10.12.2021

7 Jahre Fuckup Nights: Dieses eine Fuckup wiederholt sich immer wieder

Dejan Stojanovic hat das Format der "Fuckup Nights" in Wien etabliert. Im Interview erzählt er, woran die meisten Unternehmer:innen scheitern.
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Dejan Stojanovic hat das Format der
Dejan Stojanovic hat das Format der "Fuckup Nights" in Österreich etabliert © Annex

Kaum etwas ist so lehrreich wie Scheitern. Dennoch haftet dem Scheitern, vor allem im unternehmerischen Kontext, in Europa nach wie vor ein schlechtes Image an – im Unterschied zu den USA, wo die „culture of failure“ selbstverständlicher Teil des Silicon Valley ist. Seit mittlerweile sieben Jahren kämpft Dejan Stojanovic in Österreich für eine bessere Scheiterkultur. Auf den „Fuckup Nights“ haben Unternehmer:innen wie Damian Izdebski, Selma Prodanovic, Martin Rohla, Tanja Sternbauer oder Heinrich Prokop ihre größten Fehlschläge geteilt. Im Interview mit dem brutkasten verrät Stojanovic, welchen Fehler die meisten gemacht haben und machen.

Wie bist du auf die Idee der Fuckup Nights gekommen?

Dejan Stojanovic: Vor mehr als 7 Jahren, als wir die allererste Fuckup Night in Österreich veranstaltet haben, sind zeitgleich mehrere Dinge passiert. Ich habe damals die Juristerei verlassen, um mich mit einem Startup in der Automobilbranche selbstständig zu machen. Genau in dieser Zeit habe ich erfahren müssen, wie schwer sich Unternehmen und Autohäuser getan haben, mit uns an der Entwicklung von neuen Lösungen zusammen zu arbeiten. Der Grund dafür: die Angst vor dem Scheitern. Das war Motivation genug für mich, die Fuckup Nights in Wien zu starten, wo erfolgreich aufgezeigt wird, dass ein Scheitern bei vielen sogar notwendig für den späteren Erfolg war.

Welche Story haut dich nach sieben Jahren nach wie vor vom Hocker?

Stojanovic: Es ist nicht per se eine Story, sondern ein Fuckup, welches sich immer wieder wiederholt. Sowohl bei großen Unternehmen, als auch bei Startups. Es ist erstaunlich, wie oft Produkte und Lösungen am Markt bzw. Kundenbedürfnis vorbeigebaut werden. Sprich, man verliebt sich in die Lösung und nicht in das ursprüngliche Problem, und ist mit dem finalen Produkt oder der finalen Lösung meilenweit von den Kundenbedürfnissen entfernt. Das war auch einer der Gründe, wieso wir mit crowd-o-moto gescheitert sind.

Was ist deiner Meinung nach der größte Irrtum, dem Menschen zum Thema Scheitern aufsitzen?

Stojanovic: Sehr viele von uns setzen das Scheitern mit einem Projekt oder einem Startup mit dem Scheitern, also Versagen, als Person gleich. Das ist ein absoluter Schwachsinn, denn man ignoriert damit, dass hinter dem Scheitern die Tatsache steckt, es überhaupt probiert zu haben. Also mutig gewesen zu sein. Man weiß jetzt besser, wie etwas nicht geht und mit dem neuen Wissen sollte man einen Schritt näher am Erfolg sein. Als Beispiel dafür erinnere ich gerne in meinen Vorträgen und Workshops an die Erfindung der Glühbirne. Thomas Edison ist nicht 1000 Mal daran gescheitert, die Glühbirne zu erfinden, sondern hat er 1000 Wege gefunden, wie es nicht geht. Er hat auf die vielen Fehlversuche aufgebaut und schlussendlich eine der großartigsten Innovation unserer Zeit erfunden.

Das Klischee sagt, dass es in Europa im Vergleich zu den USA keine Scheiterkultur gibt. Hat sich das in den letzten 7 Jahren gebessert?

Stojanovic: Das ist kein Klischee, sondern Fakt. Doch ja, ich erkenne durchaus auch Verbesserungen und eine langsam steigende Offenheit im Umgang mit dem Scheitern. In Vergleich zur Zivilgesellschaft sind es jedoch eher Unternehmen, die den Mehrwert einer konstruktiven Fehlerkultur in der eigenen Organisation erkennen und investieren daher in die nachhaltige Implementierung dieser.

Dein größter Fuckup in sieben Jahren Fuckup Nights?

Stojanovic: Fuckups in den letzten 7 Jahren habe ich mehr als genug und freue mich, diese Erfahrungen gesammelt zu haben. Mein größter Fuckup ist sicher jener, dass ich nicht noch schneller von den vielen Fuckups und Lessons Learned der anderen gelernt habe. Gerade als Host der Fuckup Nights sitze ich ja quasi an der Quelle. Aber ja, hinter jedem Fuckup steckt eine bestimmte Story. So auch hinter meinen.

Fuckup Nights Vienna Vol. 32

  • Datum: 14.12.2021
  • Uhrzeit: 18:30 – 20:00
  • Location: LinkedIn und Facebook Livestream

Diesmal mit:

  • Carina Roth – Co-Founder bei WisR | #Fokus
  • Dan Centeno – Co-Founder bei Constant Evolution | #Leadership
  • Monika Dauterive – People & Culture bei Runtastic | #EmployeeExperience
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Angela Wilkinson beim Verbund Venture Day 2026 | Verbund / elephant and porcelain
Angela Wilkinson beim Verbund Venture Day 2026 | Verbund / elephant and porcelain

Wiewohl die Debatte rund um den Klimawandel in den vergangenen Jahren nachweislich leiser geworden ist, bleibt die Energiewende großes Ziel – in Österreich und Europa alleine schon wegen der brandaktuellen Frage der Souveränität. Dabei versteht man unter Energiewende keineswegs weltweit das selbe, meint Angela Wilkinson, Secretary General und CEO des World Energy Council (WEC) im Interview.

Wir trafen die Chefin der in London ansässigen Dach-Organisation, die über 3.000 Partner-Organisationen in mehr als 100 Ländern hat, beim Verbund Venture Day 2026 an der WU Wien, wo sie auch eine Keynote hielt und an einer Podiumsdiskussion teilnahm. Ihre Kernaussage: Die Menschheit brauche in der Energiewende eine positive gemeinsame Vision.


brutkasten: Was macht das World Energy Council eigentlich genau?

Angela Wilkinson: Das World Energy Council wurde vor 100 Jahren am Ende des Ersten Weltkriegs gegründet. Die ursprüngliche Mission lautete: Wie verhindern wir am Ende der großen Weltreiche eine Situation, in der Nationalstaaten wegen knapper Ressourcen gegeneinander Krieg führen? Das sind die Wurzeln unserer Organisation. Seit 100 Jahren arbeiten und wachsen wir als globale Gemeinschaft – ein verteiltes Netzwerk aus Expertinnen und Experten, Entscheidungsträgern, Unternehmern und Innovatoren, die eine gemeinsame Mission teilen: mehr und bessere Energie für alle Menschen auf der Welt.

Wie kann man sich die konkrete Arbeit des WEC vorstellen?

Wir haben drei Hauptaktivitäten: Erstens erstellen wir Berichte – keine rein technischen Datenstudien wie die IEA (Anm. Internationale Energieagentur), sondern nutzen eigene Frameworks wie den „World Energy Trilemma“-Ansatz. Damit erfassen wir praktische Erfahrungen aus verschiedenen Ländern dazu, wie Regierungen Versorgungssicherheit, Leistbarkeit und Nachhaltigkeit bei der Gestaltung ihrer Energiesysteme in Einklang bringen. Wir analysieren Praxisbeispiele, um Märkte und Politiken zu verbessern.

Zweitens organisieren wir Veranstaltungen: Wir bringen unsere Gemeinschaft aus 120 Ländern zusammen. Unser nächster World Energy Congress findet vom 26. bis 29. April 2027 in Riad statt und führt über 100 Ministerinnen und Minister, mehr als 5.000 CEOs und rund 18.000 Teilnehmende zusammen. Angesichts der globalen Elektrifizierungswelle untersuchen wir, was das System zusammenhält – von Verträgen über Vertrauen, Narrative und Daten bis hin zur Infrastruktur. Wir agieren dabei technologieagnostisch.

Drittens betreiben wir Community Building: Nachhaltige Veränderungen erfordern echte Gemeinschaften. Wie hier beim Ökosystem von Verbund X schafft eine Gemeinschaft das nötige Vertrauen für konstruktive Debatten und arbeitet pragmatisch mit den vorhandenen Stärken, statt in polarisierte Diskussionen zu verfallen.

Sie haben in Ihrer Keynote gesagt, es gebe weltweit recht klare Ziele für die Energiewende, aber es fehle an einer positiven Vision. Können Sie das näher ausführen?

Energiewende ist zu einem der am meisten missverstandenen Begriffe geworden. Europäer verstehen darunter den Verzicht auf fossile Brennstoffe, Golfstaaten das Eliminieren von Treibhausgasemissionen, während man in den USA den Begriff derzeit überhaupt meidet und lieber von „Energieüberfluss“ spricht. Die Realität ist jedoch: Energie ist das Betriebssystem und das Fundament des Ökosystems unserer Zivilisation. Wir sprechen meist nur darüber, was die Zukunft nicht sein soll. Wir führen aber keine inspirierende Debatte mit den Menschen auf der Straße darüber, welche neuen Möglichkeiten ihr Leben verbessern können. Die Energiewende wird zu sehr als Geschichte von Verzicht und Leiden dargestellt.

Sie meinten in Ihrer Keynote auch, es brauche die Aktivierung noch nicht vorhandener Nachfrage…

Es geht darum, Nachfrage als aktiven Gestalter der Energiewende einzubinden, statt nur als deren Folge. Ein Beispiel: Meine 26-jährige Tochter arbeitet in der Modeindustrie und hat per se keinen Bezug zur Energie; aber Branchen wie die Bekleidungsindustrie besitzen reale Stellschrauben. Anstatt nur über Erzeugung, Übertragung und Speicherung zu sprechen und den Endverbraucher zu vernachlässigen, müssen wir in der Energiebranche vom konkreten Nutzen für das tägliche Leben der Menschen aus denken. Wenn Menschen verstehen, wie Energie ihr Leben verbessert, begreifen sie auch deren Wert. Wir brauchen eine Geschichte der Möglichkeiten aus dem Alltag heraus und keine reine Technologie-Story von oben.

Sie sagten in Bezug auf die Energiewende auch: „Moleküle werden bleiben.“ Wie lautet dazu Ihre Prognose?

Selbst wenn wir das Ziel von 50 bis 60 Prozent Elektrifizierung bis 2050 erreichen, bleiben 40 Prozent übrig. Meine Wette gilt sauberen Molekülen – sei es durch CO2-Abscheidung, dekarbonisierte Barrels oder wasserstoffbasierte Treibstoffe. Flüssige und gasförmige Brennstoffe bieten eine Transportfähigkeit, Energiedichte, saisonale Speichermöglichkeit und Flexibilität, die Elektronen und Batterien schlicht nicht haben. Die Zukunft gehört einer Kombination aus Elektronen, Molekülen und Qubits.

Als CEO des World Energy Council haben Sie eine globale Perspektive. Welche Rolle spielen Europa und speziell Österreich in diesem globalen System?

Österreich verfügt mit Initiativen wie dem Verbund X Accelerator über ein starkes Innovations-Ökosystem. Meine Aufgabe besteht darin, solche lokalen Innovatoren auf die globale Bühne zum World Energy Congress zu bringen, damit verschiedene Regionen voneinander lernen können. Verbund X hat Gegenstücke in vielen Ländern. Bottom-up-Initiativen sind hervorragend, aber Bottom-up und Top-down müssen sich treffen, um echte Wirkung zu entfalten.

Zum Abschluss: Wie würden Sie in sehr wenigen Worten die wichtigsten Maßnahmen beschreiben, um die von ihnen skizzierte Vision umzusetzen?

In zwei Begriffen: Energy Literacy und Energy Fluency. Die meisten der neun Milliarden Menschen verstehen das Energiesystem nicht und wissen nicht, woher ihre Energie kommt. Selbst wenn ich in Europa Energieexperten frage, wie viel Energie sie verbrauchen, können es viele nicht beantworten. Wenn wir nicht einmal unseren eigenen Energieverbrauch benennen können – was verwalten wir dann überhaupt?

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