05.01.2022

3VC Predictions: Was bringt das Jahr 2022?

Von NFTs über neue Finanzierungsformen bis hin zur Weihnachtsfeier im Metaverse - der europäische Venture Capital Fund 3VC sagt in einem Gastbeitrag voraus, welche Trends wir 2022 erleben werden.
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Peter Lasinger und Roman Scharf haben 3VC gegründet © 3VC/Unsplash/Montage: brutkasten
Peter Lasinger und Roman Scharf haben 3VC gegründet © 3VC/Unsplash/Montage: brutkasten

Europa ist im Aufwind! Nicht nur im Vereinigten Königreich, in Deutschland, Frankreich, Spanien und Skandinavien geht es mit Rekord-Volumina, mehr Mittelaufkommen und höheren Mittelbindungen aufwärts. Auch Mittel- und Osteuropa holen auf. Darum sind wir besonders stolz, schon früh an diese Region geglaubt zu haben. Es ist eine tolle Zeit, Gründer:in zu sein und wir erwarten eine Rekordhöhe an Unternehmensgründungen.

Hier sind einige weitere Entwicklungen, die wir für 2022 voraussehen:

1. Everything tokenized 

Im Jahr 2021 wurden NFTs erstmals in der Gaming- und Blockchain-Szene eingesetzt. Sie bieten die einzigartige Möglichkeit, digitalen Gütern Eigenschaften von physischen Vermögensgegenständen, wie Knappheit oder Eigentum, zu verleihen. Obwohl es einen großen Hype um dieses Konzept gibt und wir wahrscheinlich auch viele Fehlschläge erleben werden, glauben wir, dass 2022 eine weitere kommerzielle Nutzung außerhalb von Gaming oder Collectibles bringen wird. Dies könnte für Endverbraucher:innen, Prosument:innen und kreativen Köpfen den Erwerb von Tokens ermöglichen. Ob in Metaversen, auf bestehenden digitalen Plattformen oder sogar durch die Verknüpfung mit physischen Objekten (digitale Zwillinge) – es gibt noch eine Menge an Werten, die generiert und erfasst werden können. Daher sind wir zuversichtlich, dass Entwickler-Tools sowie Infrastruktur- und Plattformanbieter:innen die schnelle Entwicklung, den Einsatz, den Betrieb und die Wartung dieser neuen Dienste fördern und ermöglichen werden. Interessante Unternehmen in diesem Bereich sind @DappRadar, @AudiusProject, @Helium, @AnimocaBrands, @SoundXYZ, @RTFKT @Single

2. Collaboration 2.0: Wenn Figma und Miro heiraten würden

… und eine Menge Babys hätten! Sag Hallo zu einer erweiterten Feedback- und Kollaborationskultur in 2022! Old-School-Abläufe werden durch produktivere, integrierte, transparente und agile Workflow-Nachfolgemodelle für alle Abteilungen ersetzt: AllOps @tl;dv, DevOps @Fiberplane & @Archbee, LocOps @Lokalise, EventOps & CommunityOps @Talkbase, DesignOps @Collato, BackofficeOps @Passionfroot you name it! 

Der Einsatz solcher Tools bringt enorme Vorteile mit sich. Zum einen, weil sie sowohl Einzelpersonen als auch Teams mit echten Multiplayer-Fähigkeiten ausstatten, die Wissens-Abwanderung zwischen verschiedenen Abteilungen verringern und standardmäßig remote-friendly gestaltet sind, wobei der Schwerpunkt auf asynchroner Kommunikation liegt. Zudem können die Teams dadurch produktiver und zufriedener werden.

3. Wenn prokrastinieren schlauer macht

Wenn es dir wie den meisten Menschen (und uns?!) geht, ist dein Smartphone das Erste, was du morgens checkst, und das Letzte, was du vor dem Schlafengehen siehst. Mit den süchtig machenden UX-Mustern ertappen wir uns oft dabei, wie wir endlos durch altbekannte Plattformen scrollen, die uns mit einer Flut von Informationen versorgen und oft irrelevant sind. Seien wir ehrlich, sie stellen nur eine Verschwendung unserer kostbaren Zeit und Aufmerksamkeit dar. Hast du jemals Angst, dass du zu dem wirst, was du auf deinem Handy konsumierst? Glücklicherweise gibt es einen neuen Trend, bei dem interessenbasierte Plattformen im Snackable-Format entwickelt werden und mit Quality-Content gefüllt sind. Das Beste daran? Du kannst dir aussuchen, wie du prokrastinieren willst, während du schlauer, achtsamer und gesünder wirst: verwandle deine Downtime in Uptime mit 5-Minuten-Wissenshacks von  @Uptime,, die Wissensaustausch-Community – @Insightful  oder @Jodel, und frische dein Allgemeinwissen mit Audio-Content für unterwegs auf – @Gaiali. Viel Spaß beim Procrastination-Hacking! 

4. HR-Tech-Revival: Pflege von Talent

In den vergangenen Jahren gab es eine relativ kleine Anzahl von aufstrebenden globalen Marktführer:innen im HR-Bereich. Wir glauben, dass sich das ändern wird und wir weniger über HR und mehr über Menschen und Talent sprechen werden.

2022 ist definitiv ein Mitarbeiter:innenmarkt: Unternehmen stehen unter dem Druck, Mitarbeiter:innen zu finden und zu binden und ihnen die Möglichkeit zu geben, von überall aus zu arbeiten, ohne dabei Kompromisse in Bezug auf rechtliche Rahmenbedingungen, Vergünstigungen, Zusammenarbeit, Kultur oder Produktivität einzugehen. Wir erwarten, dass Unternehmen ihre Personalprozesse überdenken, bestehende ersetzen oder neue Lösungen einführen – sei es für die Entdeckung und Gewinnung von Talenten, für asynchrones Arbeiten, für die Unterstützung und Verbesserung der Unternehmenskultur oder für die Förderung von Mitarbeiter:innen und deren Wohlbefinden. @Spill, @GoodMonday, @Mindgram, @WithJuno, @SafetyWing, @Symmetrical, @Oviavo

5. Neue Finanzierungsformen

SPACs waren im Jahr 2021 sehr gefragt und für 2022 erwarten wir, dass weitere neue Finanzierungsformen adaptiert werden. Neben der umsatzbasierten Finanzierung für B2B-SaaS, die 2021 auf viel Aufmerksamkeit stieß, werden wir ein ähnliches Angebot für E-Commerce-Unternehmen, Verbrauchersoftware und Unternehmen, die physische Waren anbieten, sehen sofern sie einen wiederholbaren Verkaufsprozess nachweisen können. Wir gehen auch davon aus, dass viele Unternehmen, die an der Dezentralisierung des Internets arbeiten, SAFT (Simple Agreement for Future Tokens) verwenden werden – im Grunde ein SAFE für Tokens, die in der Zukunft erscheinen werden! @Myos, @WeAreUncapped @Tatum

6. IT-Systeme werden robuster werden (müssen)

Die jüngsten Sicherheitsprobleme im Zusammenhang mit Log4j haben uns (erneut) vor Augen geführt, wie anfällig unsere IT-Systeme sind. Die Herausforderungen entstehen nicht nur bei der Abschirmung bestimmter Komponenten oder Netzwerke, sondern sind eine Folge der zunehmenden Komplexität moderner IT-Systeme, die durch die Verwendung von Open-Source-Projekten, APIs und Microservices vorangetrieben wird. Wir befürchten, dass wir derzeit nur ein Prozent der Probleme sehen und erleben. Wir werden 2022 mit weiteren Konsequenzen konfrontiert sein und eine starke Zunahme von Sicherheitsvorfällen und Herausforderungen beobachten.

Viele Unternehmen, die Lösungen anbieten und diese Probleme auf mehreren Ebenen angehen, werden davon profitieren. Diese Unternehmen werden Hunderte von Milliarden Dollar an Wert schaffen und sichern. Sei es die Absicherung der Source-Codes (z. B. @Snyk,, die Absicherung von APIs und Microservices @GraphCDN oder die Bereitstellung neuer Mittel zur Erkennung von Mustern und Abweichungen im Datenfluss (Darktrace, ExeonAnalytics, @Betterstack oder die Ausführung von Diensten (dynatrace) in komplexen IT-Systemen. Prozesse und Arbeitsabläufe müssen automatisiert und stabilisiert werden, um mit den wachsenden Bedrohungen Schritt zu halten @Trickest. Wir freuen uns, dass wir mit Unternehmen zusammenarbeiten, die zu robusten und zukunftssicheren IT-Systemen beitragen.

7. Self-Service-Datenanalyse für alle

Der moderne Daten-Stack, zu dem Snowflake, RedShift, Fivetran, Segment, Looker und andere gehören, hat große Akzeptanz bei Scaleups und modernen Unternehmen gewonnen. Experten warnen jedoch, dass der „moderne Daten-Stack“ nur von Unternehmen mit einem Umsatz von mindestens 30-40 Mio. Euro leistbar ist. Gleichzeitig sehen wir einen Bedarf auch bei kleineren Unternehmen (zum Beispiel Series A+), die aktiv nach Lösungen suchen, um die von verschiedenen Teams erstellten und gesammelten Daten rationalisieren und nutzen zu können, ohne Millionen zu investieren. Wir glauben, dass No-Code-Lösungen folgen werden, die auch von Non-Data Scientists genutzt werden können, um Teams in verschiedenen Organisationen zu unterstützen und bemerkenswerte neue Erfahrungen zu schaffen! @Dataddo, @Databox, @IFTTT @Gyana @Obviously

8. Weihnachten 2022 im Metaverse?

Im Jahr 2022 wird eine ganz neue Generation von Wearables auf den Markt kommen, die das Metaverse zum ersten Mal tragbar und real machen. Statt klobiger VR-Headsets werden wir sauber designte Brillen tragen, die es ermöglichen, Overlays zur realen Welt zu sehen. Diese Overlays werden uns mit nützlichen Informationen versorgen oder uns die Welt so sehen lassen, wie wir sie gerne hätten. Stell dir vor, du siehst immer einen blauen Himmel, wenn du einen blauen Himmel sehen möchtest. Während die Menschen im Jahr 2021 auf das Metaverse mit „Was ist das?“ reagierten, werden sie es im Jahr 2022 akzeptieren und sagen: „OK, das ist es“. 

Die mögliche Markteinführung der intelligenten Brillen von Apple wird mit Spannung erwartet, während die Spectacles von Snap uns bereits eine konkrete Vorstellung davon vermitteln, wohin sich diese Technologie entwickelt. Ein interessantes europäisches Startup, das man sich ansehen sollte, ist das ukrainische @Party. Vielleicht werden die Weihnachts-Partys 2022 im Metaverse stattfinden? 

9. Software continues eating pills

2021 war das Jahr, in dem die Menschheit erkannte, dass es auch ein Jahr nach Covid noch viele Lücken und Probleme in der digitalen Infrastruktur unserer Gesundheitssysteme gibt. Durch die Beschleunigung der Innovationen werden wir 2022 und danach erste Früchte und eine größere Akzeptanz digitaler Gesundheitsmodelle sehen. Die USA sind bei der Einführung von Wearables einige Jahre voraus. Wir gehen davon aus, dass auch die Europäer:innen zunehmend Wearables, die digitale Therapien ermöglichen können, besitzen und nutzen werden. In den Bereichen Diagnose, kontinuierliche Überwachung sowie Vor- und Nachsorge werden wir eine Koexistenz sehen. Da viele wichtige Gesundheitsdaten in die Cloud verlagert werden, werden Datenschutz und Sicherheit in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Eine technologische Lösung für die Speicherung aller Patientendaten könnte die Blockchain sein, ein dezentralisiertes digitales Register für Patientendaten. Damit kann verhindert werden, dass die Daten verändert oder gehackt werden.

Deutschland hat mit DiGA (Digital Health Applications) eine Vorreiterrolle bei der Einführung des digitalen Gesundheitswesens eingenommen. Wir hoffen und erwarten, dass andere europäische Länder ein ähnliches System einführen werden. Erwähnenswert sind hier die Unternehmen @Sympatient and @Mika.

10. Das Klima ins Rampenlicht rücken

Während im Jahr 2021 viele Unternehmen, die grüne Technologie anbieten, durchgestartet sind wird das Jahr 2022 endlich der Beginn sein, in dem Unternehmen tatsächlich etwas bewirken. Sie werden endlich Verhaltensänderungen vorantreiben, die Umweltverschmutzung eindämmen und sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen, indem sie weniger CO2-Fußabdruck produzieren (anstatt Geld für einen ständig wachsenden CO2-Fußabdruck zu bezahlen). Die bösen Überraschungen in der Supply-Chain im Jahr 2021 ermöglichten eine grüne und nachhaltige Gestaltung von globalen Lieferketten. Wir alle wissen, dass es einen echten gesellschaftlichen Wandel geben muss, um die Klimaziele zu erreichen. Leider hat die Pandemie die Aufmerksamkeit von der Klimakrise weggelenkt, im Jahr 2022 wird die sie wieder ins Rampenlicht rücken. Wir werden die ersten Zero-Waste-Unternehmen sehen, die zu bekannten Namen werden, da Unternehmen wie https://www.pieter-pot.nl ihre ersten Finanzierungsrunden durchführen und weiter wachsen. Andere erwähnenswerte Unternehmen sind @Connect, @Minimum, @Vaayu, @Resourciful, and @Tanso..

Über den Autor: 

3VC ist ein europäischer Venture Capital Fund, der in eine sorgfältig ausgewählte Gruppe von europäischen Technologie-Startups mit globalen Ambitionen investiert. Das unternehmerische Team von 3VC konzentriert sich auf die Series A und bietet unermüdliche Unterstützung und Zugang zu einem internationalen Co-Investment-Netzwerk von VC-Partnern. Zum Portfolio von 3VC gehören führende Unternehmen wie Assaia, Kaia Health, Lokalise, PicsArt und Storyblok.

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Estland hat mit einer Einwohnerzahl von 1,3 Millionen bereits zehn Unicorns hervorgebracht, was das Land zu einem europäischen Spitzenreiter bei den Unicorns pro Kopf macht. Estland setzt schon lange auf Digitalisierung und effiziente Unternehmensgründung. Doch es gibt noch andere, wichtige Erfolgsfaktoren im Startup-Ökosystem: Community, Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe. Brutkasten war vor Ort, um sich selbst ein Bild davon zu machen.
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Estlands Startup-Ökosystem setzt auf Netzwerk und Unterstützung. (c) Hannah Fasching

Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026“ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramtes, finanziert aus Bundesmitteln.


Im Krulli-Viertel, etwas außerhalb von Tallinns Innenstadt, stand früher ein Stahlwerk. Rund um die Altstadt haben sich im Laufe der Jahre einige urbane, innovative Zentren dort entwickelt, wo zuvor Handwerk betrieben wurde. Im Startup-Hub Ruum (Raum) in Krulli kommen an diesem Tag dutzende junge Founder:innen zusammen. Von der diskreten Art der Esten, der man im Alltag oft begegnet, merkt man hier nichts.

Die Gründer:innen sind hier alle im gleichen Raum. Jeder arbeitet für sich, aber niemand allein. Auf drei langen Schreibtischen wird an Visionen getüftelt. Die Programmierprogramme laufen auf Hochtouren, Skizzen werden gemalt. Kommt eine Frage auf, dreht man sich einfach zu seinem Nachbarn und fragt.

Helery und Liisa haben Ruum gegründet. (c) Hannah Fasching

Größen, die helfen

Wo gerade noch enthusiastisch miteinander diskutiert und ausgetauscht wurde, herrscht plötzlich Stille. Jeder nimmt einen Stuhl und setzt sich in den Teil des Raums, wo üblicherweise Präsentationen abgehalten werden.

Taavet Hinrikus nimmt vorne Platz. Hinrikus ist CEO und Gründer des FinTechs Wise. Außerdem hat er Skype mitaufgebaut – der Chatdienst wurde ebenfalls in Estland gegründet. Laut Forbes hat er ein Vermögen von 1,2 Milliarden Euro, sein Unternehmen ist mittlerweile in London stationiert. Bei seinem kurzen Tallinn-Aufenthalt nimmt er sich die Zeit und kommt in den Ruum. Er beantwortet Fragen der jungen Founder:innen, gibt Tipps und lässt sich auf Diskussionen ein.

„Wir brauchen immer mehr Menschen, die sich im Unternehmertum versuchen. Einige von ihnen werden erfolgreich sein, das ist großartig. Andere werden einfach daraus lernen und besser werden. Was auch immer sie als Nächstes tun, ich betrachte es als einen wichtigen Teil des Wachstums des Ökosystems, etwas zurückzugeben“, so Hinrikus im Interview mit brutkasten.

Etwas zurückgeben will auch Hedi Mardisoo, sie ist Founderin und Mitglied der Estonian Founder Society. „Vorstandsmitglied bei der Founders Society zu sein, ist meine Art, etwas zurückgeben. Zeit und Energie hineinzustecken, um sicherzustellen, dass die nächsten Generationen wachsen können und dieselbe Aufmerksamkeit und Hilfe bekommen, die ich bekommen habe, als ich sie brauchte in meinen ersten Gründungsjahren.“

Die Estonian Founders Society entstand im Jahr 2009, als eine Gruppe von Early-Stage-Gründer:innen – allesamt Absolvent:innen eines Startup-Leadership-Programms – beschloss, in Verbindung zu bleiben. Ihre Mission: Sowohl Erfolge als auch Misserfolge miteinander zu teilen, die alltäglichen Herausforderungen des Startup-Lebens gemeinsam zu meistern und wertvolle Beziehungen unter den Gründer:innen aufzubauen.

Taavet Hinrikus (v.l.) berät junge Founder:innen in Estland. (c) Hannah Fasching

„Kluge Köpfe zusammenstecken“

Zurück im Ruum. Liisa Jõerüüt, Founderin des Hubs, erklärt, welcher Gedanke hinter dem Projekt steht: „Unser Ausgangspunkt war es, kluge Köpfe in einem Raum zusammenzustecken und zu sehen, welche Magie dabei herauskommt. Wir wollen diesen Raum schaffen, in dem Menschen andere Menschen studieren können, während sie komplexe Lösungen bauen.“

Die Mentalität, etwas uneigennützig weiterzugeben, sei in Estland schon lange verankert. „Es ist hier einfach üblich, seine Zeit und seinen Rat zu geben und nicht wirklich sofort etwas zurückzuerwarten. Ich denke, wir alle glauben an die Gemeinschaft und wollen, dass Estland auch als Ganzes erfolgreich ist“, so Liisa Jõerüüt.

Caius ist einer der Gründer:innen, die den gemeinschaftlichen Aspekt hier wertschätzen. Gerade frisch die Schule beendet, arbeitet der 19.-Jährige hier an seinem Startup zur Verbesserung von Videografie. Der Fakt, dass es hier manchmal laut wird, stört ihn nicht. „Du musst dich immer mit Menschen umgeben, die klüger sind als du. Nur so kann man was lernen.“

In alten Fabriksvierteln wie hier in Telliskivi entstehen heute innvoative Kreativzentren. (c) Hannah Fasching

Wenige Menschen, großes Netzwerk

Anders als AustrianStartups in Österreich, ist Startup Estonia nicht als Verein, sondern staatlich organisiert. Das Hauptziel: ein qualitatives Startup-Umfeld zu schaffen und zu erhalten. „Estland ist im Vergleich so klein. Wir sind also gut miteinander vernetzt. Daher macht es Sinn, dass jeder Gründer jemanden kennt, der wieder jemanden kennt, der den Kontakt hat, den man gerade braucht“, beschreibt Getter Voitka von Startup Estonia das Zusammenspiel.

Bei regelmäßigen Roundtables mit dem Ministerium, einflussreichen Gründer:innen und dem Business-Angel-Netzwerk wird versucht, Lösungen für aktuelle Probleme zu finden. „Wir können dadurch auch die Gesetzgebung oder Finanzierungsmöglichkeiten anstoßen“, erklärt Voitka. Deep Tech, Defence und Heath Tech seien die Brachen, die in Estland gerade besonders boomen würde.

Vertrauen als Basis

Nachdem alle Fragen vom Wise-Gründer Taavet Hinrikus im Ruum beantwortet wurden, gibt es ein gemeinsames Mittagessen. Der Drang zum Gründen ist in Estland groß, der Drang zum Helfen auch. Auch wenn das Volk im ersten Moment diskret erscheint, steht Vertrauen im Vordergrund. Vertrauen in den digitalen Staat und Vertrauen in die Community. In den innovativen Zentren Tallinns weiß man, warum sich Estland, das vor bald 40 Jahren noch vor dem Nichts stand, so schnell zum digitalen und wirtschaftlichen Pionier in Europa entwickelt hat. Die Erfolgsformel: Gemeinsam an Lösungen arbeiten, Hilfe annehmen und irgendwann selbst etwas zurückgeben.

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