Mittleren Osten, wo der Lifestyle-Ansatz des alkoholfreien Premiumsortiments greifen soll. Zu Verkaufszahlen äußert er sich noch nicht. Zum Jahreswechsel soll Österreich folgen, mit Vertrieb, Lager und möglichst auch Produktion vor Ort.

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