17.04.2018

2M2M: Eine Mio. Euro für E-Bike-Antrieb, Spiele und Kosmetik

Im Finale der fünften Staffel von 2 Minuten 2 Millionen holten sich Add-e, Rudy Games und Cosmetics Investments und Medienvolumen.
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add-e
(c) Gery Frank

90 Millionen Fahrräder, die man mit seinem Produkt nachrüsten könnte, gebe es allein im deutschsprachigen Raum, sagt der Add-e-Gründer im Pitch. Sein Startup erzeugt einen E-Antrieb für Fahrräder. Die Besonderheit: Mit dem Motor und einem trinkflaschengroßen Akku kann man bestehende Fahrräder zu E-Bikes machen. Man wolle das Händlernetzwerk nun ausbauen und das koste Geld, sagt der Founder. Er bietet 12,5 Prozent des Unternehmens für 450.000 Euro.

+++ Katharina Schneider: “Es zählt zu 80 Prozent das Gespür” +++

Add-e: Schwarze Zahlen seit dem ersten Jahr

Auch im Staffelfinale animiert diese Bewertung Leo Hillinger zu seinem bereits bekannten Kopfschütteln. Doch die intensiven Nachfragen bringen viel Positives zu Tage. Etwa dass Add-e im laufenden Geschäftsjahr (Anm. zur Zeit der Aufzeichnung) mit 850.000 Euro Umsatz rechnet. Und dass man bereits seit dem ersten Geschäftsjahr – 2015 – schwarze Zahlen schrieb – wenn auch noch keine Mega-Gewinne einstrich. Auch sonst schlägt sich der Gründer souverän. Die Investoren scheinen interessiert. Von Leo Hillinger, der bekanntlich Miteigentümer eines Fahrradgeschäfts ist, gibt es zwar kein Investment, aber ein Kooperationsangebot. Michael Altrichter ist überzeugt – “ Da passt alles“ – allerdings nicht von der Bewertung. 450.000 Euro für 30 Prozent ist sein Gegenangebot. Dafür wünscht er sich die Beteiligung eines weiteren Investors.

Intensive Verhandlungen

Der Gründer wartet also noch weitere Angebote ab. Katharina Schneider investiert zwar nicht in Add-e, bietet aber Mediashop als Vertriebsplattform an. Heinrich Prokop: „Als Clever Clover kann ich nicht“. Aber als Privatperson könne er sich vorstellen, 50.000 Euro zu co-investieren. Nun schaltet sich Daniel Zech dazu. 300.000 Euro Medienvolumen für zehn Prozent – so sein Zusatzangebot. Fehlt nur noch Hans Peter Haselsteiner: „Herr Altrichter, geben’s ma an Hunderter oder zwei Hunderter“ – er will sich beteiligen. Darauf Altrichter: „Wir machen fifty fifty“. Zumindest die Investoren haben es sich also ausgemacht.

Nach einer kurzen Beratung, kommt der Gründer zurück. Zunächst wendet er sich an Zech: „Die zehn Prozent sind zu viel“ – eine Absage. Souverän macht er dann ein Gegenangebot: 18 Prozent für 400.000 Euro. Inzwischen will Hillinger doch mitinvestieren. Altrichter bringt ein neues Angebot – jetzt für vier Investoren, unter der Voraussetzung, dass auch Medienvolumen dabei ist: 450.000 Euro für 26 Prozent. Zech reduziert seine Forderung auf 7,5 Prozent. Haselsteiner versucht Zech auf vier Prozent hinunterzuhandeln. Zech bietet dafür 150.000 Euro Medienvolumen. Und der Gründer: „Da kann ich nicht nein sagen“. Deal! Am Ende sind es also 450.000 Euro von Altrichter, Haselsteiner, Prokop und Hillinger und 150.000 Euro Medienvolumen von Zech für insgesamt 30 Prozent.

Rudy Games: „Der Retail-Bereich ist für uns wichtiger“

Gespielt wird von den Investoren bei Rudy Games. Das Startup kombiniert klassische Brettspiele mit einer App und Augmented Reality-Elementen. Doch das Angebot, 7,5 Prozent für 300.000 Euro stößt, wie so oft, auf Nasenrümpfen bei den Investoren. Nach der Frage- und Spielrunde gibt es gleich einmal Absagen von Haselsteiner und Hillinger – mit der Bewertung als Begründung. Katharina Schneider will sich das Spiel zwar privat kaufen, aber nicht investieren. Auch Altrichter ist die Bewertung zu hoch, aber er legt ein Angebot: 300.000 Euro für 15 Prozent. Doch Heinrich Prokop unterbietet: 300.000 Euro für zehn Prozent, „allerdings mit sehr stringenten Minderheitsrechten“. Denn ein schneller internationaler Rollout sei notwendig. Altrichter macht nochmal Werbung für sein Angebot: „Bei mir gibt es kein Kleingedrucktes“. Der Gründer entscheidet sich aber für Prokop – „der Retail-Bereich ist für uns wichtiger“.

Anlässlich der Ausstrahlung wurde noch ein Co-Investment für Rudy Games durch Camouflage Ventures und Martin Global bekanntgegeben. Insgesamt sei es nun ein mittlerer sechsstelliger Betrag. Details dazu und Stellungnahmen von Rudy Games-Gründer Manfred Lamplmair und Heinrich Prokop, sowie Dominik Greiner (Camouflage Ventures) und Peter Koch (Martin Global) im Video-Interview:

Fruits Cosmetics: Viel positive Resonanz und vier Absagen

Kosmetik aus Früchten – der Name ist bei Fruits Cosmetics Programm. Die Inhaltsstoffe sind dabei rein natürlich, sogar jene der Verpackung. Das Angebot: 30 Prozent des Unternehmens für 300.000 Euro. Als Testimonial ist die Oma der Gründerin vor Ort. Ihr wahres Alter sei ein Geheimnis. Die Investoren zeigen sich durchaus überzeugt. Doch Haselsteiner macht die erste Absage: „Ich glaube, dass es einen Markt gibt, wenn auch nicht für mich“. Und Altrichter: „Als Marktumfeld ist es nicht ganz passend für mich“. Auch Prokop sagt ab. Die Gründerin hatte ihre Hoffnung ohnehin sichtlich auf die Frau in der Investoren-Runde gelegt. Die sagt dann auch: „Es wird ab morgen bei mir im Badezimmer stehen“. Doch dann kommt die Ernüchterung. Auch Schneider sagt ab, obwohl sie „riesengroßen Erfolg“ erwartet.

Hillinger erfüllt sich Traum eigener Kosmetiklinie

Und dann kommt Hillinger, der bislang selten alleine investierte. Der startet gleich mit: „Des is ziemlich aufglegt für mi!“. Er hätte schon immer eine eigene Kosmetiklinie haben wollen. Und dann etwas, das viele wohl wirklich nicht von ihm erwartet hätten: „Wenn I des Branding krieg, is a die Bewertung ka Problem für mi“. Na dann! Dafür hat sich das Warten auf die letzte Folge ausgezahlt. Und als Draufgabe zum Hillinger-Einzel-Investment zur ausgerufenen Bewertung gibt es auch noch das Bipa Startup Ticket.

Kein Investment gab es in der zwölften und letzten Folge der aktuellen Staffel von 2 Minuten 2 Millionen für SpoONtanies und rund:Stiel.


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Codesphere-Gründer Elias Schneider | (c) brutkasten / Dervisevic
Codesphere-Gründer Elias Schneider | (c) brutkasten / Dervisevic

„Es hat sich noch nie so echt angefühlt, wirklich eine Alternative zu den US-Hyperscalern bauen zu können”, sagt Elias Schneider, Gründer und CEO von Codesphere, im brutkasten-Talk über die aktuelle Dynamik auf dem europäischen Cloud-Markt. Das deutsche Scaleup will mit seinem Modell den großen US-Anbietern die Stirn bieten.

Deutsche Regierungsinstitutionen als Referenzkunden

„Wir bauen einen virtuellen Cloud-Provider, also nicht den gesamten Stack eines Hyperscalers mit Rechenzentren und Servern, sondern quasi nur die Software“, erklärt Schneider. Damit konnte man bereits denkbar namhafte Kunden gewinnen: Das System kommt etwa in unterschiedlichen souveränen Plattformen der deutschen Bundesregierung zum Einsatz. Über das Plattform-Modell funktioniere das Angebot wie ein App-Store für jegliche Infrastruktur, sagt der Gründer. Damit könne Software beschleunigt beschafft und im kritischen Infrastrukturmarkt betrieben werden.

Dass Codesphere als europäischer Technologieanbieter auch im direkten Wettbewerb mit etablierten US-Konzernen bestehen kann, erläutert Schneider an einer kürzlich erfolgten Großausschreibung: „Wir haben gemeinsam mit der Schwarz-Gruppe, der Telekom und anderen Partnern eine Ausschreibung für die KI-Plattform der deutschen Bundesregierung im Wert von 250 Millionen Euro gewonnen – und das auch gegen Google.“ Die zuletzt gewonnenen Rahmenverträge des Unternehmens beliefen sich auf ein Gesamtvolumen von mehr als 500 Millionen Euro. „Das eigentliche Hauptargument, heute keine europäischen Lösungen zu kaufen, ist, dass sie nicht so viele Managed Services anbieten können wie die US-Hyperscaler. Dieses Bundle aufzubrechen, geht nur mit starken Partnerschaften in Europa und wenn wir es schaffen, dass man alles zusammen macht.“

“Einer unserer größten Skalierungs-Blocker”

Die Motivation für die Nutzung souveräner Plattformen begründet Schneider mit zentralen Sicherheits- und Wirtschaftsfragen. „Es geht einmal um Autonomie und darum, dass die Infrastruktur der kritischen Infrastruktur dem Bund gehört und man nicht von US-Lösungen abgeklemmt werden kann.“ Gleichzeitig schränke die Aufsplitterung des europäischen Marktes das Wachstum heimischer Unternehmen bisher stark ein. In den USA existierten einheitliche politische Interessen und dieselbe Regulatorik für einen riesigen Markt. In Europa gebe es hingegen pro Land, Bundesland und Sektor unterschiedliche politische Interessen sowie abweichende Regeln. „Das ist einer unserer größten Skalierungs-Blocker, weil wir in Europa keinen Markt haben, der groß genug ist, um Unternehmen zu bauen, die 100 oder 1.000 Milliarden wert sind. Und das liegt daran, dass wir zu wenig miteinander arbeiten.“

Elias Schneider (r.) im brutkasten-Studio mit Dejan Jovicevic | (c) brutkasten / Dervisevic

Um diese Hürden zu überwinden, spiele die öffentliche Hand als Auftraggeber eine Schlüsselrolle. Vor der veränderten geopolitischen Lage habe sich Codesphere zunächst auf regulatorisch anspruchsvolle Nischen und die kritische Infrastruktur fokussiert – wie etwa beim Gefängnis-Telefoniedienstleister Lawful Intercept oder der Staatsbank Baden-Württemberg. „Bei der kritischen Infrastruktur konnten Kunden aus regulatorischen Gründen nicht mit US-Anbietern arbeiten, weil es zu unflexibel war.“ Als sich die geopolitische Lage drehte und der Wandel einsetzte, profitierte Codesphere davon, dass das eigene Produkt diese strengen Sicherheitsstandards und Zertifizierungen aus den Nischenprojekten bereits erfüllte und gehärtet war.

Er wünsche sich, dass der Staat jungen Unternehmen frühzeitig als verlässlicher Ankerkunde zur Seite stehe, sagt Schneider. „Der Staat kann sehr helfen, gerade bei frühphasigen Startups, um die Sicherheit aufzubauen, dass das Startup nicht in sechs Monaten pleite ist. Es braucht keine Förderungen, sondern echte Aufträge, die dazu führen, dass man die Referenz hat, um den Rest der kritischen Infrastruktur zu gewinnen.“

“Sollten Importweltmeister von europäischen Lösungen werden”

Kritisch bewertet Schneider die europäische Neigung, digitale Souveränität primär über Regulierungen und Risikovermeidung zu definieren. „Wir denken viel zu viel darüber nach, was schiefgehen könnte, wenn wir in moderne Technologie investieren. Unsere Währung ist viel zu sehr Blame und wir haben viel zu viel Angst, etwas falsch zu machen.“ Anstatt sich lediglich auf Anwendungsschichten oder Regularien wie die DSGVO zu beschränken, müsse Europa mutig in Kerntechnologien wie Cloud-Infrastrukturen, Kernfusion oder eigene KI-Modelle investieren.

Schneider erzählt eine Anekdote: Auf einer Konferenz habe eine Meta-Vertreterin gefordert, Europa solle bloß „Adoption-Weltmeister“ werden, worauf sein Chief of Staff sarkastisch gefragt habe, ob man stattdessen “Importweltmeister” werden wolle. Schneider warnt davor, sich mit einer reinen Konsumentenrolle abzufinden: „Ich glaube schon, dass Deutschland Importweltmeister werden sollte, allerdings von europäischen Lösungen.“ Dafür müsse ein offener Binnenmarkt geschaffen werden, damit globale Player entstehen können.

Von den USA zurück nach Europa

Seinen Firmensitz verlegte Codesphere über einen sogenannten Reverse Flip bewusst von den USA als Europäische Aktiengesellschaft nach Europa zurück – vor allem, weil Schneider durch die geopolitische Wende im europäischen Staats- und Sicherheitssektor eine enorme Marktchance sah. Unabhängig davon bleibe der Kapitalmarkt ein Nadelöhr für das Wachstum europäischer Scaleups. Dabei konnte Codesphere selbst bisher rund 40 Millionen Euro an Gesamtkapital aufnehmen – darunter knapp 30 Millionen Euro in einer Series-A-Finanzierungsrunde unter Führung des Investors Creandum.

Dennoch bestehe beim Thema Wachstumskapital in Europa weiterhin Nachholbedarf: „Wir haben wahrscheinlich ungefähr zehn große europäische Wachstumsinvestoren – das ist schlichtweg zu wenig, um als Gründer echten Wettbewerb in den Verhandlungen zu haben.“ Zwar sei es vorübergehend akzeptabel, internationales Kapital ohne Kontrollrechte zu nutzen, doch brauche Europa nachhaltige eigene Strukturen. „Wir brauchen unbedingt einen europäischen Kapitalmarkt, und zwar so schnell es geht. Wir müssen dahin kommen, dass wir einen Börsengang mit einem attraktiven Bewertungsmultiple machen können, was die Börse in Frankfurt heute nicht bietet.“

Trotz der Herausforderungen blickt Schneider aber optimistisch auf die Zukunft des Standorts. Durch grenzüberschreitende Kooperationen und gemeinsame Beschaffung lasse sich das vorhandene Talent in Europa erfolgreich nutzen. „Wir müssen mehr zusammenarbeiten, uns mehr gegenseitig unterstützen, mehr voneinander einkaufen – sowohl politisch als auch in der Industrie.“ Wenn die Politik helfe, Barrieren abzubauen und grenzüberschreitend zusammenzuarbeiten, könnten in Europa auch echte globale Player skalieren.

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