22.02.2017

4 Tipps, die helfen beim Gründen vom Denken ins Tun zu kommen

Vom Manager Zum Unternehmer. Wolfgang Bretschko gibt in dieser Serie für den Brutkasten Foundern Tipps für den Erfolg. Teil 3: Warum beim Gründen der Schlüssel zum Erfolg im Tun liegt.
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(c) fotolia.com - Robert Kneschke

Ich bin ein Freund von Aufgabenlisten und Asana ist mein liebstes Aufgabenverwaltungstool. Alles lässt sich planen und in schön formatierten Listen niederschreiben. So ist auch dieser Blog eine Zeile in einer Liste in Asana, versehen mit einem Termin. Er schlummert zwischen unzähligen weiteren Aufgaben, die darauf warten, dass sie endlich angepackt und erledigt werden. Seine Wirkung kann dieser Blog erst dann entfalten, wenn ich es schaffe meine Gedanken niederzuschreiben und der Beitrag auf der Homepage von COCOQUADRAT und auf derbrutkasten.com veröffentlicht wird.

Wenn du dein eigenes Unternehmen gründen willst, wenn du ein selbstbestimmtes und zufriedenes Leben führen willst, kommt es auf dich, dein Tun und dein Handeln an.

In diesem 3. Beitrag der Serie „Vom Manager zum Unternehmer“ beschäftige ich mit der Umsetzung: Wie du du vom Denken und Planen ins Tun und Umsetzen kommst. Dazu passt sehr gut ein Zitat von Hermann Hesse:

„Nur das Denken, das wir leben, hat einen Wert.“

Ich werde in meinen Ausführungen auch auf meine persönlichen Erfahrungen zurückgreifen, die ich insbesondere im Zuge der Gründung von COCOQUADRAT gemacht habe.

Die ersten beiden Teile der Serie:

Redaktionstipps

1.) Baue eine stabile tägliche Routine auf

Eine Vision zu haben und daraus Ziele abzuleiten ist wichtig. Vision und Ziele geben deinem Tun einen Sinn und eine Richtung. Entscheidend ist aber, dass du deine Pläne in konkrete Taten umsetzt. Von Pablo Picasso stammt der Ausspruch:

„Action is the foundational key to all success.“

Entwickle dein persönliches System, wie du dir deinen Tag organisierst. Ohne konsequentes und diszipliniertes Tun wirst du deinen Zielen nicht näher kommen. Daher erarbeite dir eine stabile tägliche Routine. Lass dich nicht von den Ereignissen treiben: Du gibst den Takt vor. Das geht am einfachsten, wenn du die vier bis sechs wichtigsten Aufgaben, die du erledigen willst, konkret für den Tag planst, am besten mit Beginn und Endzeit. Das zwingt dich zu zweierlei: Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und realistisch einzuschätzen, wie viel Zeit du für die Erledigung einer Aufgabe brauchst bzw. wie viel Zeit du dir gönnen möchtest. Verplane dabei nicht deinen ganzen Tag. Gönne dir auch Freiräume für Unerwartetes. Diese Methode wurde von Ivy Lee entwickelt, wenn du mir darüber wissen willst: hier gibt es Informationen dazu

Wichtig ist Klarheit darüber zu haben, welche konkreten Aufgaben dich deinen Zielen näher bringen. 100.000 Euro Umsatz zu machen ist ein Ziel, aber keine Aufgabe. Die Aufgabe dazu ist jeden Tag 5 Neukunden anzurufen und dabei konsequent zu sein, auch wenn du mal nicht gut drauf bist oder keine Lust hast. Wenn du einen Marathon laufen willst, weißt du, dass du regelmäßig trainieren musst, auch wenn du mal keine Lust hast und wenig motiviert bist.

Es kommt nicht darauf an, dass jedes Telefonat mit einem Kunden erfolgreich ist, genau so wenig wie es darauf ankommt, jeden Trainingslauf in Bestzeit zu absolvieren.

Wichtig ist die Konsequenz, die schlussendlich den Erfolg bringt.

Schau dir deine Ziele für das nächste Quartal an und überlege dir konsequent, wie die Aufgaben dazu aussehen, die dich diesen Zielen näher bringen. Ohne konkrete Umsetzungsaufgabe wirst du deine Ziele nur schwer erreichen.

Profis unterscheiden sich von Amateuren dadurch, dass sie wissen, dass sie trainieren müssen um Erfolg zu haben und dass sie auch trainieren, wenn sie gerade keine Lust haben. Deine tägliche Routine sorgt dafür, dass du auch über Durststrecken hinweg kommst und konsequent für dein Ziel trainierst. Gerade, wenn du eine Firma gründest, wenn du dich selbständig machst, braucht es diese tägliche Routine. Du bist nicht Teil einer großen Organisation, die stabil weiterläuft auch wenn du mal ein paar Tage einfach Dienst nach Vorschrift machst.

Wann ist die beste Zeit um deinen Tag zu planen? Vieles spricht dafür am Abend, wenn du den Tag beschließt, den nächsten Tag konkret zu planen. Dann kannst du am Morgen mit deiner wichtigsten Aufgabe beginnen. Vor allem braucht sich dein Unterbewusstsein in der Nacht nicht damit zu beschäftigen. Wenn ich es nicht schaffe am Abend zu planen, dann starte ich den Tag mit der konkreten Planung. Manches ist durch Termine und Meetings bereits vorgegeben, der Rest ergibt sich aus der ToDo-Liste.

2.) Hüte dich vor Perfektionismus

Der Businessplan ist noch nicht perfekt, also braucht er noch eine Überarbeitungsschleife. Das Layout für das Angebot könnte noch eine letzten Schliff vertragen. Die Bilder für die Powerpoint sind zu wenig stimmig, es gibt sicher noch bessere.

Der Drang perfekt sein zu müssen führt dazu, dass Aufgaben nicht erledigt werden, oder gar nicht erst begonnen werden.

Eine nicht ganz stimmige Powerpoint ist immer noch besser, als gar keine Präsentation. Ein Angebot, das nicht versendet wird, kann nicht abgelehnt werden, aber es hat auch keine Chance angenommen zu werden. Übung macht den Meister, das nächste Angebot wird wieder ein Stück besser ausfallen und deine nächste Powerpoint wird wieder ein Stück besser gestaltet sein. Selbst Apple verbessert sein IOS ständig und in aller Regel gibt ist für die Version, mit der Apple startet nach ein paar Wochen bereits ein Update. Was Apple kann, kannst du dir mit Sicherheit auch gönnen.

Perfektionismus muss man sich auch leisten können.

Als Gründer hast du weder die Zeit noch die Ressourcen um perfekt zu sein. Du kannst dich darauf verlassen: Je öfter du Aufgaben erledigst desto besser, perfekter wirst du. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Eine wichtige Lernerfahrung von mir dazu: Vergleiche dich nicht mit anderen. Du vergleichst in aller Regel Äpfel mit Birnen. Vergleiche bringen wenig, sie frustrieren und demotivieren und können dich daran hindern ins Tun zu kommen. Was bringt es dir, wenn du einen Marathon laufen willst, dich mit Eliud Kipchoge, dem aktuellen Marathon Olympia-Sieger zu vergleichen? Der Vergleich führt dazu, dass du nicht zu Laufen beginnst und damit ist gar nichts gewonnen.

+++ Diskussion zum Thema “Top-Manager werden Unternehmer” +++

3.) Sorge gut für dich selbst

Wenn du einen Marathon läufst, weißt du, dass du dich gesund ernähren solltest, dass du das Rauchen aufgeben solltest, dass du trainieren solltest. Ein Unternehmen zu gründen, etwas Neues zu starten, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen, ist ein Marathon. Daher sorge gut für dich. Dein Körper und dein Geist sind deine wichtigsten Ressourcen und es sind kommunizierende Gefäße. Wenn du dich schlecht ernährst und wenig schläfst, dann bist du unausgeglichen und kannst mit schwierigen Situationen schlechter umgehen. Du kommst in eine Abwärtsspirale, aus der du nur schwer wieder herauskommst. Achte auf deine Ernährung, deinen Schlaf, sorge für regelmäßige Bewegung und gönne dir Ruhephasen. Sei sensibel für die Signale deines Körpers, er gibt dir Bescheid, wenn es zu viel wird, wenn du einfach übertreibst. All das gibt dir die notwendige Stabilität, um mit schwierigen Situationen und Rückschlägen gut umgehen zu können. Um erfolgreich zu sein, wirst du dich fordern, aber überfordere dich nicht. Die richtige Balance ist entscheidend.

Achte auf deine Grenzen und sei dir ein guter Freund. Du bist dein eigener Chef!

4.) Bau dir ein Supportnetzwerk auf

Du bist nicht allein. Manchmal fühlst du dich vielleicht als Einzelkämpfer, manchmal musst du einsame Entscheidungen treffen. Daher baue ein Umfeld auf, auf das du in schwierigen Situationen zurückgreifen kannst. Ein Freund, eine Freundin dem/der du vertraust. Jemand, mit dem du deine Sorgen, Ängste und Nöte besprechen kannst. Jemand, der dich stützt und unterstützt.

Baue dir bewusst Beziehungen auf und investiere in sie.

Eine Situation wird erst dann ausweglos, wenn du beginnst dich zu verschließen und dich nur mehr in der eigenen Gedankenwelt bewegst.

Ein stabiles Umfeld, deine Familie, ein paar, wenige gute Freunde, ein Berater oder Coach, der dich länger begleitet, sorgen für die Stabilität. Wenn du deine Komfortzone verlässt, begibst du dich auf unerforschtes Gebiet. Vieles wird neu für dich sein, du wirst mit viel Unsicherheit umgehen müssen, begibt dich nicht allein auf diesem Weg.

Zahlt sich das alles aus: JA! Du wirst mit einem selbstbestimmten und zufriedenen Leben belohnt. Du wirst Seiten an dir kennen lernen, die völlig neu sind. Du wirst am Gipfel stehen, zufrieden auf den Weg zurückblicken, der dich hierher gebracht hat und die Aussicht genießen. Und du weißt, ich habe es geschafft!

+++ Wolfgang Bretschko, Gründer & Business Angel, im Live-Gespräch +++


Wolfgang Bretschko ist Unternehmer, Business Angel, Mentor und Berater mit über 20 Jahren Erfahrung im (Konzern-) Management. Unter anderem war er bis 2013 Vorstandssprecher der Styria Media Group. Mit dem COCOQUADRAT gründete er das erste Coworkcafé in Wien.

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12.10.2026

Keba-CEO Knogler: „Die Hyperscaler brauchen uns genauso wie wir sie“

Österreichs Industrie liegt bei der AI Maturity unter dem EU-Schnitt. Für Keba-CEO Christoph Knogler, der die KI-Taskforce der Industriellenvereinigung mit leitet, ist das kein Grund zur Resignation: „Verlieren ist gar keine Option.” Im Interview spricht er über digitale Souveränität, Europas Rolle als Enabler der Hyperscaler und seine Pläne mit Keba Digital.
/artikel/christoph-knogler
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Christoph Knogler führt Keba als CEO und steht gemeinsam mit A1-CEO Thomas Arnoldner der KI-Taskforce der Industriellenvereinigung vor. © Antje Wolm

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen„ erschienen

28 Standorte in 16 Ländern, drei Geschäftsbereiche von der Industrie- über die Handover- bis zur Energy-Automation, dazu seit Kurzem eine eigene KI-Einheit: Keba aus Linz baut Steuerungen für Maschinen und Anlagen und steckt über Trumpf mit einer Komponente in den Lithografiemaschinen von ASML. Christoph Knogler führt das Unternehmen als CEO und steht gemeinsam mit A1-CEO Thomas Arnoldner der KI-Taskforce der Industriellenvereinigung vor, die bis Sommer 2027 die AI Maturity der heimischen Industrie messen und steigern soll. Der erste Befund: Österreich liegt unter dem EU-Schnitt. Warum das ein Leadership-Thema ist und kein technologisches, wieso die Hyperscaler die europäische Industrie dringender brauchen als umgekehrt – und was Industrial Intelligence von einem Hype-Begriff unterscheidet.


Die österreichische Industrie liegt bei KI unter dem EU-Schnitt – das zeigt die McKinsey-Studie „State of AI in Austria 2025″, die im Rahmen der Taskforce entstanden ist, der du vorsitzt: ein AI-Quotient von 30 gegenüber 34 im EU-Schnitt. Wie kam es zu diesem Befund?

Ein wesentlicher Aspekt unserer KI-Taskforce ist, dass wir die AI Maturity unserer Mitglieder und so auch der gesamten österreichischen Industrie quantitativ messbar machen, mit je einem Assessment zu Beginn, zur Mitte und zum Ende der Laufzeit, pro bono begleitet von McKinsey. Mit dem ersten Assessment im vergangenen Jahr hat sich die Vermutung der Industriellenvereinigung bestätigt: Wir liegen in Österreich unter dem Niveau des EU-Durchschnitts und damit auch des weltweiten Durchschnitts. Das zweite Assessment wurde nun im Juli dieses Jahres abgeschlossen, die Veröffentlichung ist für Anfang Oktober geplant. Wir sind schon gespannt, ob wir das schaffen, was wir uns vorgenommen haben – nämlich eine konsequente Steigerung der AI Maturity der österreichischen Industrie.

Warum gibt es diesen Rückstand?

Es gibt ihn sicher auch, weil es uns als Industrie schon sehr gut gegangen ist und so der Veränderungsdruck in vielen Unternehmen nicht groß genug war, KI konsequent einzusetzen. Wir haben als Industrie den Startschuss verpasst. Es gibt aber auch in Österreich Frontrunner; in der Studie sieht man etwa die Telekommunikationsunternehmen vorne. Aber im produzierenden Bereich und im Maschinenbau waren wir überrascht, dass selbst hoch innovative Unternehmen bei der Nutzung von KI im internationalen Vergleich nicht vorne mit dabei sind. Wenn man genauer hineinschaut, ist es weniger ein technologisches Thema, sondern sehr oft ein Leadership-Thema: Dort, wo die strategische Aufmerksamkeit des C-Levels ist, fließt auch die Energie hin. KI war zu Beginn oft ein IT-Thema statt ein strategisches Positionierungsthema. Das hat sich im ersten Jahr unserer Taskforce aber massiv gedreht. Andritz hat beispielsweise aufgezeigt, wie KI die Automatisierung einer Anlage so weit optimiert, dass eine Art Dark Factory vorstellbar wird; Voestalpine hat anhand umgesetzter Use Cases gezeigt, wo ganz konkrete Einsparungseffekte gehoben wurden; und Miba hat gezeigt, wie KI als übergreifendes Thema in der Unternehmensgruppe verankert wurde.

© Antje Wolm

Regeln und Ausblick

Bremst der AI Act die Industrie?

Für Branchen, in denen der AI Act tatsächlich wie ein Korsett wirkt, kann er dazu führen, dass man im Sinne des Risikomanagements sehr zurückhaltend wird. Der Ruf nach Regulatory Sandboxes ist dort laut; ich denke beispielsweise an Life Sciences und an das Bankenwesen. Bei Produktionsunternehmen und im Maschinenbau – dazu zählen wir uns als Keba – gibt es diese Einschränkungen aus eigener Erfahrung weniger. Ich habe es bisher nicht so wahrgenommen, dass der AI Act ein wesentlicher Technologie-Showstopper wäre. Deswegen plädieren wir auf Selbstwirksamkeit: nicht die Rahmenbedingungen bekämpfen, sondern sich fragen, wie man innerhalb dieser vernünftig arbeitet. Aber viel wichtiger war: mit KI losstarten, es zum Leadership-Thema machen, sich um Daten und Legacy-Systeme im Unternehmen kümmern und vor allem die Menschen auf diese Innovationsreise mitnehmen.

Die Taskforce läuft bis Sommer 2027. Was kommt danach?

Anfang 2027 werden wir entscheiden: Braucht es weiterhin eine Taskforce für KI, die Eintrittsbarrieren abbauen und zur wertschöpfenden Nutzung anregen will? Oder braucht es dann ein anderes Format? Unabhängig vom Format ist für uns wichtig, dass die bisherigen Erkenntnisse und Best Practices weitergetragen werden; da spreche ich auch für meinen Co-Vorsitzenden Thomas Arnoldner. Dazu kommt, dass sich immer mehr kleinere Industrieunternehmen mit KI beschäftigen, für die so eine Plattform hilfreich sein kann.

Was Europa in der Hand hat

Blicken wir über Österreich hinaus: Europa habe das Rennen um generative KI verloren, heißt es. Bleibt Industrial Intelligence als zweite Chance?

Ich habe dazu eine sehr klare Meinung: Die amerikanischen Unternehmen, die in diesem Rennen die Nase vorn haben, brauchen wertschöpfende Prozesse, um ihren eigenen Business Case abzusichern. Auch KI macht nur dann wirtschaftlich Sinn, wenn man sie verkaufen kann. Schaut man sich Europa an – 450 Millionen Konsumenten, eine sehr starke Industrie, im DACH-Raum besonders stark –, dann sind wir der Enabler für die Business Cases der Hyperscaler. Deswegen werden wir auch stark umworben, von genau diesen global denkenden Unternehmen. Sie brauchen dringend Anwendungsfälle für ihre KI-Modelle am Shopfloor, damit der Value Stream entsteht, der die Mega-Investitionen rechtfertigt. Bleibt der aus, wird man die laufenden Infrastruktur-Investitionen über eine kleinere Menge an Anwendern verteilen, was Tokenpreise in die Höhe treiben wird und die Anwendung somit unattraktiver macht. Auf Basis dieser Logik dürfen und müssen wir als europäische Industrie schon selbstbewusst sein.

Also ist das Rennen nicht verloren?

Was für ein Rennen? Wir müssen als Wirtschaftsstandort wettbewerbsfähig sein, um Wertschöpfung zu generieren und unsere Sozialsysteme am Laufen zu halten. Da haben wir noch gar nichts verloren. Verlieren ist gar keine Option! Ich frage mich oft, was aus unserem Selbstbewusstsein in Europa geworden ist. Das sehe ich viel optimistischer, und Industrial Intelligence ist das Schlagwort. Aber dann kommt natürlich die Folgefrage: Wie geht es uns mit den eigenen KI-Unternehmen, mit der Infrastruktur, mit den eigenen europäischen Modellen? Da stehen wir, wie generell im Thema Software, nicht besonders gut da. Es braucht jemanden, der investiert, und jemanden, der das dann auch nutzt, bevorzugt gegenüber Infrastruktur, die vielleicht günstiger ist und anfangs mehr kann. Damit das gelingt, braucht es wohl fast so etwas wie einen Orchestrator im europäischen KI-Konzert. Klug wäre ein progressiver Impuls der EU, aber nicht als weiterer Zwang, sondern indem die Nutzung europäischer Infrastruktur, beispielsweise für die öffentliche Beschaffung, besonders attraktiv wird. Ohne einen Masterplan wird das aber schwierig; die Hyperscaler sind bestens positioniert, brauchen die europäischen Kunden und werden nicht tatenlos zusehen, wie sich Europa plötzlich verselbstständigt.

Wo hängt umgekehrt die Welt an Europa?

Wir reden viel über die Abhängigkeit von den USA, China bzw. Asien. Wir reden leider ganz wenig darüber, dass diese Regionen genauso von uns abhängig sind. Bestes KI-Beispiel: ASML. Das niederländische Unternehmen hat das Herstellen von Mikroelektronik mit einem speziellen Lithografieprozess perfektioniert, im Zusammenspiel mit zwei weiteren europäischen Playern, Trumpf und Zeiss. Wir sind als Keba stolz, dass wir für Trumpf eine Subkomponente dieser faszinierenden Maschinen beisteuern dürfen. Ohne diese gäbe es keinen KI-Chip, keine Hochleistungs-GPUs. Was wir oft nicht am Radar haben: dass wir als europäische Hightech-Unternehmen mit unseren Technologien vieles möglich machen. Allerdings finden dann die Produktion und die Wertschöpfung leider zu oft in anderen Ländern statt.

Keba ist auch Teil der Initiative Digitale Souveränität. Was heißt Souveränität für ein Unternehmen mit 28 Standorten in 16 Ländern?

Für mich war letztes Jahr in Alpbach Hermann Hauser besonders inspirierend. Er hat die digitale Souveränität mit einer Zwiebel verglichen: Die globalen Tech-Giganten sind weltweit fest in Unternehmen und Prozessen verankert; es ist unrealistisch und naiv, sie komplett aus der Gleichung zu nehmen. Und sie sind für die äußere Zwiebelschicht auch in Ordnung. Doch je näher wir ins Innere der Zwiebel vorstoßen – und das können für jedes Unternehmen andere kritische Prozesse sein –, desto stärker muss man sich bei der aktuellen geopolitischen Lage fragen, in welcher Abhängigkeit man tatsächlich steht. Wir schauen uns unsere Prozesslandschaft an und entscheiden Fall für Fall. ERP zum Beispiel wandert in die Cloud, und da stellt man sich natürlich die Frage, auf welcher Infrastruktur Kernprozesse laufen sollen. Für unser Produktportfolio haben wir entschieden, weitestgehend agnostisch ins Rennen zu gehen, also technologisch offen zu bleiben und je nach Markt und Bedarf die passende Lösung zu wählen. Keba braucht auch Antworten für unsere amerikanischen und asiatischen Kunden.

Was Industrial Intelligence wirklich heißt

Industrial Intelligence steht inzwischen in jedem Wirtschaftsprogramm, vom Bund bis zur Stadt. Was ist damit gemeint?

Ja, das stimmt, Industrial Intelligence ist momentan in aller Munde, sogar im Wirtschaftsprogramm der Stadt Linz. Ich glaube, dass es jetzt etwas braucht, das den Begriff einordenbar macht, denn er darf nicht der nächste Hype-Begriff werden. Industrial Intelligence heißt ja nicht einfach, dass die Industrie irgendwo KI anwendet – es geht darum, mit KI Industriestandards zu erfüllen. Das bedeutet, hochverlässliche, wiederholbare Prozesse zu schaffen, in denen die KI nicht einfach „irgendetwas” tut, sondern kontrolliert in einem definierten Rahmen Arbeitsschritte besser, sicherer, schneller, günstiger oder einfach anders ermöglicht, als das bisher mit normalen Rechnern möglich war. In einer industriellen Produktion muss ein Prozess auch beim tausendsten Durchlauf noch stabil, sicher und reproduzierbar funktionieren. Genau dieser Anspruch unterscheidet Industrial Intelligence von vielen anderen KI-Anwendungen, bei denen ein gewisser Spielraum in den Ergebnissen eher akzeptabel ist.

. © Antje Wolm

Viele KI-Projekte, auch von Startups, sterben nicht am Algorithmus, sondern beim Produktionsleiter. Warum?

Weil man mit Daten, die gerade verfügbar sind oder gemacht werden, schnell einmal etwas bauen kann. Wenn man aber nachhaltig in die wertschöpfenden Prozesse hineinwill, dann wird das kein Produktionsleiter zulassen, solange nicht klar ist, dass es verlässlich funktioniert. Wenn ich KI so baue, dass sie mit verlässlich verfügbaren Daten arbeitet, also mit Daten, die im System entstehen oder zugeliefert werden, und daraus ein konkreter Nutzen erzeugt wird, etwa ein effizienteres Produktionssystem oder ein besserer Qualitätsprozess, dann habe ich verstanden, was die Industrie braucht. Heute werden für nette Prototypen oft eigens Daten zusammengestellt, die im späteren Betrieb so nicht zur Verfügung stehen. Das Verständnis dafür, wie die Industrie tickt, differenziert einen Industrial-AI-Anbieter von einem regulären IT-Unternehmen. In der Industrie braucht es wahre Domänenexpertise, sonst ist man in Prozessen nicht anknüpfungsfähig und kann KI nur zum Drüberstreuen verwenden. Und das mag kein Produktionsleiter.

Wo ist KI bei Keba bereits im laufenden Betrieb im Einsatz?

Beispielsweise in der Elektronikfertigung, das heißt, in der Bestückung von Leiterplatten zu Flachbaugruppen. Wir prüfen dort seit vielen Jahren jedes einzelne Produkt am Ende der Linie mittels AOI, also Automated Optical Inspection, und gleichen es mit einem definierten Sollbild ab. Das war früher ein statischer Prozess: War die Toleranz eng eingestellt, wurde alles aussortiert, was auch nur ein bisschen anders als das Sollbild aussah, und ein Mensch musste sich die Baugruppe noch einmal genauer ansehen. Das System hat dabei nicht dazugelernt. Heute lernt unser System über Machine Learning laufend dazu. Seit wir vor eineinhalb Jahren gestartet haben, sparen wir uns mittlerweile bis zu 70 Prozent unserer Qualitätsaufwendungen in diesem Prozess. Hätten wir aber niemanden gehabt, der zwischen unserem Produktionsleiter – hochkompetent in der Produktion, aber eben kein KI- oder IT-Experte – und unserem IT-Team übersetzt hätte, dann hätte die Produktion wohl gesagt: Lasst uns mit diesem Thema besser in Frieden. Ich bin stolz, dass wir diese Übersetzer- und Katalysator-Expertise im eigenen Unternehmen aufgebaut haben. Das macht vieles leichter; und schneller.

Vom Startup zur Keba Digital

Wann war KI bei Keba erstmals Thema?

Das ist schon lange her. Bereits Anfang der 90er-Jahre haben wir drei wissenschaftliche Kollegen in Hagenberg beschäftigt, die das Thema neuronale Netze für unsere Industriesteuerungen einsetzen wollten. Nach zwei Jahren haben wir es damals allerdings wieder beendet. In der Theorie war damals schon viel möglich, aber die Rechnerleistung war noch viel zu gering. Wir waren viel zu früh.

Der zweite Impuls kam vor rund neun Jahren von meinem Vorgänger, dem damaligen CEO Gerhard Luftensteiner: Wäre es nicht sinnvoll, Machine-Learning-Technologie direkt in unseren Steuerungen Cloud-unabhängig „on device” laufen zu lassen? Daraus ist unser erstes KI-Produkt entstanden, eine „On-Device-AI”-Erweiterung für unsere Industriesteuerungen; kurz darauf unser zweites KI-Produkt namens Kebob, ein KI-basiertes Überwachungs- und Assistenzsystem für Bankfoyers. Als dann der ChatGPT-Hype kam, war KI bei uns offen gesagt gar nichts besonders Aufregendes. Wir haben eher gesagt: Das ist jetzt das nächste Level.

Ihr habt mit Keba Digital eine eigene Einheit gegründet und dafür ein Linzer KI-Startup übernommen. Wie kam es dazu?

Was wir in allen unseren Business Units sehen, in der Industrial Automation, in der Handover Automation und auch in der Energy Automation, ist, dass der große technologische Differenzierungsfaktor zunehmend in der Software liegt. Deshalb war es der nächste logische Schritt, unsere jahrzehntelang aufgebaute Softwarekompetenz mit unserer über Jahre aufgebauten und mit dem Startup-Zukauf 7LYTIX verstärkten KI-Expertise zu verbinden und das Ergebnis im Rahmen eines neuen digitalen Businessmodells unter dem Titel Keba Digital auf den Markt zu bringen. Für Keba Digital haben wir Leute mit Erfahrung in softwarebasierten Geschäftsmodellen ins Unternehmen geholt, Positionierung und Strategie gemeinsam erarbeitet und sind nun mitten in der Umsetzung.

Und wohin soll sie?

Sie wird solide auf drei Säulen stehen: Nach innen als unternehmenseigenes KI-Kompetenzcenter für Keba-Produkte und -Prozesse, mit dem Anspruch „Keba als erster Industriekunde”. Das bringt Erfahrung und Glaubwürdigkeit. Nach außen gehen wir als zweite Säule mit industrieller KI in Branchen, die wir als Keba schon kennen, wo wir bereits Domänenwissen haben; oder auch in neue, wo wir mit KI einen Mehrwert generieren werden. Die dritte Säule ist eine KI-Plattform, mit der wir die Interaktion zwischen Mensch und Maschine, also HMI, ganz neu denken, hardwareunabhängig und somit hochskalierbar.

Es war vom ersten Tag an klar, dass hier etwas entsteht, das auch die drei angestammten Geschäftsbereiche nutzen können; und daher ist das in Bezug auf Industrial AI auch so authentisch: Wenn ich zu einem Industriekunden gehe und der fragt mich: „Was habt ihr denn selbst im Qualitätswesen gemacht?”, dann kann ich sagen: „Bei unserem Shopfloor laufen seit 18 Monaten KI-Modelle operativ.” So positionieren wir uns mit Keba Digital als erfahrener industrieller KI-Partner.


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