13.04.2023

Alpbach-Präsident Treichl: „Macron hat das Richtige zum falschen Zeitpunkt gesagt“

Das European Forum Alpbach 2023 findet in diesem Jahr von 19. August bis 2. September statt. Unter dem Jahresthema "Bold Europe" widmet sich der Event heuer den dringendsten Herausforderungen Europas.
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Andreas Treichl, European Forum Alpbach 2023, Macron
(c) Elisabeth Mandl - Andreas Treichl, Präsident des "European Forum Alpbach".

„Alpbach ist keine Konferenz“. Dies stellen Alpbach-Präsident Andreas Treichl, Generalsekretär Feri Thierry und Leopold Schmertzing, „Head of Unit Content“, wiederholt klar, als sie die Neurungen beim European Forum Alpbach 2023 präsentieren.

„Alpbach ist ein Forum. Unsere Zielsetzung ist es nicht, Personen eine Bühne zu bieten, die es geschafft haben, eine Bewegung zu starten – wie etwa Greta Thunberg mit Fridays for Future – sondern wir wollen der Jugend Europas vermitteln, dass das, was bei der Umwelt passiert ist, auch bei anderen Themen passieren muss. Bei der Energie, Verteidigung und Wirtschaft. Auch wenn sie weniger emotional besetzt sind als Umweltschutz, wir brauchen solche Bewegungen, wollen sie in Gang bringen und ‚viele kleine Greta Thunbergs entwickeln‘.“

Alpbach 2023: „Bold Europe“

Mit dieser Aussage umreißt Treichl im Prinzip das, worum es in Alpbach geht. Dazu wurde für das heurige Programm das Motto „Bold Europe“ ausgerufen, dass neben dem hehren Vorhaben, die Jugend zum Diskurs mit Leadern diverser Branchen zu animieren, auch weitere Ebenen öffnet. Ebenen, die in den letzten Dekaden in Europa zu Problemfällen wurden.

„Vor über 30 Jahren gab es die Westbalkankrise“, so Treichl präzisierend. „Das war ein fürchterliches Ereignis mitten in Europa. Und Europa war nicht in der Lage, das Problem zu lösen. Europa war damals, so wie heute, energieabhängig, aber am Weg nach vorne. Es war der größte Binnenmarkt der Welt, der sozial ausgewogenste Kontinent und am Sprung, zu einer globalen politischen Macht zu werden.“ Heute jedoch sei Europa noch immer energieabhängig, noch immer nicht verteidigungsfähig und habe in keiner Industrie führende Firmen.

Europa und die politische Kraft

„Die politische Kraft Europas hat massiv nachgelassen“, so Treichl weiter. „Macron hat vor ein paar Tagen das Richtige zum falschen Zeitpunkt gesagt. Europa muss Wege finden, wie es wieder eine Rolle spielen kann auf der Welt, muss in der Lage sein, Probleme zu lösen. Alpbach 2023 wird ein Ereignis sein, wo wir vor allem die Jugend Europas mit Leuten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammenbringen.“


Zur Erklärung: Der französische Präsident Emmanuel Macron hat in einem Politico-Interview auf der Rückreise von seinem Staatsbesuch in China betont, dass Europa seine Abhängigkeit von den USA verringern müsse. Außerdem dürfe sich Europa nicht in die Konfrontation zwischen China und den USA um Taiwan hineinziehen lassen. „Das Paradoxe wäre, dass wir vor lauter Panik glauben, wir seien nur die Gefolgsleute Amerikas“, erklärte Macron im Polit-Medium. „Die Frage, die sich die Europäer stellen müssen, lautet: Ist es in unserem Interesse, eine Krise auf Taiwan zu beschleunigen? Nein. Das Schlimmste wäre, zu glauben, dass wir Europäer bei diesem Thema zu Mitläufern werden und uns an der US-Agenda und einer chinesischen Überreaktion orientieren müssten.“


Unter all diesen Aspekten soll schlussendlich, nach dem Blick auf das „Neue Europa“ im vergangenen Jahr, beim „European Forum Alpbach 2023“ der Mut in den Mittelpunkt gestellt werden. Dabei steht „A Bold Europe“ für klare Ziele: „Europa muss unabhängiger werden, aber weltoffen bleiben“, heißt es per Aussendung. „Dem Klimawandel gilt es, aktiv und entschlossen zu begegnen. Europas Wirtschaft muss wettbewerbsfähiger werden und in ‚Technologie & Innovation‘ investieren. Die Zeit verlangt nach einer neuen Sicherheitsarchitektur für unseren Kontinent. Und wir müssen unsere Demokratie gegen autoritäre Einflüsse verteidigen. Europa braucht mehr Mut, die Welt zu gestalten.“

Treichl dazu ergänzend: „Europa muss geeint, schnell und beherzt handeln. Unser diesjähriges Jahresthema ‚Bold Europe‘ bedeutet, jetzt mutig voranzugehen: Was brauchen wir, um Europa energieunabhängig und verteidigungsfähig zu machen? Wie kann die europäische Industrie wieder wettbewerbsfähig werden? Welche Lösungen es für diese und für viele weitere Herausforderungen gibt, werden wir diesen Sommer in Alpbach diskutieren.“

Das Programm: Vier Themenschwerpunkte in Alpbach 2023

Das European Forum Alpbach 2023 wird sich auch in diesem Jahr an vier Themenschwerpunkten orientieren: „Rallying for Climate Action“, „Fighting for Europe’s Economic Sovereignty“, Securing Europe in a Multipolar World“ sowie „Reinforcing Democracy in Europe“.

„Zudem haben wir die Struktur des Events um zwei neue Module ergänzt. Sowohl die ‚Europe in the World Days‘, als auch die ‚Austria in Europe Days‘ sind inhaltlich auf die Teilnehmenden ausgerichtet. Somit bieten wir allen EFA-Besucher:innen das für sie passende Modul“, erklärt Thierry, EFA-Generalsekretär, die Neuerungen.

Am 19. August startet das Forum mit den „Euregio Days“ und der Prämierung von Forschung und Innovation aus der Europaregion Tirol, Südtirol und Trentino. Am selben Tag starten auch die „Alpbach Seminars“. Fünf Tage lang nehmen hier hunderte Stipendiat:innen aus der ganzen Welt an den Seminaren teil, um gemeinsam zu lernen und zu diskutieren.

Lab Days und Europa in der Welt

Ab dem 24. August treffen sich, während der „Lab Days“ innovative Köpfe, um Lösungen für ein bestimmtes Thema zu erarbeiten. Ausgewählte Expert:innen setzen sich an den Vormittagen bis 27. August mit konkreten Fragestellungen auseinander. Stages, Chats und Hikes laden nachmittags alle Teilnehmenden zum gemeinsamen Austausch ein. Der Modul-Überblick.

Bei den erstmalig stattfindenden „Europe in The World Days“ vom 27. bis 30. August treffen sich europäische Entscheidungsträger: innen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Kultur zum Saisonauftakt in Alpbach. So werden sich etwa die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo sowie die Co-Präsidentin des „Club of Rome“ Sandrine Dixson-Declève über die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen austauschen.

Desinformation und Polarisierung als Thema

Die Leiterin der UNO-Hauptabteilung für Globale Kommunikation, Melissa Fleming, wird indes über die zunehmende Polarisierung und Manipulation öffentlicher Informationen und Diskurse reden. Ebenfalls in Alpbach: die belarussische Oppositionsführerin und Leiterin des vereinigten Übergangskabinetts Sviatlana Tsikhanouskaya, die ihre Expertise zu den Themen Geopolitik und Demokratie ebenso einbringen wird, wie auch Wirtschaftswissenschafter Sergei Guriev sowie die Präsidentin des „German Marshall Funds“, Heather Conley, der ehemalige schwedische Premierminister Carl Bildt und der Politikexperte Ivan Krastev.

Der Vorstand der Deutschen Börse, Stephan Leithner wird zudem bei der Frage mitdiskutieren, wie Europa ausreichende Finanzierungsquellen für Unternehmen und Technologieinvestitionen bereitstellen kann und wie Kapitalmärkte zur Bewältigung des ökologischen und digitalen Wandels beitragen können.

Austria in Europe Days in Alpbach

Bei den „Austria in Europe Days“ vom 30. August bis 2. September wird es um die Rolle Österreichs in Europa gehen. Bei der offiziellen Eröffnung dieses Moduls wird Bundespräsident Alexander Van der Bellen mit der slowenischen Präsidentin Nataša Pirc Musar sowie dem Ersten Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments, Othmar Karas, darüber sprechen, wie man Europas Zukunft nachhaltig stärken kann.

Militäranalyst und Direktor des „Russia Studies Program“ des „Center for Naval Studies“, Michael Kofman, wird außerdem zusammen mit Oberst Markus Reisner vom Österreichischen Bundesheer die technologischen, taktischen und strategischen Faktoren erörtern – einschließlich der Drohung mit Nuklearwaffen – die auf dem Schlachtfeld des russischen Angriffskriegs in der Ukraine entscheidend waren, um Lehren für potenzielle zukünftige Konflikte und militärische Planungen in Europa zu ziehen.

Auch das All und Stiglitz dürfen nicht fehlen

Der Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), Josef Aschbacher, geht in Alpbach der Frage nach, was Europa benötigt, um im Wettlauf um den Weltraum nicht zurückzufallen. Der Präsident des größten indischen Think Tanks, „Observer Research Foundation“ (ORF), Samir Saran, spricht indes über neue Ideen und Lösungsansätze in multiplen Krisen. Nobelpreisträger und Alpbach-Stammgast Joseph Stiglitz analysiert die finanzielle Zukunft der nächsten Generation und welche Rolle in diesem Zusammenhang der digitale Wandel, staatliche Eingriffe oder Kapitalmärkte spielen.

Neu ist ab heuer auch das Konzept des Kunst- und Kulturprogramms: Ein:e Kurator:in wird dazu eingeladen, ein künstlerisches Konzept für das European Forum Alpbach zu gestalten. In diesem Jahr konnte Yana Barinova als Gastkuratorin gewonnen werden. Um Kunst möglichst zugänglich zu präsentieren, setzt die Künstlerin auf überraschende Begegnungen in ungewohnten Kontexten.

„Unser Streben nach einer inklusiveren und offeneren Gesellschaft rückt das Zusammenleben in den Fokus der Gegenwart. Ich bin der Überzeugung, dass gerade die Kunst die tiefgreifenden Veränderungen aufzeigen kann, die ein Leben in Bewegung und ohne Grenzen, als ständig Umherziehende mit sich bringt“, sagt Barinova.

Drei Kunstführungen in Alpbach

Teilnehmende des Forums sollen künstlerische Interventionen erleben und bei Führungen, Performances, Wanderungen und Gesprächen mit Künstler:innen in Interaktion treten. Thematisiert werden vor allem, wie europäische Gesellschaften um eine Willkommenskultur ringen, sowie das Ziel eines friedlichen Miteinanders von Mensch und Natur.

Die österreichische Künstlerin Deborah Sengl und die ukrainische Künstlerin Elena Subach arbeiten zudem an einer Installation, die die existenziellen Herausforderungen für geflüchtete Personen beleuchtet. Die österreichisch-iranische Künstlerin Soli Kiani dagegen behandelt in ihrem Werk Kontrollverlust sowie Menschen- und Frauenrechte in von Ideologie beherrschten Gesellschaften. Barinovas übergeordnete Thematik, Mobilität und Bewegung im Sinne fortwährender Veränderung, ist letztlich eine Aufforderung an Europa, „mutig zu handeln und Risiken als Chance zu verstehen“, heißt es.

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Lilly Eichinger, Gründerin und CEO von Satellives: Der erste Flug ihres modularen Satelliten ist für Q1 2029 geplant. | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Wer heute im All etwas anderes vorhat als Erdbeobachtung oder Kommunikation, stößt schnell an eine Wand. „Wenn du irgendetwas im All machen willst, egal ob Experimente, Manufacturing, Datenspeicherung oder eine Plattform für Quantenkommunikation, dann hast du keine Infrastruktur“, sagt Lilly Eichinger, Gründerin und CEO von Satellives. „Es gibt kaum Plattformanbieter.“ Bisher führe der Weg für solche Missionen im Wesentlichen über die ISS. Deren Betrieb soll 2030 enden, kommerzielle Nachfolgestationen sind in Entwicklung, aber noch keine im Regelbetrieb.

In diese Lücke will das Tullner Startup. Der Ausgangspunkt war das Ergänzungsstudium Extended Studies on Innovation am Innovation Incubation Center (i²c) der TU Wien, wo Eichinger die Idee entwickelte. Kunst und Philosophie hatte sie vor ihrem Physik- und Architekturstudium in Wien studiert.

Der Leporello-Satellit

Das Produkt ist ein flacher Satellit, der aus einzelnen Einheiten besteht: den Tiles, jede fünf Zentimeter hoch und etwa so groß wie eine Pizzaschachtel. „Es sieht aus wie Kacheln, im Grunde wie Solarpaneele, die sich im Orbit entfalten“, sagt sie. „Aber es sind keine Solarpaneele. Es sind voll funktionsfähige Satelliten.“

Der Kniff steckt im Scharnier. Die Einheiten sind verbunden und übereinander gestapelt, ähnlich einem Leporello. Gestapelt passen sie in einen handelsüblichen CubeSat-Dispenser, was die Startkosten drückt. Im Orbit entfalten sie sich zu einer langen Kette: „Wir nennen sie Mosaics Satellites.“

Ein Mosaic von Satellives | (c) Satellives

Der technische Kernclaim betrifft Energie. Pro Einheit könne man bei gleichem Gewicht viermal so viel Energie speichern wie ein durchschnittlicher CubeSat, sagt Eichinger. Der Wert beruht auf eigenen Berechnungen und ist im Flug nicht demonstriert. „Das Einzige, was es im All unbegrenzt gibt, ist Energie.“ Nur lasse sie sich kaum nutzen: Bei CubeSats sei nicht das Einsammeln das Problem, sondern der fehlende Platz für Batterien. Wer energiehungrige Missionen fliegen wolle, habe deshalb nur schlechte Optionen. „Entweder du baust einen 50-Millionen-Dollar-Satelliten, was fast niemand kann, oder du kannst es nicht.“

Dazu kommt Modularität. „Die meisten Satelliten sind One-Trick-Ponys“, sagt Eichinger. An die Plattform lassen sich dagegen Produktionsboxen andocken. Zwei Tiles würden nach ihrer Rechnung reichen, um einen kleinen 3D-Drucker dauerhaft zu versorgen und gleichzeitig als Plattform für Quantenkommunikation oder Datenspeicherung zu dienen.

Flache Satelliten an sich sind nicht neu, das räumt Eichinger ein: Starlink stapelt sie längst, weil sich so Startkosten sparen lassen. Neu sei die Kombination aus flachem Formfaktor und echter Modularität. Das Patent dafür ist nach ihren Angaben bei der WIPO und in Österreich angemeldet, zunächst bewusst auf ihren Namen und nicht auf die Gesellschaft. Ende Juli wurde es an die Gesellschaft übertragen. Ab einem gewissen Punkt, sagt sie, mache staatsnahe oder fremdgehaltene IP ein Unternehmen für Investor:innen unattraktiv.

Gegen den Hype

Rechenzentren im Orbit sind für Satellives selbst ein Zielmarkt. Beim Hype darum bremst Eichinger trotzdem. „Alle sagen: Bringt die Datenspeicher ins All, dort ist es kalt. So funktioniert das nicht.“ Kühlung sei auch oben nötig. Wäre das der einzige Punkt, sagt sie, bräuchte es den Orbit gar nicht: „Warum bringt man die Daten dann nicht in die Arktis? Dort kann man sie kühlen.“ Der größte Engpass sei das Wärmemanagement: Im Vakuum lasse sich ein Rechenzentrum nur schwer kühlen. Dazu kämen Verarbeitung und Downlink per Laserkommunikation, beides brauche kontinuierlich hohe Energie. Ein riesiges und künftig sehr relevantes Geschäftsfeld sei es dennoch.

Satellives-Gründerin Lilly Eichinger im Gespräch mit brutkasten-Chefredakteur Martin Pacher. (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Verglühen lassen will sie nichts. „Wir planen, zu 100 Prozent nachhaltig zu operieren.“ Der übliche Wiedereintritt am Missionsende erzeuge giftige Gase. „Okay, nicht ein einzelner CubeSat. Aber wenn es eine Million sind oder zehntausend im Jahr, dann summiert sich das.“ Beschädigte Tiles sollen stattdessen über einen Reentry-Service zurückkommen und recycelt werden.

Kapitalbedarf

Firmensitz ist Tulln, weil Satellives über das AplusB-Scale-up-Programm vom accent Inkubator begleitet wird, bis Ende Januar 2027. Das Headquarter soll langfristig in Wien liegen. Das Kernteam umfasst laut Website vier Personen: neben Eichinger als CEO ein Technical Co-Founder, ein Operations Co-Founder und eine weitere Person im Bereich Operations.

Der Kapitalbedarf: rund 1,6 Millionen Euro für 18 Monate. Die Hälfte davon soll aus Förderungen und von Business Angels kommen. „Wir arbeiten da gerade wirklich zehn Stunden am Tag dran“, sagt Eichinger. Erst mit dem Geld könne man Ingenieur:innen einstellen und vom Prototyping in den echten Bau wechseln. Dazu sucht das Startup 25.000 bis 50.000 Euro für die Patentanmeldung in weiteren Ländern.

Das Ziel: zwei Einheiten, erste On-Orbit-Demonstration in Q1 2029, die bereits Pilotkund:innen bedienen soll. Das Fernziel formuliert sie größer. „Österreich kann für Space das werden, was Estland für die Digitalisierung ist. Es ist ein kleines Land, niemand hätte erwartet, dass Estland zum digitalen Hub wird. Aber sie sind es geworden, und sie rocken es.“

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