17.03.2022

So arbeitet die ABA bei Rot-Weiß-Rot-Karten und Co mit Startups zusammen

Was kann die österreichische Standortagentur ABA in- und ausländischen Unternehmen und insbesondere Startups bieten? Marion Biber, Head of Invest in Austria, und Margit Kreuzhuber, Head of Work in Austria, im Doppel-Interview.
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Marion Biber, Head of Invest in Austria, und Margit Kreuzhuber, Head of Work in Austria, im brutkasten-Interview | (c) ABA
Marion Biber, Head of Invest in Austria, und Margit Kreuzhuber, Head of Work in Austria, im brutkasten-Interview | (c) ABA

Die ABA (Austrian Business Agency) feiert dieses Jahr ihr 40-Jahr-Jubiläum. Mit Work in Austria wurde die ABA vor etwas mehr als zwei Jahren zur Standortagentur ausgebaut. Mit ihren drei Geschäftsbereichen Invest in Austria, Work in Austria und Film in Austria berät die ABA kostenlos internationale Unternehmen, Fachkräfte und Filmproduktionen bei Fragen rund um den Wirtschafts-, Forschungs- und Arbeitsstandort sowie Österreich als Drehort. Dabei werden diverse Unterstützungsleistungen angeboten. Die kürzlich präsentierte Jahresbilanz 2021 fiel positiv aus: Im Bereich Betriebsansiedlungen wurde etwa das zweitbeste Ergebnis in der 40-jährigen ABA-Geschichte erreicht – der brutkasten berichtete.

Im Interview erklären Marion Biber, Head of Invest in Austria, und Margit Kreuzhuber, Head of Work in Austria, welche Services ihre Abteilungen bieten, welche davon von Startups besonders häufig genutzt werden und in welche Richtung sich die ABA weiterentwickelt.


Was sind die wichtigsten Ziele von Invest in Austria?

Marion Biber: Das wichtigste Ziel ist es, den Wirtschaftsstandort Österreich im Ausland bekannter zu machen und internationale Unternehmen und Unternehmer von einer Ansiedlung hier zu überzeugen und bei der Gründung und Expansion in Österreich zu begleiten. Wir begreifen uns als One-Stop-Shop und wollen den Unternehmen den Einstieg hier so leicht wie möglich machen. Auch bereits hier angesiedelte Betriebe betreuen wir weiter. Sie können sich mit Fragen jederzeit an uns wenden. Und wir versuchen dafür zu sorgen, dass sich die internationalen Unternehmen noch stärker hier engagieren und zum Beispiel Forschungsprojekte in Österreich umsetzen oder unterstützen das lokale Management bei Argumentationen im Konzern für den Wirtschaftsstandort.

Den Bereich Betriebsansiedlung der ABA gibt es bereits seit 40 Jahren. Vor rund zwei Jahren ist „Work in Austria“ dazu gekommen. Warum gab es diese Erweiterung?

Marion Biber: Unser Eigentümer, das Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort hat entschieden, uns zu einer Standortagentur auszubauen. Mit unseren drei Geschäftsbereichen sprechen wir jetzt internationale Unternehmen, internationales Fachpersonal und internationale Filmproduktionen an und holen sie nach Österreich. Der internationale Wettbewerb dreht sich eben nicht mehr nur um die besten Unternehmen, sondern auch um die besten Köpfe. Daher passt das gut zusammen. Vor allem die kostenlose Unterstützung bei der Rot-Weiß-Rot-Karte ist für uns sehr hilfreich, da bei einer Ansiedlung ja oft auch internationale Spitzenkräfte nach Österreich kommen.

Welche Services bietet Work in Austria heimischen Unternehmen konkret?

Margit Kreuzhuber: Wir unterstützen Unternehmen bei der Suche nach internationalem Fachpersonal und bewerben den Arbeitsstandort Österreich im Ausland. So tritt Österreich bei Spezialist:innen, aber auch schon bei Studierenden bestimmter Fachrichtungen international stark in Erscheinung und wird als Zielland noch attraktiver.

Work in Austria unterstützt viele Unternehmen im bekanntlich relativ komplexen Antragsprozess der Rot-Weiß-Rot-Karte, die inzwischen zu einem ziemlich emotionalen Thema wurde. Sollte der Vorgang aus ABA-Sicht vereinfacht werden?

Margit Kreuzhuber: Das Thema Verfügbarkeit von Fachpersonal ist klarerweise ein sehr emotionales Thema, weil der Unternehmenserfolg davon abhängt. Man sollte an allen verfügbaren Schrauben drehen, um die Situation zu verbessern. Es gibt konkrete Vorschläge der österreichischen Bundesregierung zum Thema Stärkung der internationalen Mobilität: es steht einiges dazu im Regierungsprogramm und es gibt auch darauf aufbauend einen Ministerratsvortrag. Die Vorschläge werden von uns unterstützt. Aber trotzdem braucht es auch im Vollzug eine individuelle Unterstützung und Hilfestellung für die Unternehmen, damit die Verfahren möglichst rasch und reibungslos abgewickelt werden können. Das sehen wir als unsere Aufgabe bei Work in Austria.

Was müssen Unternehmen zur ABA mitbringen, um die größten Erfolgsaussichten bei einem RWR-Karten-Antrag zu haben?

Margit Kreuzhuber: Idealerweise sollte man noch vor der Antragstellung zu uns kommen, damit wir gleich einschätzen können, wie erfolgsversprechend der Antrag ist. Da geben wir gerne einen reality check. Dann sehen wir uns gemeinsam an, ob die notwendigen Dokumente vollständig sind. Wir helfen beim Ausfüllen aller Unterlagen und unterstützen im gesamten weiteren Prozedere. Wenn wir merken, dass es mit einer Behörde Schwierigkeiten gibt, treten wir als Vermittler auf und versuchen den Prozess so reibungslos wie möglich mitzugestalten.

Es gibt inzwischen einige Player am Markt, die von privater Seite Hilfe bei einem RWR-Karten-Antrag anbieten. Ist das eine Konkurrenz zum Angebot von Work in Austria?

Margit Kreuzhuber: Wir sehen das absolut als Bereicherung. Wir begreifen uns als Partner für diese neuen Anbieter und kooperieren mit mehreren davon. Es gibt dabei eine klare Rollenverteilung. Wir versuchen generell bei den RWR-Karten-Verfahren eine Vogelperspektive einzunehmen. Die Verfahren sind sehr vielschichtig. Es hängt vom AMS, von den Aufenthaltsbehörden und von den Vertretungsbehörden im Ausland ab und wir wollen zwischen diesen Playern bestmöglich vermitteln, damit das Prozedere so rund wie möglich verläuft.

Marion Biber, Head of Invest in Austria, und Margit Kreuzhuber, Head of Work in Austria, im brutkasten-Interview | (c) ABA
Marion Biber, Head of Invest in Austria, und Margit Kreuzhuber, Head of Work in Austria, im brutkasten-Interview | (c) ABA

Welche weiteren Services von Work in Austria sind für Startups besonders relevant?

Margit Kreuzhuber: Ganz neu ist der „Immigration Guide“. Dort kann man sich selbst durch die Möglichkeiten der Arbeitskräfte-Einwanderung durchklicken. Man kann etwa in Erfahrung bringen, welche Rot-Weiß-Rot-Karte im konkreten Fall infrage kommt und welche Dokumente man für den Antrag braucht. Man wird auf sehr praktikable Art durch den gesamten Prozess durchgeleitet, was eine gute Basis für weitere Beratung schafft.

Wichtig sind auch unsere Services im Bereich Relocation, also Leben und Arbeiten in Österreich. Für die Entscheidung für ein Land ist es natürlich ausschlaggebend, wie die Rahmenbedingungen für die Familienangehörigen sind. Es gibt von uns einen Support für die Aufenthaltsgenehmigung der Familienmitglieder, aber auch für Themen wie Wohnung, Schulbesuch, Krankenversicherung und weitere Themen in dem Zusammenhang. Dabei kooperieren wir auch eng mit den Standortagenturen in den Bundesländern.

Ein weiterer wichtiger Service von uns ist die Bewerbung des Arbeitsstandorts Österreich im Ausland. Wir haben auch eine Jobbörse, die wir bei unseren Aktivitäten im Ausland vorstellen. Indem sie ihre offenen Stellen in unserer Jobbörse posten, können auch Startups besser geeignetes Fachpersonal im Ausland erreichen. Unsere Angebote werden von den Unternehmen sehr gerne in Anspruch genommen; das Feedback das wir bekommen, ist sehr positiv.

Wenn Gründer:innen aus dem Ausland nach Österreich kommen, werden sie von Invest in Austria unterstützt. Welche Services werden da angeboten?

Marion Biber: Wir begleiten internationale Gründer:innen bzw. Unternehmen wirklich in allen Phasen des Ansiedlungsprozesses. Noch bevor sie sich für einen Standort entschieden haben und während sie vielleicht gerade noch mehrere Länder evaluieren, liefern wir ihnen bereits die gesamten Informationen, die sie zu Österreich brauchen und versuchen sie natürlich zu überzeugen.

Wenn der Entschluss gefallen ist, nach Österreich zu kommen, verstehen wir uns als One-Stop-Shop. Wir bieten etwa erste Informationen zu rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen und haben dazu in unserem Netzwerk Anwalts- und Steuerberatungskanzleien, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Wir helfen auch bei der Suche nach dem idealen Standort und der passenden Immobilie. Dann vermitteln wir zu den Förderinstitutionen und noch mehr. Wir sind ein sehr internationales Team. Ganz oft geht es darum zu erklären, warum etwas in Österreich anders ist, als im Heimatland. Fragen sind etwa, wie die Suche nach Personal in Österreich funktioniert oder wie sich das Arbeitsrecht unterscheidet.

Gibt es Services, die gerade für ausländische Neugründer:innen besonders wichtig sind und bei Betriebsansiedlungen weniger relevant?

Marion Biber: Es ist weniger der Unterschied zwischen Neugründungen und Betriebsansiedlungen, sondern mehr zwischen kleinen und großen Unternehmen. Die kleinen freuen sich umso mehr, unsere Dienstleistungen kostenlos in Anspruch nehmen zu können. Oft sind die internationalen Gründer:innen sehr überrascht, dass es so ein Service gibt und sie freuen sich, wenn man sie wirklich bei der Hand nimmt und ihnen etwa zeigt, wo sie sich die Gewerbeberechtigung holen können oder welche Banken besonders gut mit Startups zusammenarbeiten. Das sind wirklich sehr praxisnahe Hilfestellungen. Bei den großen Unternehmen geht es meistens darum, sie bei der gesamten Standort-Suche inklusive Organisation aller Termine, Locationsuche und -besichtigung und Vernetzung mit den Regionalagenturen zu unterstützen.

Deutschland ist laut kürzlich präsentierten Zahlen das mit Abstand häufigste Herkunftsland bei Betriebsansiedlungen über Invest in Austria. Welche anderen Länder sind besonders wichtig?

Wir sind im Team geografisch organisiert und decken so praktisch die ganze Welt ab. Natürlich gibt es Märkte, aus denen besonders viele ausländische Direktinvestitionen kommen. Deutschland ist Österreichs Handelspartner Nummer 1 und hat bei uns ebenfalls jährlich einen Anteil von etwa 30 Prozent bei Betriebsansiedlungen, aber auch bei Bestandsinvestitionen. An zweiter Stelle liegen Italien und die Schweiz, die sich immer wieder abwechseln – also ebenso Nachbarländer.

Osteuropa ist in den vergangenen Jahren immer stärker geworden. Da haben wir über die vergangenen Jahrzehnte beobachtet, dass sich die Rolle des österreichischen Wirtschaftsstandortes geändert hat. Wir sind nicht mehr nur die Brücke in den Osten, sondern wirklich die Drehscheibe für osteuropäische Unternehmen, darunter auch viele Startups, die von hier aus weiter Richtung Westen expandieren. Wir betreuen aber etwa auch die USA, Kanada, Japan und China aktiv.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung seit der Gründung von Work in Austria? Wie soll es weitergehen?

Marion Biber: Wir haben in den vergangenen zwei Jahren im Zuge der Entwicklung zur Standortagentur bei Invest in Austria eine stärker qualitätsorientierte Strategie eingeschlagen. Wir sprechen verstärkt Unternehmen aus den Bereichen IT und Life Sciences sowie Startups und Unternehmen, die in diesen Bereichen Forschung betreiben, an. Voriges Jahr ist es uns gelungen, den Prozentanteil der Ansiedlungen aus diesen strategisch wichtigen Bereichen von 14 auf 21 Prozent zu steigern. Wir sehen in der Praxis, dass die Schnittstellen zwischen Invest in Aaustria und Work in Austria immer enger werden. Und es ergeben sich immer mehr solche Schnittstellen, an die wir zu Beginn gar nicht gedacht haben.

Wie sind die vergangenen zwei Jahre aus Work in Austria-Sicht verlaufen? Was ist zu erwarten?

Margit Kreuzhuber: Der Bereich hat sich extrem erfolgreich entwickelt. Im Vorjahr haben wir 494 Unternehmen bei uns beraten. Drei Viertel der Unternehmen kamen aus dem Mint-Bereich. 90 Prozent der bearbeiteten Fälle konnten positiv abgeschlossen werden. Das ist eine sensationelle Quote. Man sieht, dass es den Bedarf an dieser Unterstützung gibt. Und wenn man sich das Fachpersonal-Thema und die demografische Entwicklung ansieht, bin ich sehr fest davon überzeugt, dass das Thema weiter an Fahrt gewinnen wird und auch, dass wir gut dafür aufgestellt sind.

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Neuron Automation
© zVg - (v.l.) Heinrich Steininger, Michael Plankensteiner und Michael Kübeck.

Wir schreiben das Jahr 2006. Irgendwo über den Wolken sitzt Michael Kübeck in einem Flugzeug. Der Private-Equity-Investor, der nach Jahrzehnten bei Philips in Wien eine eigene Firma gegründet hat, sucht nach spannenden Zielen für seine Privatinvestoren. Eine Startup-Szene, wie wir sie heute kennen, existiert in Österreich noch nicht. Im Flieger schlägt das Schicksal zu und er kommt mit einem Bekannten ins Gespräch. Der erzählt ihm von einer kleinen, hochspezialisierten Wiener Softwarefirma im Bereich der Industrieautomatisierung.

Zwei der Gründer wollen aussteigen, ein anderer – Heinrich Steininger – will weitermachen. Kübeck wird hellhörig. Er ahnt damals noch nicht, dass dieser Flug der Startschuss für eine bemerkenswerte Transformationsgeschichte der österreichischen Tech-Industrie werden wird: die Evolution eines stillen Hidden Champions zum international vernetzten Unternehmen.

Die Anfänge von Neuron Automation

Die Wurzeln des 2025 auf Neuron Automation (bis vor kurzem noch als logi.cals firmierend) umbenannten Unternehmens reichen tief in die 80er Jahre hinein. Heinrich Steininger, damals Student der technischen Mathematik, programmiert nebenbei Steuerungen für Kläranlagen und Mischfutterwerke. Als 1986 die Anfrage kommt, ein Programm zu schreiben, das aus, in einem CAD-Programm gezeichneten, Funktionsplänen den Code für eine Steuerung generiert, weigert er sich im „jugendlichen Übermut“, wie er erzählt. „Das kann man schon so tun, aber ich halte das für keine gute Idee“ war seine damalige Antwort. „Wenn, dann sollte man das ordentlich machen.“ So entwickelte über den Sommer einen kompletten Editor.

Ein mutiger Schritt, der sich auszahlt. Ein großer Kunde wird aufmerksam, gibt Geld, und die Firma wird gegründet. Das Unternehmen (Anm.: damals noch Kirchner Soft, ab 2007 logi.cals) wächst organisch, stets nah am Kunden. Ohne Venture Capital, aus dem eigenen Cash Flow heraus, etabliert sich die Firma als Hidden Champion.

© zVg – Die drei Kirchnersoft-Gründer (v.l.): Gründer: Thomas Mayer, Heinrich Steininger und Friedrich Kirchner.

Ein Drittel aller globalen Wasserkraftwerke wird bald mit ihrer Software laufen – ebenso wie ein Großteil der Tachos und Zentralsteuergeräte in Autobussen weltweit. Ein interessantes Detail am Rande ist die Marktstellung eines führenden internationalen Anbieters von Fahrzeugelektronik. Das Unternehmen hält bei Tachos und Zentralsteuergeräten in Bussen einen Marktanteil von 80 Prozent. In der Praxis bedeutet dies: Wer in Wien mit einem Bus fährt und den Haltewunsch Knopf drückt, löst mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Funktion aus, die mit dem Editor von logi.cals programmiert wurde.

„Ganz wichtig war, dass wir relativ rasch erkannt haben, dass wir das System öffnen mussten“, erinnert sich Steininger. „Uns war klar, dass wir anderen Steuerungsherstellern die technische Anbindung ihrer Steuerungen erleichtern müssen. Das war damals nicht unbedingt üblich. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir das umsetzen können, welches Framework dafür geeignet ist, und dabei einige spannende Dinge entwickelt. Das hat uns ermöglicht, über die nächsten Jahre und Jahrzehnte zwar moderat, aber kontinuierlich gut zu wachsen. Und auch mehr als 20 Jahre später ist das Unternehmen nach wie vor profitabel.“

2007: Das Jahr der Weichenstellung

Mit dem Einstieg von Michael Kübecks Investorennetzwerk 2007 werden somit die Weichen auf Wachstum gestellt – doch dann schlägt 2008 die globale Finanzkrise ein. Von einem Tag auf den anderen brechen zwei Drittel des Umsatzes weg.

Zusperren ist in dieser Situation dennoch keine Option. Stattdessen nutzt das Team die Krise für einen radikalen Schnitt. Das Kernprodukt wird technologisch komplett neu aufgesetzt (Re-Engineering), erneut gestemmt durch die finanzielle Rückendeckung von Privatinvestoren, die an die Substanz der Firma glauben.

Diese Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten zieht sich wie ein roter Faden durch die Unternehmensgeschichte – getragen von Vertrauen und Beziehungspflege. Als das Unternehmen später Kredite benötigt, verzichtet man auf vage Versprechungen und legt den Banken stattdessen 15-seitige, schonungslos transparente Sanierungs- und Entwicklungspläne vor. Das Resultat: Die Banken vertrauen dem Team, die Kreditlinien fließen und Transparenz schlägt Pitch-Deck-Geschwaffel.

2016 folgt der nächste essentielle Schritt des Unternehmen: Es kommt Michael Plankensteiner als neuer CEO an Bord. Und bringt frischen Wind mit sich: Nach Stationen bei Boston Consulting Group (BCG) und als Sanierer der Industriegruppe Industrie Holding Operations suchte Plankensteiner Anfang 2016 eine neue unternehmerische Herausforderung. „Ich habe gemerkt: Nach all den Jahren Beratung und Sanierung habe ich keine Lust, dauernd als Söldner in Projekte rein- und dann wieder rauszugehen“, sagt er. Der Unternehmergeist war für ihn nicht neu: Sein Großvater führte einen Greißler-Betrieb in der Südsteiermark, zudem gründete er bereits vor seiner Zeit bei BCG gemeinsam mit Partnern das Karriereservice der Universität Wien.

Das Abhängigkeitsproblem

So tat er sich mit Steiniger und Kübeck zusammen und hatte eine strategische Antwort auf das Abhängigkeitsproblem der beiden: Fokussierung durch M&A (Mergers & Acquisitions). Der erfahrene Berater und Sanierungsexperte analysiert die Lage schonungslos: Das Unternehmen hat zwar eine technologisch brillante Basis, macht aber einen Großteil des Umsatzes mit wenigen großen Kunden. Eine gefährliche Abhängigkeit. Zudem drückt ein deutscher Mitbewerber auf den Markt, der zehnmal so groß ist.

„Das Spannende war, die logi.cals hatte zu dem Zeitpunkt fünf Kunden, mit denen sie 80 Prozent ihres Umsatzes gemacht hat – und alle fünf waren Weltmarktführer“, sagt Plankensteiner. Darunter sehr prominente Unternehmen, deren Namen jedoch ungenannt bleiben sollen. „Alle haben auf unseren Engineering-Editor geschworen. Und trotzdem hatten wir knapp über zwei Millionen Euro Umsatz und waren so am Rande der Profitabilität. Die Frage war: Wo ist eigentlich der Hebel?“

Der Grund für diese Situation lag u.a. in der damaligen Entwicklungsstruktur. Der Editor war zwar ab 2011 durch die gemeinsame Initiative von Steininger und Kübeck neu entwickelt worden, aber 2016 fehlte es an Ressourcen, um das Produkt weiter zu skalieren.

© zVg – Alter Bildschirm mit logiCAD Programmiereditor.

Eine Nische in der Nische

„Wir hatten zehn Entwickler, aber eigentlich keine Investitionen, um die Entwicklung zu pushen. Vieles ist mit den fünf Kunden passiert, dadurch ist relativ viel in die Kundenarbeit geflossen und wenig ins Produkt“, so Plankensteiner. Gleichzeitig war klar, dass ein direkter Wettbewerb mit dem größeren Konkurrenten Codesys nicht sinnvoll war. „Die waren damals ungefähr zehnmal so groß wie logi.cals und hatten rund 100 Entwickler. Hinter denen herzufahren, machte keinen Sinn. Deswegen habe ich gesagt: Wir brauchen eine Fokussierung. Wir brauchen eine Nische in der Nische, damit wir mit weniger Firepower schneller zeigen können, dass wir mehr draufhaben als der Mitbewerber.“ Diese Nische wurde folglich 2017 in Deutschland gefunden.

Die Firma ISH, 1989 gegründet von Axel Helmert, hatte sich auf auf Funktionale Sicherheit (Functional Safety) spezialisiert. Helmert war auf der Suche nach einem Nachfolger – und fand ihn in dem österreichischen Team. 2019 wurde die ISH gekauft und gilt bis heute firmenintern als ein strategisches Masterpiece: Das Engineering-Know-how der Österreicher verschmilzt mit der Safety- und TÜV-Kompetenz der Deutschen. Und so wurde das Unternehmen plötzlich Experte für „Functional Safety“.

Functional Safety

Zur Erklärung: funktionale Sicherheit ist der Teil der Automatisierung, der dafür sorgt, dass eine Maschine abschaltet, bevor Menschen oder die Umwelt zu Schaden kommen. Ein japanischer Automatisierungs-Chef formulierte es bei einem Abendessen in Siegen, Deutschland, gegenüber Investor Kübeck einst so, wie er erzählt: „Safety is a pain in the ass“, hatte jener salopp formuliert.

„Sie betrifft vielleicht nur 15 Prozent einer Anlage, frisst aber dreimal so viel Aufwand. Alles muss redundant ausgelegt sein, jeder Fehler muss vorab überlegt, dokumentiert und beherrschbar gemacht werden. Für Techniker, die Maschinen eigentlich zum Laufen bringen wollen, ist die Programmierung von Not-Aus-Szenarien und Fehlerbeherrschung extrem frustrierend und teuer. Funktionale Sicherheit sagt man immer so leicht daher. Es ist ein Feature der Automatisierung, das eigentlich jeden nervt, aber total wichtig ist, weil es überall dort gebraucht wird, wo es um Menschenleben geht“, betont Kübeck.

Ein zentrales Prinzip dabei sei Redundanz: Steuerungen werden mehrfach ausgelegt, damit Ausfälle verhindert werden. Eine Besonderheit des Marktes: Die Zertifizierung funktionaler Sicherheit erfolgt weltweit über den deutschen TÜV. „Der Japaner muss sich mit dem deutschen TÜV auseinandersetzen, der Franzose und auch der Amerikaner. Das ist für viele die Hölle.“

Vorteil durch Netzwerk

Genau hier sieht Kübeck einen Wettbewerbsvorteil von logi.cals: Mit Helmert habe das Unternehmen nicht nur technisches Know-how, sondern auch ein tiefes Verständnis für die TÜV-Prozesse und ein gewachsenes Netzwerk aufgebaut. „Er kennt dort alle , ruft an und sagt, ‚wir haben die und die Idee‘. Das ist unglaublich viel wert.“

Funktionale Sicherheit stellt technisch besondere Anforderungen an die Entwicklung. „Für einen Programmierer ist es psychologisch gar nicht so einfach, sich da hineinzudenken“, erklärt Plankensteiner. „Während klassische Automatisierung darauf abzielt, Anlagen zuverlässig am Laufen zu halten, muss funktionale Sicherheit sicherstellen, dass Systeme im Gefahrenfall kontrolliert abschalten.“

Zwei zentrale Säulen

Die beiden zentralen Säulen seien dabei Fehlervermeidung und Fehlerbeherrschung. „Bei der Fehlervermeidung geht es darum, im Entwicklungsprozess sicherzustellen, dass möglichst wenige Softwarefehler entstehen. Die Anforderungen an Entwicklung und Tests sind dadurch deutlich höher.“ Gleichzeitig müsse ein System auch dann sicher bleiben, wenn Fehler auftreten – etwa durch technische Defekte oder unerwartete Ereignisse“, so der CEO weiter.

Mit der Übernahme der ISH 2019 baute logi.cals genau diese Kompetenz weiter aus und entwickelte daraus ein breiteres Angebot. Heute verbindet das Unternehmen Dienstleistungen mit eigenen Technologien und arbeitet an einer Transformation hin zu einem stärker lizenzbasierten Geschäftsmodell. „Unser Ziel ist, funktionale Sicherheit schneller, günstiger und investitionssicherer zu machen“, so Plankensteiner. Auch KI spielt dabei eine Rolle: Mit einem neuen Ansatz will das Trio die Entwicklung sicherer Automatisierungslösungen weiter vereinfachen und hat dafür bereits ein Patent beantragt.

Man muss wissen, dass Künstliche Intelligenz in der funktionalen Sicherheit lange als unmöglich galt, da KI von Natur aus indeterministisch (also in ihren exakten Ergebnissen schwer vorhersehbar) sei. Doch dem Team ist es gelungen, einen Ansatz zu entwickeln, der KI-gestütztes Programmieren in diesen starren Zertifizierungsrahmen presst.

Das Ende der Bewegung

„Denken wir an humanoide Roboter, wie sie derzeit von großen Tech-Visionären entwickelt werden. Damit so ein Roboter einem Menschen im Alltag nicht den Arm bricht, müssen seine Gelenke über Sensorik erkennen, wenn ein Mensch zu nah kommt. Das Gelenk muss die Bewegung verlangsamen und notfalls blockieren“, sagt Plankensteiner. „Ein Kunde in der Schweiz liefert für einen namhaften Humanoiden die Automatisierung im Gelenk. Die Entwicklung der Hardware dazu, die Firmware und die funktionale Sicherheit kommen von uns“, präzisiert er.

Diese komplexe, sicherheitskritische Programmierung für das Gelenk übernimmt künftig (Anm.: ab nächsten Jahr am Markt) der „Neuro Transformer“ von Neuron Automation. Er nimmt, eigenen Angaben nach, dem Programmierer 90 Prozent der repetitiven, fehlervermeidenden Code-Arbeit ab. Der menschliche Ingenieur steige so in die Rolle des Architekten und Reviewers auf, während die KI zunehmend die Umsetzung übernimmt.

Der geplante Wandel von Neuron Auromation

Dass Technologie allein jedoch nicht reicht, das weiß das Team. Jahrzehntelang war das Unternehmen stark im Projektgeschäft tätig. Das bedeutet: 70 Prozent einmalige Dienstleistungsumsätze (Non-Recurring), 30 Prozent Lizenzen (Recurring). Der Plan bis 2030 sieht eine komplette Umkehrung vor.

Durch hardwareunabhängige Sicherheitslösungen und KI-Tools wie den „Neuro Transformer“ möchte sich das Unternehmen in ein hybrides Modell transformieren: Die Zielvorgabe lautet 70 Prozent Recurring Revenue (wiederkehrende Lizenzen) und 30 Prozent Dienstleistung. Die Projektarbeit bleibt dabei die Antenne zum Markt, um Innovationen überhaupt erst zu erkennen, während das Softwaregeschäft die Profitabilität jenseits der 20-Prozent-Marke treiben soll. So der Plan.

Die DNA des Erfolgs

Allgemein ist festzustellen, dass sich besonders ein Faktor durch die Historie von Neuron Automation zieht. Es ist eine DNA der Zusammenarbeit: Ob es der Einstieg von Kübeck war, die Übernahme von Axel Helmerts Lebenswerk oder das Halten von Schlüsselfiguren über Jahrzehnte hinweg: Alles basiert auf einem tiefen Verständnis von Beziehungen und Partnerschaften.

„Bei uns gibt es keine Schauspieler“, sagt Plankensteiner. „Wenn die Eigentümer, die Entwickler, die in St. Pölten sitzen und die Zukäufe in Deutschland nicht auf einer extrem vertrauensvollen, menschlichen Basis kommunizieren würden, wäre ein solcher Wandel unmöglich gewesen. Innovation entsteht hier oft im Joint-Development – Hand in Hand mit den Kunden, die wir nicht als reine Käufer, sondern als Entwicklungspartner sehen.“

Blick ins nächste Jahrzehnt

Heute steht Neuron Automation, bei 16 Millionen Euro Umsatz und 135 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Vorsprung der einst übermächtigen Konkurrenz sei drastisch geschmolzen. Durch M&A, sensibles Cash-Flow-Management, Branchenvertrauen und eine besondere KI-Lösung für funktionale Sicherheit .

„Der Wettbewerber ist – statt zehnmal – heute nur noch dreimal so groß. Und sein Vorsprung ist deutlich kleiner geworden. Wir sind technologisch aus unserer Sicht, und das bestätigen unsere Kunden (und auch die des Konkurrenten), deutlich voraus“, sagt Plankensteiner. „Wir haben nicht mehr ‚zehn Jahre Nachteil‘. Als ich 2016 zu Steiniger und Kübeck dazugestoßen bin, war er (Anm.: Der Konkurrent) seit 2006 mit seinem Engineering-Tool breit im Markt unterwegs. Jetzt hat er nur mehr ein Jahr Vorsprung. Schauen wir, was beim nächsten Sprung passiert.“

Die Pipeline von Neuron Automation sei zudem bereits gut gefüllt: Erste Kunden starten noch vor der geplanten Zertifizierung´, wie Planeksteiner mitteilt: „Der erste Schritt unserer Transformation passiert dann zwischen 2028 und 2030. In dieser Zeit wollen wir die 20-Millionen-Euro-Umsatz-Grenze deutlich überschreiten und uns auch klar über 20 Prozent Profitabilität bewegen. Mit dem zunehmenden Anteil des Lizenzgeschäfts soll dann die Marge auch weiter steigen.“

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