05.05.2020

Haselsteiner bei 2Min2Mio: „Wir wollen investieren und nicht unterstützen“

In dieser Folge von "2 Minuten 2 Millionen" gab es glückliche Sonnenschweine, Katzen und ihr Geschäft und einen Bluetooth-Lautsprecher mit vielen Anwendungsmöglichkeiten. Zudem musste Investor Hans Peter Haselsteiner leicht entnervt klarstellen, worum es in dieser Startup-Sendung überhaupt geht.
/artikel/2-minuten-2-millionen-folge-14-2020-investieren-und-nicht-unterstuetzen
KinderKnigge, digital, analog, Startup,, 2 Minuten 2 Millionen, Martin Rohla, Leo Hillinger, Katharina Scheider, Hans Peter Haselsteiner, Florian Gschwandtner
(c) Puls 4 / Gerry Frank - Soziale Kompetenzen mittels einem Mix aus digital und analog - das möchte KinderKnigge vermitteln.
kooperation

Der erste bei „2 Minuten 2 Millionen“ war Wolfgang Kamper. Der Wiener Neustädter ist Lizenznehmer und Vertriebspartner der „Cat Box by Skoon„, einem neuartigen Katzenstreu-Trend aus den USA . Es besteht aus natürlichen, nicht klumpenden Kieselsteinen, die speziell für die Geruchskontrolle entwickelt wurden. Der äußerst nervöse Unternehmer forderte 100.000 Euro für 20 Prozent.

+++ Mehr zu „2min2mio“ auf unserer Spezialseite +++

Cat Box by Skoon: Wegwerf-Katzenklo bei „2 Minuten 2 Millionen“

Um Kamper vor seinen Aussetzern zu retten, fingen die Juroren an, gezielte Fragen zu stellen. Das Katzenklo kann man bis zu einem Monat verwenden und es wird in einer ausklappbaren Versandbox geliefert. Der Boden des Wegwerf-Klos ist mit einer Folie beschichtet und biologisch abbaubar.

Der Fledermaushund von Leo Hillinger

Baumeister Hans Peter Haselsteiner meinte, die Box wäre mit rund 25 Euro Verkaufspreis zu teuer. Winzer Leo Hillinger erklärte, er hätte „eine Art Hund“ daheim – eine Mischung aus Hund und Fledermaus wie er präzisierte“. Jener bräuchte kein Katzenstreu. Das Produkt wäre zwar gut, aber er raus.

Abo-Modell sinnvoll?

Runtastic-Gründer Florian Gschwandtner empfahl ein Abo-Modell, stieg aber ebenso aus. Nachhaltigkeits-Experte Martin Rohla folgte, während Haselsteiner versprach, er werde Kunde. Mediashop-Chefin Katharina Schneider war anzusehen, dass sie es kaum erwarten konnte, bis ihre Kollegen mit den Absagen fertig waren. Sie gab auch zu, dass sie versucht hatte, „neutral dreinzublicken“, um kein Interesse zu zeigen. Das Produkt habe sie nämlich begeistert. Sie bot 70.000 Euro für 26 Prozent. Deal für „Cat Box by Skoon“.

 Hillinger, Gschwandtner, Schneider, Haselsteiner, Rohla, Kuntke, Zech, REWE, Startup
(c) Puls 4 / Gerry Frank – Wolfgang Kamper brachte einen Katzenstreu-Trend zu „2 Minuten 2 Millionen“, den Haselsteiner gleich testete.

Zeppy: vielseitiger Lautsprecher bei „2 Minuten 2 Millionen“

Die nächsten bei „2 Minuten 2 Millionen“ waren Rafael Kubisz und Jürgen Reichl. Ihr Bluetooth-Lautsprecher Zeppy ist vollkommen wasserdicht und soll auch schwimmend im Wasser ohne Sound-Verluste funktionieren. Durch eine spezielle Technik ist es möglich, dass das Umfeld nicht unfreiwillig die Musik mithören muss. Mit einem speziellen Befestigungssystem kann Zeppy zudem „überall“ angebracht werden und verfügt über einen Massagemodus über Schalldruck. Das Gerät kann mit bis zu acht anderen Zeppys ohne App und W-Lan durch bloße Berührung gekoppelt werden. Die Forderung der beiden Wiener: 400.000 Euro für 20 Prozent.

Nahfeldsound inklusive

Nach der Vorführung erklärten die Gründer, dass sie neben dem Online-Verkauf auch andere Vertriebskanäle hätten: In der Pool- und Gartenbranche. Haselsteiner wünschte den Gründern, dass sie alle Pools mit Zeppy ausstatten, er schaudere jedoch bei dem Gedanken, dass alle e-Bikes und Roller mit dem Lautsprecher durch die Stadt rasen. Die Gründer hatten hierfür jedoch ein Gegenargument: Zeppy verfüge über eine Art „Nahfeldsound“, der etwa am Strand keine Nachbarn stören würde.

Einfache Koppelungsfunktion

Florian Gschwandtner lobte die Koppelungsfunktion, meinte aber, der Lautsprecher-Markt, den sie anstreben, sei brutal. Er hätte davor zuviel Respekt. Hierbei jedoch hatte der Juror die Gründer falsch verstanden. Ihre Richtung wäre eine ganz andere, sagten sie und brachten die Automobilindustrie ins Spiel. Zeppy könnte etwa in Kopfstützen von Autos verwendet werden. Mit dem Nahfeld-Sound könnten die Kinder auf den Rücksitzen etwas gänzlich anderes hören, als die Eltern vorne, so der Gedanke.

Zeppy, Startup, Bluetooth, Lautsprecher, Pool-Lautsprecher2 Minuten 2 Millionen, Martin Rohla, Leo Hillinger, Katharina Scheider, Hans Peter Haselsteiner, Florian Gschwandtner
(c) Puls 4 / Gerry Frank – Die Zeppy-Gründer bei der Vorstellung ihres Bluetooth-Lautsprechers.

„Weltweit einziger Lautsprecher für Gehörlose“

Zudem visiert das Startup auch den medizinischen Bereich an, wie Kubisz und Reichl erklärten. Zeppy sei der einzige Lautsprecher auf der Welt für Gehörlose, da diese Musik über Vibration wahrnehmen können. Und das Produkt schaffe eine Verbindung zwischen einer hörenden und einer nicht-hörenden Person: Per Brustgurt könne eine taube Person den Zeppy etwa beim Tanzen tragen und mit dem Partner „on time“ im Takt sein.

Haselsteiner möchte nachdenken

Nach diesem Monolog meinte Haselsteiner, die Gründer hätten einen zweiten und wesentlich besseren Pitch gehalten, als beim ersten Mal. Der Juror versprach, er würde sich nach der Sendung Gedanken machen über ein Investment, eine unmittelbare Entscheidung würde ihn aktuell überfordern. Hillinger fand das Produkt „richtig gut“ und gut designt, jedoch gab es für ihn die alte Krux mit der Bewertung. Martin Rohla schloss sich mit ähnlichen Lobeshymnen, aber ohne Angebot an. Auch Gast-Juror Heinrich Prokop machte es kurz. Kein Deal für Zeppy.

Maister: Maiskohle fürs Grillen

Valentin Schnoor und Johannes Musiol wollen mit Maister und ihrer nachhaltigen Maiskohle die perfekte Alternative für herkömmliche Grillkohle gefunden haben. Rauchfrei soll die Maiskohle des Berliner Startups binnen weniger Minuten für eine langanhaltende Glut sorgen. Die Grillanzünder und die Grillkohle bestehen aus verkohlten Maiskolben ohne Körner. Die Gründer forderten dafür 200.000 Euro für zehn Prozent Firmenanteile.

Kukuruz oder Maiskolben?

Der Unterschied zwischen den verschiedenen Mais-Variationen des Startups liegt darin, dass man mit der Maiskohle in fünf Minuten eine fertige Glut hat, die bis zu 40 Minuten hält. Grillkolben bräuchten länger, hielten dann aber auch bis zu 70 Minuten. Nach dieser Aufklärung bekamen die Berliner Gründer eine kleine Lektion in Sachen österreichischer Sprache (Kukuruz statt Maiskolben) und mussten zugeben, dass ihr Produkt nicht patentierbar sei. Jedoch, so Kubisz und Reichl, hätte ihr Partner die weltweit bisher einzige Technologie zum Verkohlen des Produkts.

Maister, Grillkohle, Maiskohle, Grillen, Fleisch2 Minuten 2 Millionen, Martin Rohla, Leo Hillinger, Katharina Scheider, Hans Peter Haselsteiner, Florian Gschwandtner
(c) Puls 4 / Gerry Frank – Winzer Leo Hillinger mit der Kohle-Alternative von Maister.

Zwei Investoren und ein Ticket bei „2 Minuten 2 Millionen“

Der Umsatz des Startups betrug im ersten Jahr 100.000 Euro, für das zweite plane man rund 150.000 Euro ein. Martin Rohla wollte als erster mitmachen. Er bot 100.000 Euro für zehn Prozent Beteiligung. Gschwandtner lobte den Nachhaltigkeitsgedanken als Alternative zur Kohle und schloss sich seinem Vorredner an. Danach meldete sich Markus Kuntke zu Wort. Der Trendmanager verteilt auch in dieser Saison das REWE-Startup-Ticket. So auch an Maister.

„Ab die Post“

Leo Hillinger meinte, er wäre „a Bauer“ und wollte ebenfalls bei seinen beiden Kollegen mitmachen. Auch Katharina Schneider wollte nicht überbleiben und schloss sich ebenfalls an. Haselsteiner summierte als fünfter potentieller Investor das Angebot auf: Die Gründer sollten überlegen, ob sie alle fünf Investoren für 100.000 Euro bei zehn Prozent oder für 200.000 Euro für 20 Prozent Beteiligung mit dabei haben wollen. Mit einem „ab die Post“ sandte der Bau-Tycoon die Beiden zur Beratung.

Business Angel zu 1,5 Millionen eingestiegen

Diese jedoch hatten andere Pläne und blieben stehen. Sie erwähnten, dass Maister die letzte Runde mit einem Business-Angel zu einer Bewertung von 1,5 Millionen (150.000 Euro für zehn Prozent) abgeschlossen hätte. Danach kam es bei den Investoren zu einer Diskussion.

Zehn Prozent plus Option

Das Angebot erhöhte sich und lautete schlussendlich kumulierte 150.000 Euro für zehn Prozent. Dies nahmen die Gründer an und boten weitere zehn Prozent für die gleiche Summe, falls die Investoren interessiert wären. Dies wurde als Option von den Investoren angenommen. Deal für Maister.

Wie der brutkasten im Gespräch mit den Gründern erfuhr, platzte der Deal jedoch nach der Aufzeichnung ⇒  zum Artikel

Labonca: Sonnenschweine bei „2 Minuten 2 Millionen“

Es folgten Norbert und Sohn Jakob Hackl mit ihrem Biohof Labonca. Dabei geht es um biologische Ganzjahres-Freilandhaltung der Sonnenschweine und Bergscheckenrinder. Das Unternehmen  gilt als erstes EU-zertifiziertes „Weideschlachthaus“ mit direktem Weidezugang und somit angstfreier Schlachtung. Labonca verfügt über eine eigene Fleischerei, unter anderem für die Herstellung von sogenannten SOLO-Produkten – bestehend aus Fleisch, Salz, Gewürzen – ohne irgendwelche Zusatzstoffe. Der Onlineshop stellt gekühltes Frischfleisch österreichweit zu. Hackl greift auch auf alternative Finanzierungsmethoden mittels Genußscheinen für Naturalien zurück – damit wurde das Projekt „Weideschlachthaus“ umgesetzt, noch bevor es Crowdfunding-Initiativen gab, so der Gründer. Die Forderung: 300.000 Euro für 20 Prozent.

Über eine Million Euro Umsatz, aber…

Hillinger unterstellte dem Landwirt Scharfsinn und Rhetorik. So sehr habe ihm der Pitch gefallen. Danach gaben die Gründer zu, dass sie eine halbe Million Euro Schulden haben – für Betriebsmittel, wie Hackl erklärte, aber in den letzten beiden Jahren einen Umsatz von 1,1 Millionen Euro bzw. 1.3 Millionen Euro erwirtschaftet hätten. Jedoch bei wenig Gewinn.

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(c) Puls 4 / Gerry Frank – Norbert und Jakob Hackl stellten ihren Biohof mit biologischer Ganzjahres-Freilandhaltung den Juroren vor.

„Investment des Herzens“

Diesen problemhaften Umstand der schwarzen Null „plus a bissl was“, wie der Gründer sagte, wollte Hackl als „Investment des Herzens“ der Jury anpreisen, hatte aber bei Hans Peter Haselsteiner wenig Glück. „Wie stellen sie sich das vor, aus dem Interesse eines Investors“, fragte er. Der Gründer meinte, er stelle hier nur die Frage, ob denn jemand Interesse zeigt, falls nicht, würden sie weiterhin langsam in organischen Schritten wachsen.

Lieber eine Manufaktur

Jedoch zählten Marketing und Vertrieb zu den Schwachstellen von Labonca. Dort könne man mit Hilfe eines strategischen Partners ansetzen, so Hackl weiter. Der Bau-Tycoon lobte in vielen Worten das Projekt, jedoch sei eine Investition keine Option. Damit es sich rechne, müsste Labonca etwas werden, was beide – Haselsteiner und Hackl – nicht wollen würden: ein Halb-Industrieller Betrieb. Der Investor schätze Labonca als Manufaktur, die hochwertiges Fleisch produziert.

Der Umsatz-Faktor

Hillinger stimmte Haselsteiner zu und ging ebenfalls als potentieller Investor. Ebenso wie Gschwandtner und Schneider. Martin Rohla als letzte Hoffnung war nach der Kostprobe voller mutmachender Worte und dachte anders als seine Vorgänger. Er erinnerte an so manchen Teilnehmer mit einer höheren Bewertung und weitaus weniger Umsatz, wo die Profitabilität in weiterer Ferne gelegen hätte als hier. Er bot 100.000 Euro für zehn Prozent. Unmittelbar danach schaltete sich erneut Markus Kuntke ein.

Werbeeinschaltung von Kuntke

Er sagte, er braucht ihnen gar kein Ticket geben, REWE wäre sowieso schon längst von Labonca überzeugt und sie würden bereits kooperieren. Nach dieser kleinen „Werbeunterbrechung“ teilte plötzlich Hillinger mit, er würde sich bei Rohla anschließen. Deal für Labonca.

KinderKnigge: Soziale Kompetenz des Kindes stärken

Der Abschluss dieser „2 Minuten 2 Millionen“-Folge gebührte Bettina Gruber. Sie hat mit KinderKnigge ein analog-digitales Bildungsprogramm, eine Box mit Trainingsmaterialen und eine App zum Thema Sozialkompetenz für Volksschulkinder und Lehrlinge entwickelt. Auf kreative Art und altersgerechte Weise können die Kids analog und digital all die Facetten des achtsamen Umgangs und guten Benehmens gemeinsam mit Eltern oder Lehrkräften trainieren. Die Gründerin forderte für eine Beteiligung von zehn Prozent 200.000 Euro.

Kinder und digitale Kompetenz

Der Kritik Hillingers, dass die Kinder beim Erlernen sozialer Kompetenzen dann doch wieder nur auf einen Bildschirm schauen, setzte Gruber entgegen, dass ihr Startup ein Programm bietet, das beide Welten, analog und digital, umfasse. Gschwandtner betonte daraufhin, dass Kinder sehr wohl eine digitale Kompetenz erfahren müssten.

KinderKnigge, 2 Minuten 2 Millionen, Martin Rohla, Leo Hillinger, Katharina Scheider, Hans Peter Haselsteiner, Florian Gschwandtner
(c) Puls 4 / Gerry Frank – Bettina Gruber kam mit einer hohen Bewertung für KinderKnigge ins Studio, die den Investoren nicht zusagte.

Die Bewertungsfrage

Die Lerninhalte der App werden über Geschichten vermittelt, lesbar sowie auditiv. Danach folgt ein Übungsteil. Bisher wurden 70.000 Euro umgesetzt, mit dem Ziel in einem Jahr die halbe und bald danach die erste Million zu erwirtschaften. Zur hohen Bewertung erklärte die Gründerin, KinderKnigge hätte eine Förderung von 500.000 Euro erhalten, der Rest der 200.000 Euro wäre eigenfinanziert. Zudem sehe sie einen großen Markt, privat wie schulisch, der mit einer „einzigartigen App“ bedient werden könne.

„Wollen nicht unterstützen“

Haselsteiner sah diese Erklärung eher kritisch. „Bei allem was überhaupt noch irgendwie erklärbar ist, wäre KinderKnigge mit der Bewertung bei einer Million oder darunter“, sagte er. Er sah ein sich wiederholendes Missverständnis darüber, warum es „2 Minuten 2 Millionen“ gibt. „Wir wollen und sollen investieren und nicht etwas unterstützen“, fuhr der Bau-Tycoon fort. Er stimme der Gründerin prinzipiell zu, mit allem was sie gesagt habe, doch auf diese Art investiere er nicht.

Nicht aufgrund von Spekulationen investieren

Hillinger verstand das Konzept. In der momentanen Phase, in der sich das Startup befinde, eine zwei-Millionen-Bewertung aufzurufen, wäre jedoch ein Fehler. Er selbst  könne nicht aufgrund von reinen Spekulationen investieren. Schneider stimmte zu und stieg ebenfalls aus. Auch Martin Rohla verabschiedete sich höflich und respektvoll und ging kurz und schmerzlos, wie auch Florian Gschwandtner. Kein Deal für KinderKnigge.


⇒ Cat Box by Skoon

⇒ Zeppy

⇒ Maister

⇒ Labonca

⇒ KinderKnigge

⇒ PULS 4/2min2mio

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Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer haben We Are Unicorns gegründet | (c) treat.agency

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen„ erschienen


An einem Mittwochabend in Yokohama treffen einander Gründerinnen und Gründer, Corporate-Innovator:innen, Studierende und Investor:innen im Tech Hub Yokohama; kein Panel, keine Preisverleihung, sondern ein offener Community-Abend unter dem Namen Yokohama Connect. Wenige Wochen später sitzt in einem Wiener Coworking-Space ein Bäckereichef neben einer Innovationsmanagerin und dem Vertreter eines Tourismusbetriebs – auch sie sprechen über die Zukunft ihrer Organisationen. Am Ende beider Abende steht dieselbe Frage: Wie zukunftsfähig sind wir wirklich?

Ein Werkzeug gegen die Ziellosigkeit

Österreich und Japan sind auf den ersten Blick weit voneinander entfernt. Bei näherer Betrachtung eint sie aber ein Muster: hohe Ingenieurskompetenz, eine dichte Landschaft aus kleinen und mittleren Unternehmen, starke Familienbetriebe, daneben große Konzerne und Städte, die vor ähnlichen Fragen stehen. Wer heute ein Unternehmen führt, hat selten Zeit für Buzzwords – gefragt sind Werkzeuge, die aus abstrakten Trends nächste Schritte machen; und eine Sprache, die über Ländergrenzen hinweg funktioniert.

Genau hier setzt das Wiener Unternehmen We Are Unicorns (WAU) an. Die Gründer:innen Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer arbeiten seit rund sieben Jahren mit Betrieben an Zukunftsthemen, zuvor gemeinsam in der Wirtschaftskammer Österreich. Ihre Beobachtung: Viele KMU stehen mehrfach unter Druck – steigende Kosten, Energiewende, Fachkräftemangel und Digitalisierung verändern die Rahmenbedingungen, während im Alltag oft Zeit, Orientierung und leistbare Unterstützung fehlen. WAU versteht sich deshalb als „Innovationsabteilung as a Service“, die komplexe Zukunftsthemen in verständliche Handlungsfelder übersetzt und Betriebe bis zur Umsetzung begleitet.

Yokohama ist die zweitgrößte Stadt Japans | (c) Antomattei

Ihr zentrales Werkzeug ist das Future Radar. Es ordnet Zukunftsfähigkeit entlang von fünf Feldern: Menschen, Organisation und Kultur; digitale Prozesse, Automatisierung und KI; Kunden, Vertrieb und Services; Geschäftsmodelle und Plattformen; Energie, Kosten und Nachhaltigkeit. Daraus werden 55 konkrete Chancen statt tausend Schlagworte, entstanden in Co-Creation-Workshops mit KMU aus ganz Österreich sowie Partnern aus Universitäten und Forschung. Ein eigens entwickelter KI-Assistent ordnet die Themen ein und leitet nächste Schritte ab, die Betriebe eigenständig umsetzen können. Er ersetzt keine unternehmerische Entscheidung, sondern versteht sich als Sparringpartner, der ins Tun bringt.

Kommt das Future Radar in Yokohama auf den Tisch, betrachten alle Beteiligten dieselben fünf Felder, dieselben Fragen, dieselbe Auswertung. Ein japanisches KMU, ein Startup aus dem Tech Hub Yokohama und ein österreichischer Mittelständler sehen auf einen Blick, wo sie stark sind und welche Schritte sich ableiten lassen. Der Mehrwert entsteht im Vergleich.

Von Wien nach Yokohama

Warum aber der Blick nach Japan? Weil sich dort ein Ökosystem entwickelt hat, das als Referenz dienen kann. Rund um CIC Tokyo, Japans größten Startup-Campus, hat sich unter dem Dach von Venture Café Japan eine offene Innovationscommunity etabliert: wöchentliche Thursday Gatherings, Formate wie Yokohama Connect, Tsukuba Connéct oder Nagoya Connect, dazu Partner wie der Tech Hub Yokohama, der als Soft-Landing-Punkt für internationale Startups und KMU konzipiert ist. Dazu kommt die städtische Ebene: Der Midterm Plan der Stadt Yokohama verankert Nachhaltigkeit als Ziel bis 2029. Physische Orte, Community-Programme und Stadtstrategie greifen ineinander.

Wer dort sitzt und warum diese Unternehmen nach Europa schauen, zeigt Qubitcore: Das Unternehmen mit Sitz in Yokohama entwickelt Hardware für Quantencomputing, hervorgegangen aus der Forschung am Okinawa Institute of Science and Technology (OIST). Es verbindet mehrere Quantenprozessoren auf Basis von Ionenfallen über Licht miteinander und arbeitet so an fehlertoleranten Rechnern, die über die Grenzen eines einzelnen Prozessors hinaus skalieren.

„Das Quanteninternet entfaltet seinen vollen Wert erst durch grenzüberschreitende Vernetzung. Gerade Europa verfügt über große Tiefe in der Quantenoptik und in der Ionenfallenforschung. Wir hoffen, dass der Tech Hub Yokohama zur Brücke zwischen Yokohama und europäischen Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Investoren wird“, so Ryuta Watanuki, Gründer und CEO von Qubitcore.

Der Tech Hub Yokohama. | (c) TechHub Yokohama

Damit solche Verbindungen tatsächlich entstehen, braucht es Brückenbauer. Auf japanischer Seite übernimmt Marcel Rasinger mit genten LLC diese Rolle: Als Mitinitiator von Yokohama Connéct verbindet er lokale Unternehmen, Startups und städtische Organisationen mit internationalen Partnern. Auf österreichischer Seite strukturiert WAU die Zukunftsthemen heimischer Betriebe so, dass sie in den Dialog mit japanischen Partnern passen.

Die Stimme aus Tokio

Warum diese Übersetzungsarbeit nötig ist, weiß Kentaro Imai aus eigener Erfahrung – er verantwortet beim japanischen Konzern Kokuyo die Global Marketing Division im Global Workplace Business und ist dort Ansprechpartner für Europa und Nordamerika. Kokuyo beschäftigt sich seit mehr als 120 Jahren damit, wie Menschen arbeiten und lernen, und nutzt die eigenen Büros seit den 1960er-Jahren als Versuchsflächen. „Ideen lassen sich nicht einfach von einem Land in ein anderes kopieren“, sagt Imai, „sie müssen übersetzt werden, nicht nur sprachlich, sondern kulturell und organisatorisch.“ Erwartungen an Hierarchie, Entscheidungsfindung und Risiko unterschieden sich. Imai: „Brückenbauer helfen beiden Seiten zu verstehen, welche menschlichen Bedürfnisse universell sind und welche Annahmen lokal geprägt.“

Dass Zusammenarbeit über Kontinente hinweg dabei mehr braucht als Videocalls, ist für Imai keine Frage: „Digitale Technologie erlaubt Kommunikation über enorme Distanzen – aber Kommunikation allein erzeugt nicht automatisch Vertrauen, Zugehörigkeit oder Zusammenarbeit.“ Innovation beginne oft mit Beobachtung, informellen Gesprächen und unerwarteten Begegnungen. Kokuyo hat deshalb Teile seiner Konzernzentrale The Campus in Tokio-Shinagawa für die Nachbarschaft geöffnet, samt Park, Shop und Coffee Stand. „Der innovativste Raum ist nicht zwangsläufig der technisch fortschrittlichste. Es ist jener, in dem Menschen, die einander sonst nie treffen würden, beginnen, gemeinsam etwas zu denken und zu bauen“, so Imai. Was The Campus für Tokio ist, soll der Tech Hub Yokohama für europäische Partner werden.

Für Imai ist das der Punkt, an dem Werkzeug und Erfahrung zusammenfinden könnten: „We Are Unicorns und das Future Radar machen abstrakte Veränderungen für KMU verständlich und helfen dabei, von weiten Schlagworten zu konkreten Chancen zu kommen.“ Kokuyo wiederum bringe Erfahrung darin ein, wie Menschen arbeiten, lernen und physische Umgebungen nutzen. „Gemeinsam könnte das Future Radar eine Chance identifizieren, und wir könnten helfen, sie in konkrete Arbeitsweisen, Umgebungen und Pilotprojekte zu übersetzen“, sagt Imai.

Tiefe trifft Tempo

Was können beide Seiten voneinander lernen? Imai warnt vor Klischees, sieht aber komplementäre Stärken: Japanische Organisationen zeigten im besten Fall langfristige Verbindlichkeit, hohe Aufmerksamkeit für Qualität, kontinuierliche, schrittweise Verbesserung und Geduld beim Aufbau von Vertrauen; österreichische und europäische Ökosysteme brächten direkte Auseinandersetzung, schnelles Experimentieren, starke Zusammenarbeit zwischen KMU, Startups und Universitäten und eine größere Bereitschaft, Entscheidungen trotz verbleibender Unsicherheit zu treffen. Imai: „Der produktivste Austausch ist nicht Japan gegen Österreich; es ist die Kombination aus japanischer Tiefe und österreichischer Agilität.“

Für WAU heißt das: Österreich kann von der langfristigen Ökosystem-Architektur Japans lernen, vom Zusammenspiel aus Infrastruktur, Community-Programmen und städtischer Strategie. Japan wiederum profitiert von der pragmatischen KMU-Kultur in Europa, von Betrieben, die mit wenigen Ressourcen neue Technologien testen und in überschaubaren Schritten starten.

Zurück nach Yokohama, an jenen Mittwochabend im Tech Hub: Was dort als offener Community-Abend beginnt, endet im besten Fall mit einem Projekt, das ein Wiener Betrieb und ein japanisches Startup gemeinsam angehen. Das Future Radar liefert die gemeinsame Ausgangslage, die Brückenbauer den Zugang. Oder, wie Imai es formuliert: „Die Zukunft ist nichts, worauf wir warten. Sie ist etwas, das wir greifbar machen, gemeinsam testen und durch Neugier laufend verbessern.“

Über We Are Unicorns

We Are Unicorns (WAU) macht Zukunftsarbeit für österreichische KMU konkret, leistbar und umsetzbar. Das Wiener Unternehmen von Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer realisiert als „Innovationsabteilung as a Service“ auch Projekte für Regionen, Institutionen und Corporates. Zentraler Baustein ist das Future Radar mit 55 konkreten Chancen entlang von fünf Zukunftsfeldern, ergänzt um einen eigens entwickelten KI-Assistenten. Der Anspruch: Zukunft ohne Blabla.

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AI Summaries

Haselsteiner bei 2Min2Mio: „Wir wollen investieren und nicht unterstützen“

  • Eine biologisch abbaubare Katzenklo-Wegwerf-Box konnte bei so manchem Investor Punkten.
  • Der wasserdichte Bluetooth-Lautsprecher zeigte erst mit der Zeit seine vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten.
  • Ein Novum für die Grill-Saison: Maiskohle sorgt für Begeisterung bei Juroren.
  • Zudem pitchte ein Biohof mit biologischer Ganzjahres-Freilandhaltung von Sonnenschweinen und Bergscheckenrinder.
  • Ein Startup legt das Thema soziale Kompetenz der Kinder in zwei Welten – analog und digital.

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