16.04.2019

2 Minuten 2 Millionen: „Gläserne Knödel“, Kaugummi und Fensterbankgärten

In der elften Folge der aktuellen Staffel von "2 Minuten 2 Millionen" kam es zu einem Wettbieten der Investoren bei einem Knödel-Startup, zur Verwunderung über die Ablehnung eines Angebots und zu einer mit Korken im Mund sprechenden Jury.
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(c) Gerry Frank - Wener Dilly sorgte mit seiner Knödelmanufaktur dafür, dass die Jury um Beteiligung wetteiferte.

Den Anfang der elften Folge der aktuellen Staffel „2 Minuten 2 Millionen“ machten Claudia Bergero und Sandra Falkner. Mit ihrem Startup Alpengummi haben sie den „ersten natürlichen Kaugummi der Alpen“ entwickelt. Bestehend aus 100 Prozent nachwachsenden Rohstoffen wird die Kaumasse aus Baumharz, Bienenwachs und Birkenzucker hergestellt. Die Gründerinnen wollten für ihr Startup 130.000 Euro für zehn Prozent Anteile.

+++ WisR: Kein “2Min2Mio-Deal”, dafür deutsche Investoren geangelt +++

„Auf dünnem Eis“

Nach der Kostprobe, bei der die Investoren dem Produkt einen natürlichen und guten Geschmack attestierten, wollte Wein-Experte Leo Hillinger wissen, wie die beiden Frauen auf so eine hohe Firmenbewertung kämen. Zum Zeitpunkt der Sendeaufzeichnung waren Bergero und Falkner bei der Produktentwicklung in der finalen Phase, der Verkaufsstart war für Frühjahr 2019 geplant. Die Argumentation, dass der Firmenwert durch den erwarteten Umsatz der nächsten beiden folgenden Jahre bereits heute berechtigt wäre, nannte Hillinger eine Aussage „auf ganz dünnem Eis“.

Vier Investoren verabschieden sich

Runtastic-Gründer Florian Gschwandtner bezeichnete die ganze Präsentation als „schön und sauber“ dargestellt, allerdings stimmte er Hillinger zu, dass die Business-Planung der Gründerinnen „noch nicht so weit wäre“, wie sie sein sollte. Er rechnete vor, dass ihrem Vorhaben nach, zwei Jahre lang über 500 Päckchen Kaugummi täglich verkauft werden müssten. Er werde Kunde, aber kein Investor. Hillinger sah es ebenso und stieg, so wie Nachhaltigkeitsexperte Martin Rohla aus. Auch Mediashop-Chefin Katharina Schneider wollte nicht investieren. So blieb nur Bau-Tycoon Hans Peter Haselsteiner über.

(c) Gerry Frank – Sandra Falkner und Claudia Bergero mit dem ersten natürlichen Kaugummi der Alpen.

Markteintritt ohne Investment

Der Investor bot überraschenderweise 150,000 Euro für 25,1 Prozent. Die Gründerinnen kehrten allerdings mit einem Gegenangebot zurück: 150.000 Euro für 20 Prozent. Haselsteiner lehnte ab und es kam zu keinem Deal, was zur Verwunderung bei allen fünf Investoren von „2 Minuten 2 Millionen“ führte. Schneider meinte dazu, sie alle im Studio hätten „bei Null“ angefangen und sich gefreut, wenn ihnen damals jemand 150.000 Euro zur Verfügung gestellt hätte. Die beiden Gründerinnen gaben nach dem Auftritt zu, hoch gepokert zu haben, dennoch wäre es ihnen unrecht gewesen ein Viertel der Firma für Kapital abgeben zu müssen. Im Gespräch mit dem brutkasten erzählten sie über ihre Beweggründe. ⇒ zum Artikel 

+++ Alpengummi: Studierende von BOKU, WU und TU gründen Green-Startup +++

App gegen das Schnarchen

Beim zweiten Auftritt der Sendung ging es um das Schlafen. Beziehungsweise um die Störung dessen. Der Erfinder einer Anti-Schnarch-Therapie, Sigismund Gänger, möchte mit seinen Mitgründern Dario Lindes und Flo Schneider die Schnarchbehandlung mittels Health-App global verfügbar machen. Snorefree bietet Video-Trainings an, die das lästige Problem von Grund auf behandeln sollen – und auch für immer fernhalten, sofern man die 15-minütige Therapie täglich und konsequent fortsetzt. Die Gründer wollten 210.000 Euro für zwölf Prozent Anteile.

Mit Korken im Mund

Nach dem Pitch ließen die Gründer die Investoren gleich bei einer Übung mitmachen. Dabei nahmen die Jury-Mitglieder Korken in den Mund und mussten versuchen, so deutlich wie möglich zu sprechen. Haselsteiner gelang es, als er auf die Bewertung der Firma hinwies und wissen wollte, wie man auf solche Zahlen käme. Die Gründer nahmen bei der Antwort den Begriff „Potential“ in den Mund, was Wunsch-Investor-Gschwandtner skeptische Laute machen ließ. Jener gestand aber, dass er selbst aufgrund des Schnarchens eine OP hinter sich hätte und attestierte dem snorefree-Team ein globales Problem erkannt zu haben.

(c) Gerry Frank – Bei snorefree werden gezielte Muskeltrainings im Rachen durchgeführt.

Den Kunden schnell abholen

Die App bietet aktuell 32 verschiedene Übungen, die sich durch einen Algorithmus dem User individuell anpassen. Die ersten beiden Wochen sind kostenlos. Dieser Umstand brachte App-Experte Gschwandtner auf den Plan. Er widersprach den Gründern mit ihrer Vorstellung, nach dieser Zeit  eine „conversion rate“ von drei Prozent zu haben. „Wenn ihr erst am Tag 14 mit einem Abo-Modell startet, kann ich euch mit einer ’99 Prozent Sicherheit‘ geben, dass ihr nicht über 0,5 Prozent kommt“, sagte er und erklärte weiter. „Man muss die Kunden binnen der ersten 24 Stunden abholen“. Der Need müsse zudem schnell gegeben sein. Am Ende stiegen sämtliche Investoren aus.

Drei  Millionen Firmenbewertung

Der nächste Pitcher bei „2 Minuten 2 Millionen“ war Günter Böhm. Der ehemalige Manager hat mit masu ein modulares Adapter-System entwickelt, das die Fensterbank zum persönlichen Garten machen soll. Masu passe sich ohne zu sägen nahezu jedem Fenster an, so der Claim. Das Aussehen kann durch verschiedene Dekorationselemente oder Zubehörprodukte individuell gestaltet werden. Für sein Unternehmen Green Creations wollte der Gründer 300.000 Euro für zehn Prozent Beteiligung.

Gschwandtner: „Einer der besten Pitches“

Mit dem patentierten System hat der Gründer bisher 160.000 Euro Umsatz erwirtschaftet. Dass allein war nicht der Grund, warum die Investoren trotz der hohen Bewertung dem Startup positiv gesinnt waren. Rohla nannte das Urban Gardening-Produkt den „Trend der Zeit“. Schneider meinte, allein das Basisprodukt wäre perfekt entwickelt. Zusätze wie Gartenhäuschen oder Insektenhotel wären gar nicht nötig. Gschwandtner sagte gar, Böhms Auftritt sei einer der besten Pitches, die er je gesehen hatte. Es stand ein Investment im Raum.

(c) Gerry Frank – Gründer Günther Böhm möchte durch „Urban Gardening“ einen Beitrag leisten, um die Städte grüner und lebenswerter zu machen.

Doch noch ein Investment

Jedoch stiegen nacheinander Haselsteiner, Hillinger und auch Rohla mit höchstem Lob aus. Der Mediashop-Chefin war indes die Bewertung zu hoch, was sie nicht daran hinderte ein Angebot zu machen. Sie bot 40.000 Euro für fünf Prozent. Zudem erinnerte sie an ihre Möglichkeiten, das Produkt übers TV zu vertrieben. Die Investorin zeigte sich danach über das Gegenangebot von 60.000 Euro für fünf Prozent Anteile äußerst überrascht. Schlussendlich wurden es 50.000 Euro für die geforderte Beteiligung.

+++ 2M2M: 270.000 Euro für Online-Garten und Anti-Strahlungs-Matratze +++

Fünf Säulen der Produktion

Der vorletzte Pitch bei „2 Minuten 2 Millionen“ kam von Werner Dilly. Der Gastronom ist Gründer der „Knödelwerkstatt“, in der handgedrehte, tiefgekühlte Knödel gemacht werden. Er setze dabei auf fünf Säulen, sagt er: Nachhaltigkeit, Handwerk, Ehrlichkeit, Regionalität und Geschmack. Von den Investoren hätte er für seine „gläsenernen Knödel“, wie er sie nannte, gerne 50.000 Euro für zehn Prozent gehabt.

Angebot und Ticket

Die schockgefrosteten Knödel gibt es in zehn Geschmacksrichtungen. Die mitgebrachten Proben schmeckten der Jury sichtlich. Rohla bot 75.000 Euro für 25,1 Prozent. Nach diesem Erstangebot meldete sich Markus Kuntke zu Wort, der für BIPA, Merkur und BILLA bei “2 Minuten 2 Millionen” mit dabei ist und “Startup-Tickets” (maßgeschneidertes Coaching von Verkaufs- und Marketingprofis der REWE-Group) ausgibt. Er meinte, er sei in das Produkt verliebt und verteilte das Ticket.

Wettbieten bei „2 Minuten 2 Millionen“

Danach wollte auch Leo Hillinger mitmachen. Er bot 85.000 Euro für 25,1 Prozent. Man merkte die Entschlossenheit des Wein-Gurus, als er für sich und gegen Rohla warb. Daraufhin meinte der Nachhaltigkeits-Experte jedoch die 10.000 Euro Differenz würde er durch sein Netzwerk locker wettmachen. Er sei bei einem „Haufen“ Lokale beteiligt. Dann war es an Haselsteiner, sich einzuschalten.

(c) Gerry Frank – Die Knödel der „Knödelwerkstatt“ schmeckten den Investoren derart gut, sodass es gleich drei Angebote gab.

Bittsteller Hillinger und „außetheaterter“ Rohla

Hillinger bat den Bau-Tycoon inständig, ihn nicht zu überbieten. Er wäre sogar bereit, eine Kooperation einzugehen, um bei der Knödelwerkstatt dabei zu sein. Es half nichts: Der Tiroler bot 100.000 Euro für 26 Prozent. Doch Hillinger ließ nicht locker und verstand dieses Angebot bewusst als Doppelvorschlag: je 50,000 Investment für ihn und Haselsteiner. „Wenn sie unbedingt wollen“, war die Antwort des alten Wirtschaftshasen. Rohla fühlte sich daraufhin „außetheatert“. Am Ende überraschte der Gründer alle damit, dass er nur einen starken Partner wolle. Er entschied sich für Haselsteiner und dessen 100.000 Euro für 26 Prozent Anteile. Haselsteiner als Partner wäre eine Herzensangelegenheit, so der Gründer. Deal closed.

Doppelte Haltbarkeit

Den Abschluss der Sendung bildeten Werner Fischer und Stefan Stinglmair, die Terrassensysteme mit „unsichtbaren Terrassenschrauben“ anbieten. Bei ihrem Startup Näsch werden die Bretter in deren Fugen montiert. Die Oberfläche der Holzdielen werde dadurch nicht beschädigt und könne somit nicht durch Wasser verfaulen oder splittern. Die Terrassen würden daher fast doppelt so lange halten. Das Gründer-Duo forderte 20.000 Euro für zehn Prozent Beteiligung.

Ja, nein, doch…

Diese bescheidene Bewertung freute besonders Jury-Mitglied Leo Hillinger, der sich nicht nehmen ließ, direkt Hand anzulegen und Schrauben in ein Vorführ-Terrassen-Brett einzubringen. Haselsteiner empfand sich selbst nicht als den richtigen Investor und stieg, so wie Gschwandtner, aus, der meinte, er würde dennoch gerne sein Netzwerk „anzupfen“, um zu sehen, ob er helfen könne. Auch Rohla und Hillinger dachten ähnlich, sodass nur Schneider über blieb. Die Investorin merkte an, sie hätte im Hintergrund Partner, die den Gründern helfen könnten ein Konzept zu entwickeln. Über ein Investment könne man danach reden. Als es bereits so aussah, als würden die Gründer mit leeren Händen nachhause kommen, initiierte Haselsteiner plötzlich doch eine Kooperation mit Martin Rohla. Beide boten jeweils 10.000 Euro für je fünf Prozent. Ein Deal für Näsch.


⇒ Alpengummi

⇒ Masu

⇒ Snore free

⇒ Näsch

⇒ Knödelwerkstatt

⇒ Puls/2min2mio

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Bild KI-generiert

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Der Fokus im österreichischen KI-Diskurs ist meist auf die AI-Mächte in Übersee und im Osten beschränkt. Dabei wäre ein Blick zum Nachbarkontinent im Süden bemerkenswert und würde Möglichkeiten für die heimische Innovationsszene bieten.

Afrika ist gesamtkontinental schwer zu fassen, dennoch lässt sich festhalten: Die KI-Entwicklung befindet sich hier in einer Phase vergleichbar mit dem unerwarteten Boom der Telekommunikation und des mobilen Bezahlens in den frühen 2000er-Jahren.

Das ist auch die Analogie von Kwame Odame-Darkwah, Consultant des Distributed AI Research Institute (DAIR) und Fellow des International Strategy Forum (ISF), einer von Eric und Wendy Schmidt gegründeten globalen Fellowship an der Schnittstelle von Technologie, Geopolitik und Demokratie: „Ein bekanntes Beispiel aus der frühen Mobilfunkära zeigt, wie schwierig es ist, die Verbreitung neuer digitaler Infrastrukturen linear vorherzusagen. Anfang der 80er-Jahre wurde das Potenzial von Mobiltelefonie deutlich unterschätzt. Afrika wurde später zu einem der stärksten Gegenbeispiele zu solchen Annahmen; nicht, weil der Kontinent einfach bestehende Modelle kopierte, sondern weil mobile Netze, Mobile Money, digitale Durchdringung und finanzielle Inklusion eigene Leapfrogging-Dynamiken entwickelten. Beim Roll-out von KI sehen wir heute eine ähnliche Möglichkeit. Der Ausgangspunkt ist infrastrukturell herausfordernd, aber das Wachstum kann sehr schnell kommen, wenn die Technologie reale lokale Probleme löst“, sagt Odame-Darkwah.

Kwame Odame-Darkwah | Foto bereitgestellt

Afrika umfasst 55 Länder mit diversen Entwicklungsständen. Faktoren wie der Zugang zu Elektrizität beeinflussen Industrialisierung und Automatisierungsmöglichkeiten weiterhin. „Andererseits merkt man im Austausch mit Regierungsvertretern und Akteuren aus dem Privatsektor eine große Begeisterung. Diese wollen von bloßem Enthusiasmus zu konkretem Handeln übergehen“, so Odame-Darkwah.

OpenAI und Anthropic in Afrika

Auf staatlicher Ebene entstehen Partnerschaften mit lokalen wie internationalen Unternehmen. OpenAI etwa hat eine starke Präsenz bei afrikanischen Regierungen und bietet Zugangsstufen wie „Lower-Cost-Access“ für Studierende in Schwellenländern. Anthropic arbeitet mit der Regierung von Ruanda zusammen, um KI-Systeme in das Bildungssystem zu integrieren.

„Eine übergreifende kontinentale KI-Strategie wird von der Afrikanischen Union vorangetrieben, die mit der ‚Agenda 2063‘ verknüpft ist“, erklärt Odame-Darkwah. Diese Strategie zielt auf Wohlstand, Einheit und nachhaltiges Wachstum bis 2063. „Auch im Privatsektor entstehen zunehmend sogenannte Talent-Hubs.“

Afrika zwischen individuellem Handeln und Kontinental-Agenda

Während Europa auf eine einheitliche Herangehensweise setzt, kristallisiert sich in Afrika eine Mischform heraus: eine kontinentale Strategie als Rahmen, ergänzt durch nationale Ansätze. „Ein weiteres Beispiel ist der südafrikanische Entwurf einer nationalen KI-Policy, der auf mehr als drei Jahren gesellschaftlicher Konsultation basiert“, erklärt Odame-Darkwah. „Er steht im Einklang mit der Strategie der Afrikanischen Union, ist aber zugleich auf die spezifischen Bedürfnisse Südafrikas zugeschnitten. Auch Ghana hat inzwischen seine nationale KI-Strategie vorgestellt.“

Zentrales Thema ist die Datensouveränität. Afrikanische Datensätze sind in globalen KI-Modellen unterrepräsentiert; gleichzeitig wollen Regierungen Ausbeutung verhindern. „Afrikanische Regierungen machen nun Souveränitätsansprüche geltend, indem sie Gesetze erlassen, die sicherstellen, dass einheimische Datensätze nicht ausgebeutet werden. Sie verlangen beispielsweise, dass Daten von lokalen Bankkunden auch in Rechenzentren innerhalb des Landes verbleiben“, so Odame-Darkwah.

Wunsch nach Unabhängigkeit

Initiativen wie die „Africa’s AI Factory“ des Telekom-Milliardärs Strive Masiyiwa zielen auf lokale Rechenzentren und GPU-Infrastruktur. Auch Startups mischen mit: Terra aus Nigeria baut eine KI-gestützte nationale Verteidigungsinfrastruktur auf und konnte prominente Backer aus dem Silicon Valley gewinnen.

Die im Juli 2024 verabschiedete „Continental Artificial Intelligence Strategy“ der Afrikanischen Union sowie ergänzende Initiativen positionieren KI gezielt als Treiber sozioökonomischen Fortschritts: durch massive Investitionen, lokale Expertise, digitale Infrastruktur und afrikanische Datensätze – um technologische Abhängigkeiten zu vermeiden und ethisch fundierte Governance-Strukturen zu etablieren.

60-Milliarden-AI-Fonds

Verstärkt wird dies durch die „Africa Declaration on Artificial Intelligence“ und einen geplanten Africa AI Fund von rund 60 Milliarden US-Dollar, die explizit das Leitprinzip „KI mit Afrika, durch Afrika und für Afrika“ verfolgen, wie Carnegie Europe im September 2025 beschrieb. Laut dem „Daily Africa AI Intelligence Report“ von April 2026 ergänzt das Africa AI Policy Lab diesen Ansatz, indem es eine „Dekolonisierung der KI“ vorantreibt und kontextspezifische, auf afrikanischen Werten wie Ubuntu basierende Regulierungsmodelle entwickelt.

Codeswitching

Doch wo liegen die größten Hebel im Alltag? Unter anderem in der Sprache: Viele Menschen wachsen zweisprachig auf und wechseln fließend zwischen Amtssprache (Englisch, Französisch) und lokaler Sprache – eine Art „Codeswitching“.

Odame-Darkwah dazu: „Der gemeinsame Nenner ist der Zugang zu KI-Modellen in lokaler Sprache, die den Kontext nicht nur auf Englisch oder Französisch, sondern in den indigenen Sprachen des Kontinents verstehen. Wenn man KI-Agenten hat, die darauf trainiert sind, Menschen etwa über WhatsApp in einer lokalen Sprache zu antworten, kann man seine Dienstleistungen massiv ausbauen.“

Emerging Markets im Fokus

Deepali Nangia, Speedinvest-Partner Emerging Markets Fintech und „EIF Empowering Equity“-Mentor, wuchs in Indien auf und kennt die Dynamik von Schwellenmärkten. Sie baut den Bereich Emerging Markets bei Speedinvest auf, mit Fokus auf Afrika.

Deepali Nangia | Foto bereitgestellt

Die afrikanischen Portfoliounternehmen setzen laut ihr verstärkt KI ein – für Kreditwürdigkeitsprüfungen, Forderungsmanagement, Automatisierung. „Zum Beispiel nutzt unser Portfoliounternehmen Leta, eine Logistiksoftware-Firma in Kenia, KI zur Optimierung von Fahrzeugauslastung und Fahrereinsatz und trainiert seine Modelle anschließend anhand von Dispatcher-Feedback weiter“, erklärt Nangia. „Außerdem wird KI eingesetzt, um Bestellungen für Lieferungen, die per E-Mail oder in anderen Formaten eingehen, in Echtzeit zu erfassen, wodurch die manuelle Eingabe reduziert wird.“

Zu wenig grundlegende KI-Technologie

Agnes Aistleitner Kisuule indes ging 2019 nach Uganda. Sie bemerkte Fintech-Aktivität, aber zu wenig Early-Stage-Kapital. Mit Selma Ribica gründete sie 2022 First Circle Capital. Unterstützt wurde sie u. a. von Michael Ströck (Calm/Storm Ventures), PSPDFKit-Gründer Peter Steinberger, Hermann Futter und Oskar Obereder.

„Wenn man heute auf afrikanische Märkte blickt, zeigen sich spannende Entwicklungen vor allem in Ländern wie Südafrika, Ägypten und Marokko sowie punktuell in Subsahara-Afrika“, sagt sie. „Allerdings gibt es insgesamt noch zu wenig Aktivitäten und vor allem deutlich weniger Kapital als in Europa. Was derzeit aufgebaut wird, ist häufig weniger fundamental; viele Startups arbeiten eher mit sogenannten ‚LLM Wrappers‘ – also Anwendungen auf bestehenden Modellen – statt an grundlegender KI-Technologie.“

Regulierung sei oft schwach oder schwer umzusetzen. „Ein wichtiger Grund ist, dass es oft an technischem Wissen und Kapazitäten fehlt. KI spielt in politischen Diskussionen noch keine große Rolle und Regeln werden deshalb häufig nicht durchgesetzt. Oft wird KI einfach laufen gelassen.“ Es gebe Ausnahmen, etwa Kenia, wo ein Datenerfassungsprojekt zum Schutz von Identitäten gestoppt wurde. „Aus afrikanischer Sicht wirkt Europa teilweise überreguliert, während KI in Afrika eher als Chance gesehen wird, besonders wegen der jungen Bevölkerung.“

Kleiner Markt, globales Mindset

Aistleitner Kisuule weiter: „Vor allem im Fintech-Bereich gibt es Investitionen; andere Bereiche sind weniger entwickelt. KI-Tools wie Claude können lokalen Startups helfen, weil die Kosten sinken und der Einstieg leichter wird. Auch Chinas Einfluss wächst, obwohl chinesische KI wegen Sprachproblemen noch weniger genutzt wird. Die Konkurrenz zwischen China und den USA ist aber deutlich spürbar.“

Agnes Aistleitner Kisuule | (c) First Circle Capital

Nangia ergänzt: „In der Regel muss Regulierung mit der Innovation Schritt halten, denn Unternehmer warten auf niemanden. Eine leichte Regulierung ist kurzfristig hilfreich, um schnell zu entwickeln und zu iterieren.“ Langfristig brauche es Compliance, Leitplanken und Datenschutz – auch für Folgefinanzierungen. „Einige afrikanische Märkte arbeiten deshalb derzeit an KI-Gesetzen und -Rahmenwerken, darunter Kenia, Ruanda, Ägypten, Nigeria und andere.“

Es bestehe digitale Abhängigkeit; lokale Infrastruktur und stabile Energieversorgung seien nötig. „Rechenzentrum-Infrastrukturen sind kapitalintensiv und müssen finanziert werden. Hinzu kommt die Koordination über verschiedene Rechtsräume hinweg sowie die Sicherstellung hochwertiger, strukturierter Daten für das Training von Modellen. Veränderungen kommen – aber angesichts des Umfangs und der erforderlichen Investitionen wird es Zeit brauchen, diese digitale Abhängigkeit zu reduzieren“, so Nangia.

Folgen für Österreich

Mit all diesen unterschiedlichen Entwicklungen im afrikanischen KI-Sektor im Hinterkopf stellt sich die Frage, was das für die österreichische Innovationsszene bedeutet und welche Chancen sich für die heimische Startup-Welt erschließen lassen.

Odame-Darkwah sieht klare Ansatzpunkte: „Es gibt das Gesundheitswesen, die Bildung, die Landwirtschaft – das sind die Kerndienstleistungen, auf die jeder Bürger angewiesen ist. Die Bereitstellung dieser Dienste über mobile Netzwerke ist eine großartige Möglichkeit für Zusammenarbeit. Generell gibt es in fast allen afrikanischen Branchen die Chance, Werte zu schaffen. Man trifft auf Regierungen, die so viel wie möglich digitalisieren wollen, und auf eine digital sehr versierte Bevölkerung.“

Der Bericht „Global VCs Entering African AI Markets“ von „aireports.africa“ (Juni 2025) zeigt einen deutlichen Aufschwung: Obwohl diese Summe nur ein Prozent der globalen KI-Investitionen 2022/23 war, flossen rund 641 Millionen US-Dollar in über 100 Deals. Sequoia Capital, Andreessen Horowitz, Microsoft, Google und IBM steigen verstärkt ein. Im Zentrum: Fintech, Agtech, Healthtech. Dabei bleiben jedoch strukturelle Hürden bestehen, etwa der Frühphasen-Fokus, fehlende Cloud-Infrastruktur, und eine unklare Regulierung; zudem gehen nur rund zwei Prozent des Kapitals an von Frauen geführte Startups.

Afrika unter prüfenden Blicken

Nangia verweist an dieser Stelle auf Unternehmen wie Moove, LemFi oder Taptap Send, die weit über Afrika hinaus skalieren. „Manche unserer europäischen Portfolio-Unternehmen prüfen Afrika als potenziellen Wachstumsmarkt. Wir erwarten, dass sich dieser Trend verstärkt, da Schwellenmärkte nicht länger ignoriert werden können. Es gibt noch andere Wege der Zusammenarbeit mit Europa jenseits von Kapital: Wir bringen jahrelanges Skalierungs-Know-how und Erfahrung ein und unterstützen Gründer sowie Fonds.“ Mit dem Micro GP Summit in Wien bringt Speedinvest etwa Erst- und Zweitfondsmanager weltweit zusammen.

Afrika blickt auf große Märkte, aber …

Für Aistleitner Kisuule hingegen können kleinere europäische Märkte wie Österreich in Afrika perspektivisch tatsächlich eine wichtige Rolle spielen; aktuell sei diese aber noch begrenzt, warnt sie. Hohe Markteintrittskosten, begrenzte Rechenkapazitäten in vielen afrikanischen Märkten sowie die noch frühe Entwicklungsphase zahlreicher Ökosysteme stellen heute zentrale Herausforderungen dar.

„In den nächsten zehn Jahren könnte sich dies allerdings ändern“, sagt sie. Südafrika sei weit entwickelt, besonders in Healthtech. Fintech bleibe der spannendste Sektor. Chancen für österreichische Startups sieht sie bei Prozessautomatisierung, Analytics und Enabler-Technologien.

„Die Regulierung wird sich kurzfristig nicht grundlegend verändern, während die Dynamik auf der Innovationsseite hoch ist“, fasst Aistleitner Kisuule zusammen. „Insgesamt ist es aber noch ‚too soon to say‘, wie sich das Kräfteverhältnis langfristig entwickeln wird. Zugespitzt gesagt spricht aktuell vieles dafür, stärker auf die Innovationsgeschwindigkeit afrikanischer Märkte zu setzen als auf europäische Regulierungskompetenz.“

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