05.01.2022

3VC Predictions: Was bringt das Jahr 2022?

Von NFTs über neue Finanzierungsformen bis hin zur Weihnachtsfeier im Metaverse - der europäische Venture Capital Fund 3VC sagt in einem Gastbeitrag voraus, welche Trends wir 2022 erleben werden.
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Peter Lasinger und Roman Scharf haben 3VC gegründet © 3VC/Unsplash/Montage: brutkasten
Peter Lasinger und Roman Scharf haben 3VC gegründet © 3VC/Unsplash/Montage: brutkasten

Europa ist im Aufwind! Nicht nur im Vereinigten Königreich, in Deutschland, Frankreich, Spanien und Skandinavien geht es mit Rekord-Volumina, mehr Mittelaufkommen und höheren Mittelbindungen aufwärts. Auch Mittel- und Osteuropa holen auf. Darum sind wir besonders stolz, schon früh an diese Region geglaubt zu haben. Es ist eine tolle Zeit, Gründer:in zu sein und wir erwarten eine Rekordhöhe an Unternehmensgründungen.

Hier sind einige weitere Entwicklungen, die wir für 2022 voraussehen:

1. Everything tokenized 

Im Jahr 2021 wurden NFTs erstmals in der Gaming- und Blockchain-Szene eingesetzt. Sie bieten die einzigartige Möglichkeit, digitalen Gütern Eigenschaften von physischen Vermögensgegenständen, wie Knappheit oder Eigentum, zu verleihen. Obwohl es einen großen Hype um dieses Konzept gibt und wir wahrscheinlich auch viele Fehlschläge erleben werden, glauben wir, dass 2022 eine weitere kommerzielle Nutzung außerhalb von Gaming oder Collectibles bringen wird. Dies könnte für Endverbraucher:innen, Prosument:innen und kreativen Köpfen den Erwerb von Tokens ermöglichen. Ob in Metaversen, auf bestehenden digitalen Plattformen oder sogar durch die Verknüpfung mit physischen Objekten (digitale Zwillinge) – es gibt noch eine Menge an Werten, die generiert und erfasst werden können. Daher sind wir zuversichtlich, dass Entwickler-Tools sowie Infrastruktur- und Plattformanbieter:innen die schnelle Entwicklung, den Einsatz, den Betrieb und die Wartung dieser neuen Dienste fördern und ermöglichen werden. Interessante Unternehmen in diesem Bereich sind @DappRadar, @AudiusProject, @Helium, @AnimocaBrands, @SoundXYZ, @RTFKT @Single

2. Collaboration 2.0: Wenn Figma und Miro heiraten würden

… und eine Menge Babys hätten! Sag Hallo zu einer erweiterten Feedback- und Kollaborationskultur in 2022! Old-School-Abläufe werden durch produktivere, integrierte, transparente und agile Workflow-Nachfolgemodelle für alle Abteilungen ersetzt: AllOps @tl;dv, DevOps @Fiberplane & @Archbee, LocOps @Lokalise, EventOps & CommunityOps @Talkbase, DesignOps @Collato, BackofficeOps @Passionfroot you name it! 

Der Einsatz solcher Tools bringt enorme Vorteile mit sich. Zum einen, weil sie sowohl Einzelpersonen als auch Teams mit echten Multiplayer-Fähigkeiten ausstatten, die Wissens-Abwanderung zwischen verschiedenen Abteilungen verringern und standardmäßig remote-friendly gestaltet sind, wobei der Schwerpunkt auf asynchroner Kommunikation liegt. Zudem können die Teams dadurch produktiver und zufriedener werden.

3. Wenn prokrastinieren schlauer macht

Wenn es dir wie den meisten Menschen (und uns?!) geht, ist dein Smartphone das Erste, was du morgens checkst, und das Letzte, was du vor dem Schlafengehen siehst. Mit den süchtig machenden UX-Mustern ertappen wir uns oft dabei, wie wir endlos durch altbekannte Plattformen scrollen, die uns mit einer Flut von Informationen versorgen und oft irrelevant sind. Seien wir ehrlich, sie stellen nur eine Verschwendung unserer kostbaren Zeit und Aufmerksamkeit dar. Hast du jemals Angst, dass du zu dem wirst, was du auf deinem Handy konsumierst? Glücklicherweise gibt es einen neuen Trend, bei dem interessenbasierte Plattformen im Snackable-Format entwickelt werden und mit Quality-Content gefüllt sind. Das Beste daran? Du kannst dir aussuchen, wie du prokrastinieren willst, während du schlauer, achtsamer und gesünder wirst: verwandle deine Downtime in Uptime mit 5-Minuten-Wissenshacks von  @Uptime,, die Wissensaustausch-Community – @Insightful  oder @Jodel, und frische dein Allgemeinwissen mit Audio-Content für unterwegs auf – @Gaiali. Viel Spaß beim Procrastination-Hacking! 

4. HR-Tech-Revival: Pflege von Talent

In den vergangenen Jahren gab es eine relativ kleine Anzahl von aufstrebenden globalen Marktführer:innen im HR-Bereich. Wir glauben, dass sich das ändern wird und wir weniger über HR und mehr über Menschen und Talent sprechen werden.

2022 ist definitiv ein Mitarbeiter:innenmarkt: Unternehmen stehen unter dem Druck, Mitarbeiter:innen zu finden und zu binden und ihnen die Möglichkeit zu geben, von überall aus zu arbeiten, ohne dabei Kompromisse in Bezug auf rechtliche Rahmenbedingungen, Vergünstigungen, Zusammenarbeit, Kultur oder Produktivität einzugehen. Wir erwarten, dass Unternehmen ihre Personalprozesse überdenken, bestehende ersetzen oder neue Lösungen einführen – sei es für die Entdeckung und Gewinnung von Talenten, für asynchrones Arbeiten, für die Unterstützung und Verbesserung der Unternehmenskultur oder für die Förderung von Mitarbeiter:innen und deren Wohlbefinden. @Spill, @GoodMonday, @Mindgram, @WithJuno, @SafetyWing, @Symmetrical, @Oviavo

5. Neue Finanzierungsformen

SPACs waren im Jahr 2021 sehr gefragt und für 2022 erwarten wir, dass weitere neue Finanzierungsformen adaptiert werden. Neben der umsatzbasierten Finanzierung für B2B-SaaS, die 2021 auf viel Aufmerksamkeit stieß, werden wir ein ähnliches Angebot für E-Commerce-Unternehmen, Verbrauchersoftware und Unternehmen, die physische Waren anbieten, sehen sofern sie einen wiederholbaren Verkaufsprozess nachweisen können. Wir gehen auch davon aus, dass viele Unternehmen, die an der Dezentralisierung des Internets arbeiten, SAFT (Simple Agreement for Future Tokens) verwenden werden – im Grunde ein SAFE für Tokens, die in der Zukunft erscheinen werden! @Myos, @WeAreUncapped @Tatum

6. IT-Systeme werden robuster werden (müssen)

Die jüngsten Sicherheitsprobleme im Zusammenhang mit Log4j haben uns (erneut) vor Augen geführt, wie anfällig unsere IT-Systeme sind. Die Herausforderungen entstehen nicht nur bei der Abschirmung bestimmter Komponenten oder Netzwerke, sondern sind eine Folge der zunehmenden Komplexität moderner IT-Systeme, die durch die Verwendung von Open-Source-Projekten, APIs und Microservices vorangetrieben wird. Wir befürchten, dass wir derzeit nur ein Prozent der Probleme sehen und erleben. Wir werden 2022 mit weiteren Konsequenzen konfrontiert sein und eine starke Zunahme von Sicherheitsvorfällen und Herausforderungen beobachten.

Viele Unternehmen, die Lösungen anbieten und diese Probleme auf mehreren Ebenen angehen, werden davon profitieren. Diese Unternehmen werden Hunderte von Milliarden Dollar an Wert schaffen und sichern. Sei es die Absicherung der Source-Codes (z. B. @Snyk,, die Absicherung von APIs und Microservices @GraphCDN oder die Bereitstellung neuer Mittel zur Erkennung von Mustern und Abweichungen im Datenfluss (Darktrace, ExeonAnalytics, @Betterstack oder die Ausführung von Diensten (dynatrace) in komplexen IT-Systemen. Prozesse und Arbeitsabläufe müssen automatisiert und stabilisiert werden, um mit den wachsenden Bedrohungen Schritt zu halten @Trickest. Wir freuen uns, dass wir mit Unternehmen zusammenarbeiten, die zu robusten und zukunftssicheren IT-Systemen beitragen.

7. Self-Service-Datenanalyse für alle

Der moderne Daten-Stack, zu dem Snowflake, RedShift, Fivetran, Segment, Looker und andere gehören, hat große Akzeptanz bei Scaleups und modernen Unternehmen gewonnen. Experten warnen jedoch, dass der „moderne Daten-Stack“ nur von Unternehmen mit einem Umsatz von mindestens 30-40 Mio. Euro leistbar ist. Gleichzeitig sehen wir einen Bedarf auch bei kleineren Unternehmen (zum Beispiel Series A+), die aktiv nach Lösungen suchen, um die von verschiedenen Teams erstellten und gesammelten Daten rationalisieren und nutzen zu können, ohne Millionen zu investieren. Wir glauben, dass No-Code-Lösungen folgen werden, die auch von Non-Data Scientists genutzt werden können, um Teams in verschiedenen Organisationen zu unterstützen und bemerkenswerte neue Erfahrungen zu schaffen! @Dataddo, @Databox, @IFTTT @Gyana @Obviously

8. Weihnachten 2022 im Metaverse?

Im Jahr 2022 wird eine ganz neue Generation von Wearables auf den Markt kommen, die das Metaverse zum ersten Mal tragbar und real machen. Statt klobiger VR-Headsets werden wir sauber designte Brillen tragen, die es ermöglichen, Overlays zur realen Welt zu sehen. Diese Overlays werden uns mit nützlichen Informationen versorgen oder uns die Welt so sehen lassen, wie wir sie gerne hätten. Stell dir vor, du siehst immer einen blauen Himmel, wenn du einen blauen Himmel sehen möchtest. Während die Menschen im Jahr 2021 auf das Metaverse mit „Was ist das?“ reagierten, werden sie es im Jahr 2022 akzeptieren und sagen: „OK, das ist es“. 

Die mögliche Markteinführung der intelligenten Brillen von Apple wird mit Spannung erwartet, während die Spectacles von Snap uns bereits eine konkrete Vorstellung davon vermitteln, wohin sich diese Technologie entwickelt. Ein interessantes europäisches Startup, das man sich ansehen sollte, ist das ukrainische @Party. Vielleicht werden die Weihnachts-Partys 2022 im Metaverse stattfinden? 

9. Software continues eating pills

2021 war das Jahr, in dem die Menschheit erkannte, dass es auch ein Jahr nach Covid noch viele Lücken und Probleme in der digitalen Infrastruktur unserer Gesundheitssysteme gibt. Durch die Beschleunigung der Innovationen werden wir 2022 und danach erste Früchte und eine größere Akzeptanz digitaler Gesundheitsmodelle sehen. Die USA sind bei der Einführung von Wearables einige Jahre voraus. Wir gehen davon aus, dass auch die Europäer:innen zunehmend Wearables, die digitale Therapien ermöglichen können, besitzen und nutzen werden. In den Bereichen Diagnose, kontinuierliche Überwachung sowie Vor- und Nachsorge werden wir eine Koexistenz sehen. Da viele wichtige Gesundheitsdaten in die Cloud verlagert werden, werden Datenschutz und Sicherheit in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Eine technologische Lösung für die Speicherung aller Patientendaten könnte die Blockchain sein, ein dezentralisiertes digitales Register für Patientendaten. Damit kann verhindert werden, dass die Daten verändert oder gehackt werden.

Deutschland hat mit DiGA (Digital Health Applications) eine Vorreiterrolle bei der Einführung des digitalen Gesundheitswesens eingenommen. Wir hoffen und erwarten, dass andere europäische Länder ein ähnliches System einführen werden. Erwähnenswert sind hier die Unternehmen @Sympatient and @Mika.

10. Das Klima ins Rampenlicht rücken

Während im Jahr 2021 viele Unternehmen, die grüne Technologie anbieten, durchgestartet sind wird das Jahr 2022 endlich der Beginn sein, in dem Unternehmen tatsächlich etwas bewirken. Sie werden endlich Verhaltensänderungen vorantreiben, die Umweltverschmutzung eindämmen und sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen, indem sie weniger CO2-Fußabdruck produzieren (anstatt Geld für einen ständig wachsenden CO2-Fußabdruck zu bezahlen). Die bösen Überraschungen in der Supply-Chain im Jahr 2021 ermöglichten eine grüne und nachhaltige Gestaltung von globalen Lieferketten. Wir alle wissen, dass es einen echten gesellschaftlichen Wandel geben muss, um die Klimaziele zu erreichen. Leider hat die Pandemie die Aufmerksamkeit von der Klimakrise weggelenkt, im Jahr 2022 wird die sie wieder ins Rampenlicht rücken. Wir werden die ersten Zero-Waste-Unternehmen sehen, die zu bekannten Namen werden, da Unternehmen wie https://www.pieter-pot.nl ihre ersten Finanzierungsrunden durchführen und weiter wachsen. Andere erwähnenswerte Unternehmen sind @Connect, @Minimum, @Vaayu, @Resourciful, and @Tanso..

Über den Autor: 

3VC ist ein europäischer Venture Capital Fund, der in eine sorgfältig ausgewählte Gruppe von europäischen Technologie-Startups mit globalen Ambitionen investiert. Das unternehmerische Team von 3VC konzentriert sich auf die Series A und bietet unermüdliche Unterstützung und Zugang zu einem internationalen Co-Investment-Netzwerk von VC-Partnern. Zum Portfolio von 3VC gehören führende Unternehmen wie Assaia, Kaia Health, Lokalise, PicsArt und Storyblok.

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Zwischen Wien und dem Silicon Valley – was Österreich sich für den KI-Sprung nach vorne abschauen kann

Dort, wo die Vorreiter:innen der KI zu Hause sind, hat brutkasten mit zwei Österreicherinnen gesprochen, die genau dazwischen stehen: Isabella Tomás (Open Austria) und Manuela Mohr-Zydek (Salesforce Österreich). Ein Gespräch über einzigartige Fähigkeiten, wichtige Learnings und offene Potentiale.
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(V.l.) Manuela Mohr-Zydek (Salesforce Österreich) und Isabella Tomás (Open Austria) in San Francisco. © brutkasten

Zwei Perspektiven, ein Hotspot: San Francisco. Isabella Tomás sitzt seit vier Jahren an der Schnittstelle zwischen Österreich und dem Silicon Valley. Als Konsulin und Co-Direktorin von Open Austria leitet sie das gemeinsam von Außenministerium (BMEIA) und Wirtschaftskammer Österreich (WKO) betriebene Außenwirtschafts- und Innovationsbüro und vernetzt heimische Gründerinnen, Gründer und Unternehmen mit dem wohl dichtesten Innovationsökosystem der Welt. Manuela Mohr-Zydek blickt aus der Unternehmensperspektive darauf: Seit eineinhalb Jahren verantwortet sie als Country Leaderin das Österreich-Geschäft von Salesforce und begleitet heimische Betriebe dabei, den Schritt von der digitalen Transformation zur produktiven Skalierung autonomer KI-Agenten zu schaffen.

Im exklusiven Gespräch mit brutkasten ziehen die beiden Bilanz: Wie steht es um Österreich in Sachen KI-Anwendung? Was können heimische Unternehmen von der Risikobereitschaft und Umsetzungskraft des Silicon Valley lernen und wo sollte man mit dem KI-Einsatz trotz allem Potenzial vorsichtig bleiben? Von der Rolle des Kapitals bis hin zu den Stärken österreichischer Ingenieure, Tomás und Mohr-Zydek liefern einen ehrlichen Blick auf zwei Innovationswelten, die einander viel zu sagen haben.


Brutkasten: Ihr seid beide viel zwischen Österreich und San Francisco unterwegs. Welche Learnings möchtest du von hier sofort mit nach Österreich nehmen, Manuela?

Manuela Mohr-Zydek: Man kann viel Innovation und Inspiration mit nach Österreich nehmen. Wobei ich auch sagen muss, dass wir in Österreich bereits unglaublich viel Innovation und viele neue Ideen haben. Ich bin nun seit eineinhalb Jahren als Country Leaderin für Salesforce in Österreich tätig und sehe das täglich. Was man aus dem Silicon Valley mitnehmen kann, ist die enorme Umsetzungskraft und die Pionierarbeit. In Österreich befinden wir uns in manchen Bereichen gefühlt noch ganz am Anfang – vor allem beim Thema künstliche Intelligenz. Wir haben viele Kunden, die sich bereits damit auseinandersetzen oder KI skalierbar im Einsatz haben. Im Silicon Valley ist man vermutlich schon ein Stück weiter, und genau dieses Mindset können wir mitnehmen. Wir müssen weg von „Wir probieren aus“ hin zu „Wir setzen künstliche Intelligenz skalierbar im Unternehmen ein“. Damit lässt sich einerseits der Fachkräftemangel adressieren und andererseits dem wirtschaftlichen Kostendruck begegnen. Die Strategie sollte aus unserer Sicht aber nicht sein, Arbeitsplätze abzubauen. Im Gegenteil: Wir sehen viele Chancen für junge Menschen, sich im Bereich KI weiterzubilden, umzuschulen und eine klare Zukunftsperspektive aufzubauen.

Isabella Tomás: Ich kann bestätigen, was Manuela gesagt hat. Ich bin für Open Austria seit vier Jahren im Silicon Valley. Ein wesentlicher Unterschied ist die höhere Risikobereitschaft. Gründerinnen und Gründer werden hier ermutigt und unterstützt, mutig zu agieren. Die Menschen haben keine Angst vor Innovation. In Österreich haben wir sehr viele innovative Köpfe, aber man hat oft das Gefühl, dass sie nicht immer optimal gefördert werden, um sich voll zu entfalten – das beginnt an den Universitäten und setzt sich in den Unternehmen fort. Der zweite Punkt ist die Skalierbarkeit: Hier steht eine enorme Menge an Risikokapital zur Verfügung, mit dem Startups viel schneller skalieren können. Zudem spielt der US-Markt eine entscheidende Rolle: Wer sich hier etabliert, kann relativ leicht in andere Märkte vorstoßen und weltweit skalieren. Das ist in Österreich und auf EU-Ebene aufgrund der Marktstrukturen leider noch nicht ohne Hürden möglich.

Salesforce-CEO Marc Benioff hat in seiner Eröffnungs-Keynote ein eher verhaltenes Bild von Europa in Bezug auf KI gezeichnet. Wie beobachtest du die Adaption von KI-Applikationen bei österreichischen Unternehmen, Manuela?

Manuela Mohr-Zydek: Über die letzten Monate hat sich eine sehr positive Dynamik entwickelt. Wir führen nahezu mit jedem Kunden Gespräche zum Thema künstliche Intelligenz. Es geht nicht mehr nur um erste Pilotprojekte oder Proofs of Concept, sondern darum, wie Unternehmen tatsächlich mit autonomen Agenten arbeiten können – Hand in Hand zwischen Mensch und Agent. Wir sehen eine große Offenheit dafür, Geschäftsprozesse agentenbasiert zu unterstützen. Wir befinden uns in der nächsten Stufe: weg vom reinen Ausprobieren, hin zum Etablieren einer Kultur im Sinne von „Human in the Loop“. Der Mensch bleibt entscheidungsfähig, wird aber autonom durch Agenten unterstützt.

Welche konkreten Use Cases beobachtest du, auch im Vergleich zwischen größeren Unternehmen und Startups?

Manuela Mohr-Zydek: Gerade für kleinere Unternehmen und Startups bietet KI eine riesige Chance, weil Technologie demokratisiert wird. Mit Low-Code- und No-Code-Ansätzen braucht man keine tiefe Coding-Erfahrung mehr, um einen Agenten zu bauen und eine Idee zu verwirklichen. Anfänglich haben wir sehr stark im Servicebereich mit autonomen Agenten begonnen. Über die vergangenen Monate hat sich das stark in Richtung Marketing, Sales und Commerce weiterentwickelt. Es gibt Beispiele wie PayPal oder Anwendungsfälle, bei denen Agenten automatisiert Outbound-Leads generieren, Inbound-Anfragen abarbeiten oder Marketing-Journeys erstellen, bevor der Mitarbeiter übernimmt. Im Commerce-Bereich unterstützen Agenten bei Produktauskünften auf Webseiten. Autonome Agenten befreien Mitarbeiter von wiederkehrenden, maschinellen Aufgaben, sodass sich der Mensch wieder auf seine Kernstärken besinnen kann: Kreativität und soziales Miteinander. Das ist das Schöne am Konzept des „Agentic Enterprise“.

Isabella, was beobachtest du bei österreichischen Gründern, die ins Silicon Valley oder nach San Francisco kommen? Wie sieht dort die KI-Adaption aus?

Isabella Tomás: Die meisten, die herkommen, sind bereits tief im Thema drin oder kommen genau deshalb hierher, weil San Francisco das Mekka der KI ist. Wer das Thema noch nicht mitbringt, arbeitet sich sehr schnell ein. Zu Beginn gibt es meist einen gewissen Wow-Effekt. Das Beispiel der autonomen Autos verdeutlicht das gut: Für meine Volksschulkinder ist es mittlerweile völlig normal, sich in ein fahrerloses Auto zu setzen. Europäer, die das erste Mal in San Francisco sind, sind davon meist fasziniert. Der Unterschied liegt darin, dass die Menschen hier eine ausgeprägte Early-Adopter-Mentalität haben. Sie sind überdurchschnittlich bereit, etwas völlig Neues auszuprobieren, und haben weniger Berührungsängste. Das verhilft innovativen Ideen schneller zum Durchbruch und schafft einen ersten Use Case, mit dem man zeigen kann, dass es in der Praxis funktioniert.

Welche Stärken bringen Gründerinnen und Gründer aus Österreich mit, die man im Silicon Valley schätzt?

Isabella: Man schätzt auf jeden Fall die hervorragende Ausbildung an unseren Universitäten und Fachhochschulen. Die Ausbildung steht den Top-Universitäten in den USA in nichts nach. Auch das technische Fundament, etwa von Ingenieuren im Industriebereich, wird sehr geschätzt. Die Leute wissen genau, wovon sie sprechen, und arbeiten extrem solide. Wenn sich dieses Fachwissen mit der innovativen Dynamik vor Ort verbindet, entsteht eine hervorragende Kombination. Österreicher sind vielleicht nicht immer diejenigen mit den verrücktesten Ideen, aber sie sind extrem stark darin, diese Ideen pragmatisch und erfolgreich umzusetzen.

Überspitzt gefragt: Haben Gründer:innen aus Europa im Silicon Valley einen Nachteil, weil das Vorurteil herrscht, Europäer hinkten bei KI hinterher?

Isabella Tomás: Nein, nicht unbedingt. Das Silicon Valley ist ein großer Schmelztiegel mit Menschen aus aller Welt. Österreichische Gründerinnen und Gründer, die sich gut präsentieren, haben keineswegs einen Nachteil, nur weil sie aus Europa kommen. Einen Nachteil hat man nur dann, wenn man sich schlecht präsentiert oder nicht fachkundig wirkt. Wer zeigt, dass er seinen Bereich beherrscht und etwas Interessantes auf die Beine stellt, wird hier sehr schnell anerkannt.

Manuela, Salesforce hat sich ja spätestens mit AIforce der künstlichen Intelligenz verschrieben. Was ist für Geschäftsführer:innen, die KI im Unternehmen umsetzen wollen, deiner Meinung nach der beste erste Schritt?

Manuela Mohr-Zydek: Wir setzen sehr stark bei Schulungen an – und zwar sowohl auf Führungsebene als auch auf Mitarbeiterebene. Eine Zusammenarbeit von Mensch und Agent („Agentic Enterprise“) muss von Führungskräften vorgelebt werden, was ein grundlegendes technologisches Verständnis voraussetzt. Es geht auch um die Frage der ethischen Verantwortung und darum, wo die Grenzen der Technologie liegen, damit der Mensch in der Entscheidung verbleibt. Auf Mitarbeiterebene dienen Schulungen dazu, Inspiration und Ideen zu generieren. Wir veranstalten dazu auch Hackathons mit Kunden, um Ideen in eine Roadmap zu gießen und rasch in die Umsetzung zu bringen. So entsteht sowohl Top-down als auch Bottom-up die Innovationskraft, die es für die Zukunft braucht.

Gibt es Bereiche, in denen man KI konkret noch aussparen sollte, obwohl sie viel Potenzial birgt?

Isabella Tomás: Es gibt sehr sensible Bereiche, bei denen große Vorsicht geboten ist – etwa wenn es um Gesundheitsdaten oder hochgradig personenbezogene Daten geht. Aus Sicht der öffentlichen Verwaltung gelten hier höchste Anforderungen an Datenschutz und Regelkonformität. Solange nicht zu hundert Prozent sichergestellt ist, dass alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden, kann KI dort nicht ohne Weiteres eingesetzt werden. Wenn es hingegen um Recherchen oder Entwürfe für Präsentationen geht, ist das unbedenklich. Grundsätzlich gilt: Je besser man sich selbst in einem Fachgebiet auskennt, desto eher kann man KI sinnvoll nutzen, weil man das Ergebnis fachlich beurteilen kann. Wenn man keine Ahnung von der Materie hat, sollte man KI-Ergebnisse nicht blind übernehmen, sondern verifizieren.

Welche Hoppalas oder Fehler konntest du im Silicon Valley beobachten, von denen Unternehmen in Österreich lernen können?

Isabella Tomás: Die Fehler sind ähnlich wie überall. Das reicht von Anwälten, die vor Gericht erfundene Präzedenzfälle zitiert haben, über Fehldiagnosen bei medizinischen Bildanalysen bis hin zu falschen Wirtschaftsdaten auf Präsentationsfolien. Wenn man Ergebnisse ungeprüft übernimmt, kann das peinlich werden. Man darf sich nicht blind auf die KI verlassen, wenn man die Fakten nicht selbst verifizieren kann.

Manuela, wie verändert sich die Arbeit in Unternehmen konkret durch den Einsatz von Agenten?

Manuela Mohr-Zydek: Wir gehen davon aus, dass sich letztlich nahezu jeder Job verändern wird. Es geht längst nicht mehr nur darum, ein Large Language Model als Assistenten einzusetzen, sondern darum, einzelne Prozessabschnitte im Unternehmen messbar und autonom abzuarbeiten. Bei Salesforce messen wir das in „Agentic Work Units“ – hier gab es von Q1 auf Q2 einen Anstieg von 97 Prozent. Um ein Unternehmen verlässlich zu führen, braucht man valide Daten, funktionierende Prozesse, Governance und Compliance. Das LLM dient als kreatives Interface nach oben, aber darunter braucht es ein solides Fundament aus Daten, Applikationen und Sicherheit.

Isabella Tomás: Das ist auch der Vorteil von spezifischen, maßgeschneiderten Modellen, die auf den konkreten Unternehmensdaten basieren. Dort ist das Risiko von Halluzinationen oder fehlerhaften Ausgaben deutlich geringer als bei rein generischen Sprachmodellen.

Manuela Mohr-Zydek: Wie Marc Benioff in seiner Keynote hervorgehoben hat, muss man zwischen wahrscheinlichkeitsbasierten und deterministischen Ergebnissen unterscheiden. Die Kombination aus beidem liefert sowohl kreative Möglichkeiten als auch die nötige Verlässlichkeit für Unternehmensentscheidungen


Transparenzhinweis: Die Reise- und Aufenthaltskosten zur Dreamforce wurden von Salesforce übernommen. Auswahl und Bewertung der Themen erfolgten unabhängig davon.

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