21.07.2021

„An Optimist’s Guide to a Sustainable Future“: Alice Schmidt und Claudia Winkler starten neue Brutkasten-Kolumne

Alice Schmidt und Claudia Winkler sind pragmatische Denkerinnen und Macherinnen im Bereich Nachhaltigkeit. Für den Brutkasten starten sie mit "An Optimist’s Guide to a Sustainable Future" eine neue Kolumne, in der Ideen und Geschäftsmodelle vorgestellt werden, die sich erfolgreich mit der Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft befassen.
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Sustainable Challenge
Alice Schmidt und Claudia Winkler (v.l.n.r.)

Was wäre, wenn wir nur mehr Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die unsere Zukunft nachhaltig verbessern? Dieser Frage gehen Alice Schmidt und Claudia Winkler in ihrer neuen Kolumne für den Brutkasten nach, die neue Ideen und Geschäftsmodelle für eine nachhaltige Zukunft vor den Vorhang holt und künftig monatlich erscheinen wird.

Alice Schmidt arbeitet mit UNO-Organisationen, NGOs, der Europäischen Union und Unternehmen an Nachhaltigkeit und sozialer Transformation in Entwicklungs- und Schwellenländern. Neben diversen Board-Funktionen ist sie an der Wirtschaftsuniversität Wien Lektorin für “Sustainable Business & Management for Tomorrow”.

Claudia Winkler ist leidenschaftliche soziale Innovatorin und Unternehmerin. Sie ist Gründerin mehrerer Unternehmen unter anderem des nachhaltigen Mobilfunkers goood mobile in Deutschland und Österreich Für ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche internationale Auszeichnungen u.a. als eine der „Most impactful global Social Innovators“ am World CSR Day 2019.

Ihre gemeinsamen Erkenntnisse und Erfahrungen aus mehr als 20 Jahren Forschung und Praxis in über 40 Ländern zu Klimaschutz, Circular Economy, Technologie und nachhaltigem Wirtschaften teilen Alice und Claudia in ihrem neuen Buch “The Sustainability Puzzle” und ab sofort auch in der neuen Brutkasten-Kolumne „An Optimist’s Guide to a Sustainable Future“.


Wir stehen an einem Wendepunkt

Die Pandemie hat jeden Winkel unserer globalen Gesellschaft durchleuchtet und verändert. Im großen gesellschaftlichen Aufräumen sind jetzt Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit an der Reihe. Dass die Zeit drängt, zeigt die immer rasanter werdende Flut von Nachrichten, die uns über Hitzewellen in Kanada, Jahrhundert-Überschwemmungen in Deutschland und Buschbrände in Australien berichten. 

Werden wir in der Lage sein, die großen globalen Herausforderungen zu meistern und Gesundheit, Gerechtigkeit und Wohlstand für alle zu sichern? 

Wir sind optimistisch. Wir glauben, dass bald eine kritische Masse von Menschen erkannt haben wird worum es geht, was auf dem Spiel steht und was wirklich zählt. Mehr und mehr Menschen verstehen, dass es keinen Sinn macht nur darauf zu schauen, was Nachhaltigkeits-Investments kosten und welche Einschränkungen sie möglicherweise verursachen, sondern dass vor allem die vielmals höheren sozialen Kosten, die durch Nicht-Nachhaltigkeit entstehen, eingepreist werden müssen.

Weiter wie bisher geht also nicht – das ist mittlerweile vielen klar. Die andere gute Nachricht ist, dass die Werkzeuge, die wir für die Lösung unserer großen globalen Herausforderungen wie Klimawandel und sozialer Ungerechtigkeit brauchen, bereits existieren. Nun geht es darum, diese in die Hand zu nehmen und konkrete Lösungen umzusetzen die das große Ganze im Blick behalten.

Nachhaltigkeit ist nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch eine spannende Geschäftschance.

Alice Schmidt und Claudia Winkler

Keine Angst vor Paradigmenwechsel

Veränderung entsteht zuerst in den Köpfen, und da braucht es viel Mut zur Veränderung. Einiges tut sich schon: So hat die Europäische Kommission am 14. Juli 2021 das „Fit for 55“-Paket präsentiert und zwölf konkrete Vorschläge angenommen, um die Bereiche Klima, Energie, Landnutzung, Verkehr und Steuern in Europa so zu gestalten, dass die Netto-Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent gesenkt werden. 

Mit diesem mutigen Plan will die EU-Kommission bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent sein. Dabei bleibt kein Stein auf dem anderen, wir stehen vor einer großen sozialen Transformation. Das „Fit for 55″-Paket beinhaltet die nötigen Rechtsinstrumente für eine grundlegende Neuausrichtung unser Wirtschaft und Gesellschaft, um eine gerechte, „grüne“ und lebenswerte Zukunft zu gewährleisten. Das Paket umzusetzen ist kein Kinderspiel, aber es ist notwendig und ein Signal für die Welt jenseits von Europa, dass ein Paradigmen-Wechsel nötig und möglich ist. Denn Europa kann globale Herausforderungen nicht alleine stemmen.

Innovationsgeist ist nötig, um Neues zu schaffen

Nachhaltigkeit ist nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch eine spannende Geschäftschance. Laut einer Berechnung der Vereinten Nation würde das Erreichen der globalen Sustainable Development Goals (SDGs) ein Potenzial von zwölf Billionen US-Dollar erschließen und 380 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. Gleichzeitig könnten Klimaschutzmaßnahmen bis 2030 etwa 26 Billionen US-Dollar einsparen.

Diese Zahlen sollten Anreiz genug für alle Innovatoren und Business Developer sein, sich mit Chancen im Nachhaltigkeitsbereich auseinanderzusetzen und aktiv zu werden. Selbst für jene, die mit Nachhaltigkeit, Weltverbesserung & Co bisher nichts am Hut hatten.

Die Zeit für Diskussionen ist vorbei, wir müssen zeigen, dass es möglich ist – denn Beispiele schaffen Realität

Philipp von der Wippel

Beispiele schaffen Realität

Dafür, dass Nachhaltigkeit und Wachstum nicht im Widerspruch stehen, gibt es zahlreiche Beispiele: Die Outdoor-Marke Patagonia, die ganz gezielt auf Kreislaufwirtschaft und Weltverbesserung setzt, das erfolgreiche InsureTech Lemonade in den USA oder Tomorrow Bank, das Deutsche FinTech mit Ethik-Schwerpunkt sind sozial und ökologisch nachhaltig und wirtschaftlich höchst erfolgreich. Sie alle haben die Zeichen der Zeit schon längst erkannt. 

Wir brauchen dringend weitere Vorbilder, die sich erfolgreich mit der Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft auseinandersetzen, indem sie festgefahrene Strukturen, Gewohnheiten und Denkweisen hinterfragen und neu gestalten. Denn, wie der Impact Unternehmer Philipp von der Wippel in einem mitreißenden TED-Talk sagt: “Die Zeit für Diskussionen ist vorbei, wir müssen zeigen, dass es möglich ist – denn Beispiele schaffen Realität“

Inspiration für Innovatoren

Das ist auch der Grund, warum wir in dieser Kolumne Ideen und Geschäftsmodelle vorstellen, die sich erfolgreich mit der Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft befassen, und zwar so richtig und ohne Greenwashing-Ambition.

Menschen sind kreativ und können ihre Energie auch dafür einsetzen, die Welt gerechter und grüner zu machen. Viele mutige Unternehmer:innen weltweit setzen ihre Leidenschaft für eine nachhaltige Zukunft für alle schon lange ein. Viele davon sehen sich wie wir als Systemveränderer, die mit offener, radikaler Kollaboration und einer gesunden Portion Optimismus die Herausforderungen unsere Zeit in Angriff nehmen.

Was wäre, wenn wir ab jetzt nur noch Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die unsere Zukunft nicht zerstören, sondern sie nachhaltig verbessern?

Wenn wir mehr auf das große Ganze schauen, aufhören in Silos zu denken und die Zusammenhänge zwischen sozialen, ökologischen und ökonomischen Faktoren verstehen, können wir ganzheitliche Lösungen entwickeln, deren positive Wirkungen sich gegenseitig verstärken und unbeabsichtigte negative Effekte verhindern. Genau darüber schreiben wir in unserem Buch “The Sustainability Puzzle”, und um weitere konkrete Beispiele geht es in dieser Kolumne.

Eine schöne Herausforderung, oder? Es ist Zeit, aktiv zu werden! Jetzt!  

Alice & Claudia


PS: Kennt ihr Unternehmen, von denen wir wissen sollten, also die Euch inspirieren weil sie Nachhaltigkeit als Chance formulieren und konkrete Lösungsansätze entwickeln? Wir freuen uns auf Euer Feedback!


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Neoom Ex-CEO Walter Kreisel (l.) und sein Nachfolger Nikolas Iwan © Antje Wolm

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wer das neoom-Headquarter in Freistadt betritt, blickt zuerst nach oben: Im Eingangsbereich hängt ein Astronaut von der Decke, daneben führt eine Wendeltreppe empor, die an eine startende Rakete erinnert. Das Gebäude trägt den Namen „Free City“. Walter Kreisel, neoom-Gründer und seit Anfang des Jahres nicht mehr CEO, nennt es „Freistadt neu interpretiert als Raumschiff“ – mit Stadtmauer, grünem Turm, Stadtgraben und Zugbrücke.

Außen setzt sich diese Konsequenz fort: Schwarze Photovoltaikmodule nord-, ost-, west- und südseitig, dazu am Dach; rund 400 Kilowatt verteilt auf eine Bauwerkshülle, die zuerst Strom produziert und den Überschuss im 1,2 Megawattstunden großen Speicher zwischenlagert. Davor: ein Parkplatz, auf dem fast jedes Fahrzeug ein Elektroauto ist, fünfzig Ladestationen. Rund hundert neoom-Mitarbeiter:innen arbeiten hier auf 780 Quadratmetern, weitere hundert verteilt auf andere Standorte. 80 bis 85 Prozent der verbrauchten Energie produziert das Gebäude selbst.

Es ist eine Inszenierung, die Kreisels Stil als CEO über acht Jahre präzise zusammenfasst: Vision, Symbolik, Größe. Umso bemerkenswerter, dass dieser Mann seit Februar nicht mehr operativ verantwortlich ist – er hat das Steuer übergeben; an Nikolas Iwan, der zuvor bei Shell, H2 MOBILITY und McKinsey in Führungspositionen die Energiewende mitgestaltet hat. Mitte April 2026, am Tag des neoom-Live-Events, zu dem die wichtigsten Geschäftspartner – die „Power Partner“ – nach Freistadt anreisen, übernimmt erstmals Iwan die Hauptbühne. Kreisel hat sich am informellen Abend zuvor bewusst zurückgehalten.

„Wenn Walter gestern aufgetaucht wäre, hätte sich vieles auf ihn konzentriert“, sagt Iwan. „Er hat die Beziehungen zu den Power Partnern aufgebaut. Wir haben uns vorher abgestimmt.“ Diese Abstimmung – wer wann sichtbar ist, wer wo nicht auftaucht – ist seit Monaten Teil des täglichen Geschäfts der beiden. Sie ist der Grund, warum das Unternehmen den Wechsel an der Spitze bisher reibungslos gemeistert hat.

Denn ein CEO-Wechsel ist für ein Scaleup eine der riskantesten Operationen überhaupt. „Du hast dauerhaft den Zünder einer ungesicherten Handgranate in der Hand“, sagt Kreisel. „Wenn du da nicht stabil bist, sprengt es dir das Unternehmen; weil der Prozess völlig undefiniert abläuft – und ein massives Risiko ist.“

Das Tabuthema

Kreisels offene Worte sind selten – obwohl es zuletzt einige ähnliche Fälle gab. Im November 2025 gab Bitpanda-Mitgründer Eric Demuth seine Co-CEO-Rolle ab und wechselte als Executive Chairman in den Verwaltungsrat; Lukas Enzersdorfer-Konrad führt das Krypto-Unicorn nun allein. Im Januar 2026 zog sich Prewave-Mitgründerin Lisa Smith aus der Geschäftsführung zurück, ihr Co-Founder Harald Nitschinger übernahm die alleinige operative Verantwortung. Drei prominente Fälle innerhalb weniger Monate – das deutet auf einen Trend hin.

Während in den USA der Wechsel vom Gründer-CEO zum professionellen Manager als normaler Skalierungsschritt gilt – Investor Hermann Hauser hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Europa nicht nur ein Kapital-, sondern auch ein Management-Problem habe –, herrscht hierzulande Schweigen über das Wie. „Bei Herr und Frau Österreicher ist so etwas ein Tabuthema“, sagt Kreisel. „Der Eigentümer ist Geschäftsführer bis zu seinem Tod, dann macht der Sohn oder die Tochter weiter.“

Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt.

Die Reaktionen auf seine Ankündigung im Februar bestätigen das. In der Region Freistadt wurde gefragt: „Haben sie ihn rausgehaut?“ In der Startup-Bubble wurde gefragt: „Wie viel Geld hast du rausgezogen?“ Dass der Gründer freiwillig in den Aufsichtsrat wechselt und keine Anteile verkauft hat, passte nicht ins gängige Schema. „Vom Aufsichtsrat über die Berater bis zu den Headhuntern: Niemand kennt sich aus“, kritisiert Kreisel. „Das war ein leerer Wald, ohne Baum und ohne Holz.“ Best-Practice-Modelle? Fehlanzeige. „Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt“, ergänzt Iwan.

Acht Jahre – ein Kilimandscharo

Schon während seines MBA-Studiums habe er sich mit Nachfolge beschäftigt, sagt Kreisel. Konkreter wurde es, als neoom vom freiwilligen Advisory Board zum echten Aufsichtsrat überging und schließlich zur AG wurde. Mitte 2023 entschied sich Kreisel, an der Donau-Universität Krems eine Ausbildung zum zertifizierten Aufsichtsrat zu absolvieren; nicht als formaler Akt, sondern um die Rolle in der Tiefe zu verstehen. Im Frühjahr 2025 schloss er ab.

Parallel begann ein bewusster persönlicher Reset – nach acht intensiven Jahren symbolisch verankert in einer Bergbesteigung. Es war der Kilimandscharo, ein 18 Jahre alter Traum, den Kreisel öffentlich als sein Ziel nach dem CEO-Ausstieg kommunizierte.

Die CEO-Suche selbst lief über eine internationale Executive-Search-Firma. Aus einer Longlist wurde eine Shortlist von sieben Kandidat:innen, am Ende blieb Iwan – obwohl er die entscheidende LinkedIn-Nachricht der Recruiterin beinahe übersehen hätte: „Die Nachricht kam am 30. Juni. Erst am 18. Juli habe ich sie zufällig gesehen – und bin gerade noch auf den Zug aufgesprungen“, erinnert sich Iwan. In der zweiten Interview-Runde lernten sich Kreisel und Iwan persönlich kennen. Die offizielle Zeit war nach 45 Minuten vorbei – sie redeten noch eine halbe Stunde weiter.

„Ich war noch nicht bereit“

Rückblickend würde Kreisel den Prozess sogar früher anstoßen, sagt er. Iwan widerspricht lachend: „Also ich wäre noch nicht bereit gewesen!“ Der Satz verweist darauf, dass Iwans Werdegang genau jetzt in die Rolle passte: Acht Jahre bei Shell in unterschiedlichen Managementpositionen, zuletzt als Country Manager für das Tankstellengeschäft in Österreich. 2016 der Wechsel als CEO zum deutschen Wasserstoff-Startup H2 MOBILITY, das er bis 2023 führte. Anschließend Geschäftsführer bei ennoo Rental in Berlin und als Senior Advisor bei McKinsey.

Dass Iwan ausgerechnet aus der Wasserstoffwelt zu einem Strom-Scaleup wechselt, ist kein Zufall – „ich komme aus der Molekülwelt“, sagt er. „Über 80 Prozent der Energie werden in Molekülform bewegt. Aber wir stehen am Beginn des Elektronen-Zeitalters.“

Bei H2 MOBILITY habe er sieben Jahre lang erlebt, dass Wasserstoff „nicht so schnell kommt, wie wir damals dachten“. Im Stromspeicher-Markt ist das Tempo ein anderes: 2025 wuchs der europäische Batteriespeichermarkt nach Daten von SolarPower Europe um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr; seit 2021 hat sich die installierte Kapazität auf 77,3 Gigawattstunden verzehnfacht
. BloombergNEF prognostiziert für 2026 weltweit 33 Prozent Zuwachs. Bis 2030 erwarten Analysten eine weitere Verzehnfachung. Entsprechend hoch sei allerdings auch der Wettbewerb bereits, merkt Iwan an

Sichtbarkeit als Strategie

Die heikelste Phase eines Wechsels ist nicht die Auswahl des Nachfolgers, sondern die Choreografie danach. „Es muss einen Cut geben“, sagt Kreisel, „sonst wird die Rollenveränderung durch die natürlichen Emotionen ein Stück weit überschrieben.“ Iwan formuliert nüchterner: „Wenn Walter jeden Tag hier rumlaufen würde, würden diese informellen Verbindungen meine Autorität ganz leicht unterminieren; obwohl alle wissen, dass es formal nicht mehr so ist.“ Deshalb stimmen sich die beiden vor jedem öffentlichen Auftritt ab. Es ist eine Disziplin, die Kreisel sich abverlangen muss: „Ich stehe auch gerne im Mittelpunkt. Aber es ist gerade wichtig, dass ich es nicht mehr bin – sonst funktioniert das Loslösen gar nicht.“ Gleichzeitig hat sich Iwan bemüht, die DNA des Unternehmens nicht anzutasten. Er nennt sich „neoomian“, trägt die Firmenkleidung.

„Normalerweise ist das Erste, was ein neuer Vorstand macht: Logo ändern, Vision umformulieren. Da gehen zwei Jahre drauf, in denen man sich gar nicht auf das Wesentliche konzentriert“, sagt Kreisel. „Dass Nikolas das nicht macht, ist ein riesiger Unterschied. Es zeigt, wie stark er sich mit der Vision und vor allem der Mission des Unternehmens und mit der Leidenschaft des Teams identifiziert.“

„It’s not about strategy, it’s about execution“

Inhaltlich hat Iwan in seiner ersten Aufsichtsratssitzung im März 2026 einen klaren Rahmen gesetzt: „Es geht nicht um Strategie – es geht um Umsetzung.“ Vision, Produktportfolio, Zielmärkte – all das stehe. Was fehle, sei methodische Umsetzungsstärke. In den ersten sechs Wochen habe er vor allem zugehört: „Ich saß stundenlang in den Wohnzimmern von Endkund:innen, habe den Vertrieb begleitet, mit Partnern und Industriekunden gesprochen.“ Erst danach wurden gemeinsam mit dem Management sechs Prioritäten für drei Monate festgelegt – inspiriert von OKR-Methoden. Intern werden sie „ROKKS“ genannt, visualisiert als sechs Berggipfel.

Es ist genau jener konsequente Stil, den Kreisel im eigenen Führungsverhalten als Schwachstelle identifiziert: „Diese Konsequenz habe ich als Gründer nicht immer eingehalten. Ein Markt, der jetzt anstrengender ist, braucht jemanden, der mehr Erfahrung mitbringt.“ Iwan formuliert den Unterschied: „Walter hat Ideen, die so stark sind, dass sie manchmal einfach rausmüssen, auch wenn kurz vorher noch eine andere wichtig war. For the good kannst du damit ein Unternehmen gründen; for the bad ist das in der täglichen Führung schwierig.“

Deutschland, Konsolidierung, schwarze Null

Operativ steht 2026 unter klaren Vorzeichen: organisches, profitables Wachstum, keine Hyperscale-Vorhaben. Österreich, wo neoom Marktführer ist, soll konsolidiert werden. Den eigentlichen Hebel sieht Iwan in Deutschland. Das mag überraschen, denn Deutschland gilt als der weiter entwickelte Markt. Beim regulatorischen Rahmen ist es aber umgekehrt: Während Österreich bei der Smart-Meter-Durchdringung bei rund 90 Prozent liegt, sei sie in Deutschland im einstelligen Prozentbereich, sagt Iwan. Energiegemeinschaften sind in Österreich seit Jahren etabliert, in Deutschland gibt es sie noch gar nicht. „Da können wir mit dem Absender Österreich punkten.“ Der Markt selbst sei riesig und weitgehend unbearbeitet. Erst zwei von zehn Dächern in Österreich tragen Photovoltaik, nur eines von zehn Gebäuden hat einen Stromspeicher. „Die Branche hat eigentlich noch alles vor sich“, sagt Kreisel. „Das war kurz gehypt mit Greta und Putin; jetzt mit dem Iran. Aber es ist nicht mehr so sexy, weil KI alle Aufmerksamkeit zieht.“

Wie konsequent neoom aufgestellt ist, zeigt ein Gang durchs Headquarter: ein Schaltschrankraum mit 1,2 Megawatt Netzanschluss, ein eigenes Hochvolt-Testlabor in Holzbau, eine Holzkiste, in der nach Kreisels Worten „neoom eigentlich begonnen hat“. Das Unternehmen entwickelt selbst Software, testet und integriert Hardware. Verkauft wird über Partner: Rund 20% der Installationsbetriebe machen 80 Prozent des Umsatzes, über 200 sind registriert. Das Geschäftsmodell ist B2B2C.

Oberstes Ziel für 2026: Profitabilität aus eigener Kraft. Eine konkrete Zahl wollen die beiden nicht nennen. „Profitabilität, ein wertvolles Unternehmen – das ist das oberste Ziel“, sagt Kreisel. „Darum ist das auch kein Rückschritt, sondern ein Anlauf; ein Anlauf, um in einer Branche, die noch gar nicht richtig gestartet hat, mit voller Kraft loszulegen.“

KI als Hebel

Eine zentrale Rolle spielt KI – nicht als Buzzword, sondern als Werkzeug für Effizienzgewinne. neoom hat knapp 100.000 Geräte an über 16.000 Standorten in seiner Cloud zu einem virtuellen Kraftwerk vernetzt. Diese Software-Schicht ist nach Iwans Überzeugung ein zentraler Enabler. „Hardware-Innovation kommt von externen Zulieferern. Aber die Innovationskraft im Software-Bereich entsteht bei uns Inhouse – und zeichnet uns gegenüber Wettbewerbern aus.“ Der KI-Hebel sei dramatisch: zwischen 50 und 1.000 Prozent Effizienzsteigerung in der Code-Entwicklung, je nach Review-Tiefe. Kreisel ergänzt: „Wir haben in den letzten Jahren genügend Ressourcen in Software investiert. Und wir haben keine Legacy. Das ist heute, mit KI, plötzlich unfassbar relevant.“

Was das österreichische Startup-Ökosystem lernen kann

Sowohl Kreisel als auch Iwan verstehen das, was sie gerade durchlaufen, als Beitrag zu einer offeneren Diskussion. „Ich glaube, viele würden Geld dafür bezahlen, diese Learnings zu hören“, sagt Kreisel. Was es brauche, seien sichtbare Best-Practice-Fälle. Iwan nennt einen strukturellen Grund, warum europäische Scaleups beim CEO-Thema zögern: „Es hängt mit dem knappen Kapital und dem Horizont der Investoren zusammen. Die erste Euphorie ist riesig. Dann läuft es nicht so wie gedacht – und die Euphorie ist plötzlich ganz klein.“ Statt pragmatisch nach Stellschrauben zu suchen, werde dann das Unternehmen als Ganzes infrage gestellt – nur die CEO-Frage bleibe das letzte Tabu.

Für neoom kommt jetzt die eigentliche Bewährungsprobe: das Hochfahren in einen Markt, der aufwärts geht – mit einem Team, das eine Konsolidierungsphase hinter sich hat, und einem Gründer im Aufsichtsrat, der sich bewusst zurücknimmt, ohne wegzugehen. Sein Nachfolger sieht die Aufgabe als langfristig an: „Ich bin hier, um zu bleiben“, sagt Iwan.

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