13.05.2026
HALTEPROBLEM

69 Prozent steigen wieder aus: Österreich verliert seine besten Frauen in der Technik

Man bejubelt Initiativen für mehr Frauen im MINT-Bereich und freut sich über steigende Inskriptionszahlen. Doch die Realität nach dem Studium sieht oft anders aus. Christina Holweg, Vizerektorin der Montanuniversität Leoben, legte alarmierende Zahlen auf den Tisch.
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Christina Holweg © Sabine Klimpt

Die Zukunft der Wirtschaft muss weiblicher werden. Darüber herrschte Einigkeit bei einem Pressegespräch im Rahmen des „Business Case Challenge Day“ an der WU Wien (mehr dazu berichtete brutkasten hier).

Doch während die Unis den Gründungsfunken zünden wollen, offenbarte Christina Holweg, Vizerektorin der Montanuniversität Leoben, ein ernstzunehmendes Strukturproblem: Österreich verliert seine top-ausgebildeten Technikerinnen reihenweise an veraltete Unternehmenskulturen.

Vom Erfolgsmodell zur „Leaky Pipeline“

An den Universitäten selbst scheinen die Bemühungen der vergangenen Jahre durchaus Früchte zu tragen. Die Montanuni Leoben verzeichnet laut der Vizerektorin einen weiblichen Studierendenanteil von 30 Prozent. In zukunftsträchtigen Richtungen wie Umwelt- und Verfahrenstechnik oder Recyclingtechnik liegt der Anteil sogar bei 50 Prozent.

Das Rüstzeug für eine Generation starker Tech-Gründerinnen wäre also vorhanden. Doch die sogenannte „Leaky Pipeline“ schlägt schon während der Ausbildung zu. Holweg zitierte eine IHS-Studie aus 2025: Demnach brechen 31 Prozent der Frauen ihre technische Lehre ab, bei den Ingenieurswissenschaften beenden 23 Prozent ihr Masterstudium vorzeitig. Das eigentliche Drama spielt sich jedoch in der Arbeitswelt ab.

69 Prozent verlassen die Branche

„Wenn wir sie dann so weit haben, dass sie im Technikbereich bleiben, ist die nüchterne Zahl: 69 Prozent der Frauen steigen nach einer geraumen Zeit aus dem MINT- oder Technikbereich aus“, erklärte Holweg.

Fast sieben von zehn Frauen, die sich erfolgreich durch ein anspruchsvolles Technikstudium gekämpft haben, kehren der Branche nach einiger Zeit im Beruf wieder komplett den Rücken. Für den Innovations- und Startup-Standort Österreich sei dieser Aderlass fatal, da genau diese hochqualifizierten Frauen dringend als Fachkräfte und künftige Female Founders im Deep-Tech-Bereich gebraucht würden.

Warum die Wirtschaft ihre Talente vergrault

Die Gründe für diesen Exodus stellen vielen technikorientierten Unternehmen ein bitteres Zeugnis aus. Die von Holweg präsentierten Daten nennen mangelnde Karriereperspektiven, geringe Wertschätzung durch Kollegen und das Führungspersonal sowie „Andersbehandlung“ aufgrund von Geschlecht oder Unzufriedenheit mit Arbeitszeiten und fehlende Flexibilität als Ausstiegsgründe.

„Wenn wir es uns als Gesellschaft leisten, hochqualifizierte Frauen aus einem sehr wichtigen Wirtschaftsbereich zu exkludieren und nicht optimal zu integrieren, dann finde ich das eine riesige verlorene Chance.“, so Holweg.

Der Mangel an weiblichen Führungskräften und Gründerinnen in der Tech-Szene ist demnach nicht nur ein Rekrutierungsproblem, sondern vor allem ein handfestes kulturelles Halteproblem der Unternehmen. Solange sich diese Strukturen nicht ändern, droht das an den Hochschulen mühsam aufgebaute Potenzial wirkungslos zu verpuffen.

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SCCH
© dbrains academy - (vlnr): Leon Hiebl, Romana Pusch, Dominik Pühringer, Markus Manz (SCCH), Patrick Urmann und Notar Rüdiger Kriegleder.

Das Software Competence Center Hagenberg (SCCH) vermeldete vor kurzem, dass es seine Forschung künftig auch über eigene Unternehmensbeteiligungen verwertet – siehe hier. Die im Juli gegründete SCCH Innovations GmbH soll bis 2030 und darüber hinaus rund 30 Unternehmen aufbauen, wie CEO Markus Manz gegenüber brutkasten im September erklärte. Damals war bereits die erste Beteiligung fix: das MLOps-Startup LUML eines SCCH-Mitarbeiters.

SCCH: Tech-Transfer um Weiterbildung erweitern

Nun beteiligt man sich mit zehn Prozent Anteilen an dbrains academy. Mit diesem strategischen Schritt möchte das Forschungszentrum seinen Technologietransfer um Beratung und Weiterbildung erweitern, die dbrains academy erhält indes direkten Zugang zu aktueller KI-Forschung. Das gemeinsame Ziel: Unternehmen sollen KI wirksam im Arbeitsalltag einsetzen. Die Anteile hält die SCCH Innovations GmbH, die Beteiligungsgesellschaft des Forschungszentrums — über die genaue Summe ist nichts bekannt.

Kooperation besteht schon seit 2025

Das SCCH steuert bei dieser Kooperation wissenschaftliche Expertise in Künstlicher Intelligenz, Data Science und Software Science bei. Die dbrains academy begleitet Unternehmen vom KMU bis zum Konzern in Österreich und Deutschland, von der KI-Strategie über den Kompetenzaufbau bis zur Umsetzung konkreter Anwendungen, in Workshops oder mehrmonatigen Begleitungen. Ein E-Learning soll zudem zeit- und ortsunabhängig KI-Kompetenz gemäß dem EU AI Act vermitteln.

„Technologietransfer endet für uns nicht mit der Entwicklung einer Lösung. Er ist dann erfolgreich, wenn neues Wissen in den Unternehmen ankommt und dort tatsächlich genutzt wird. Die dbrains academy bringt das Know-how mit, Unternehmen strategisch zu begleiten und dieses Wissen praxisnah zu vermitteln. Darin ergänzen wir uns ideal“, erklärt Markus Manz, CEO des SCCH.

Kooperation besteht seit 2025

Das Software Competence Center und dbrains academy arbeiten seit 2025 zusammen. Im gemeinsamen Lehrgang „AI Excellence Program for Pioneers“ bringen sie Forschung und Unternehmenspraxis zusammen, damit Teilnehmende eigene KI-Ideen bis zur Umsetzung führen. Nach dem ersten Durchgang, dem am 25. November 2026 der nächste folgt, entschied man sich für die Beteiligung.

Für das SCCH erreichen Forschungsergebnisse damit nicht mehr nur einzelne Projektpartner, sondern ganze Belegschaften. Zugleich fließen Fragestellungen aus der Praxis in die Forschung zurück. Die dbrains academy bringt neue Erkenntnisse früher in Strategieprojekte und Trainings ein und entwickelt KI-Lösungen gemeinsam mit dem SCCH. Kund:innen erhalten Strategie, Weiterbildung und Umsetzung auf dem aktuellen Stand der Forschung aus einer Hand. Die Geschäftsführung der dbrains academy bleibt unverändert.

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