23.09.2019

Hafen Wien Chefin: „Dark Stores werden die klassischen Supermärkte ersetzen“

Interview: Doris Pulker-Rohrhofer ist Geschäftsführerin des Hafen Wien. Im Interview spricht sie darüber, wie die Digitalisierung die Logistik künftig verändern wird und warum Dark Stores den klassischen Supermarkt ersetzen wird.
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Hafen Wien
Doris Pulker-Rohrhofer ist Geschäftsführerin des Hafen Wien

Die Logistik wird aufgrund der Digitalisierung vor neue Herausforderungen gestellt – nicht zuletzt durch den Onlinehandel, der enorme Auswirkungen auf den Paketverkehr hat. Dazu zählen beispielsweise die Steigerung des Verkehrsaufkommens oder eine höhere Umweltbelastung.

 +++ Fokus: Mobility & Connectivity +++ 

Durch die Ökologisierung wird der Verkehr wieder verstärkt auf die Bahn und auch auf die Binnenwasserstraße verlagert, so die These von Doris Pulker-Rohrhofer, Geschäftsführerin des Hafen Wien.

Im Interview spricht sie über strukturelle Veränderungen der Logistik. Dazu zählen die Bereiche wie dynamische Mehrfachnutzung der Infrastruktur, autonomes Zuliefern und die Bedeutung von Dark Stores – Lagerhallen, aus denen über das Physical Internet bestellt und geliefert wird.

Pulker-Rohrhofer wird unter anderem am Austrian Innovation Forum sprechen, das vom 16. bis zum 17. Oktober 2019 in Wien stattfinden wird.

Die Digitalisierung und der Online Handel stellt die Logistik vor neue Herausforderungen. Wie wirkt sich dies auf den Hafen Wien aus?

Pulker-Rohrhofer: Eine unserer Aufgabe als Hafen ist die Versorgung der Stadt mit Logistikdienstleistungen. Der zunehmende Online-Handel, der durch die Digitalisierung ausgelöst wurde, hat Auswirkungen auf den Paketverkehr. Wir haben im Jahr 62 Millionen Paketlieferungen in Wien, Tendenz steigend.

Der Konsument ist einerseits Verursacher, er möchte das Paket schnell und pünktlich geliefert bekommen. Andererseits ist er Leidtragender, denn niemand möchte, dass Verkehr vor der Haustüre stattfindet. Das ist natürlich ein Dilemma und eine große Herausforderung.

Welche Lösungen entwickelt der Hafen Wien, um mit diesen Herausforderungen umzugehen?

Pulker-Rohrhofer: Der Hafen Wien hat eine neue Logistikdienstleistung namens „Hubert“ entwickelt, die die Bündelung von Paketzustellung zu B2B-Empfängern in der Wiener Innenstadt ermöglicht.

Wir haben außerdem am Hafen Wien gemeinsam mit der Universität für Bodenkultur ein Logistig-Lab thinkport VIENNA gegründet. Dort haben wir uns zum Ziel gesetzt, die Logistik in der Stadt zu verbessern. Wir wollen gemeinsam mit Partnern güterlogistische Innovationen entwickeln, testen und umsetzen.

Wie schätzen Sie die künftigen Entwicklungen in der Logistik ein?

Pulker-Rohrhofer: Ich denke, dass die Städte zunehmend über Regulierungsmaßnahmen nachdenken werden müssen. Das beinhaltet auch Einschränkungen des Verkehrs. In anderen europäischen Städten, wie London oder in italienischen Städten, werden solche Maßnahmen bereits wirkungsvoll umgesetzt. Großes Verkehrsaufkommen bedeutet ja nicht nur Stau, sondern auch Umweltbelastung. Hier sehe ich eine große Chance für die Logistik, wenn es beispielsweise um neue Antriebe geht.

Welche Rolle wird die Elektromobilität dabei spielen?

Pulker-Rohrhofer: Ich bin nicht sicher, ob die Elektromobilität wirklich die langfristige Lösung für die Zukunft sein wird. Elektro-Antriebe haben derzeit auf der Langstrecke noch geringe Chancen, weil die Batterien noch nicht so lange halten. Die gesamte CO2-Bilanz, die Herstellung und Entsorgung der Batterien, ist noch fraglich, ebenso wie die Breitstellung von Ladestellen. Hier muss die Infrastruktur komplett neu gedacht werden. Dennoch gibt es viele vielversprechende Entwicklungen.

Welche Entwicklungen im Speziellen?

Pulker-Rohrhofer: Beispielsweise ist der Bereich autonomes Fahren auch in der Logistik interessant. In Deutschland wird gerade der schrittweise Übergang zum autonomen Fahren (Platooning) getestet. Das bedeutet, mehrere LKW fahren mit einem engen Abstand hintereinander, aber nur im ersten LKW sitzt ein Fahrer. Ansätze wie dieser werden künftig eine große Rolle spielen.

Wie schätzen die Zukunft der Binnenschifffahrt ein?

Pulker-Rohrhofer: Durch die Ökologisierung wird der Verkehr wieder verstärkt auf die Bahn und auch auf die Binnenwasserstraße verlagert. Hier an der Donau ist das für uns natürlich relevant. Derzeit kommen etwa zehn Prozent unserer Waren über den Wasserweg in den Wiener Hafen. Im Vorjahr schlugen wir an die 970.000 Tonnen Rohstoffe, vor allem Mineralöl, Dünger, Kohle, Getreide und Baumaterialien, um. Heuer haben wir ein Wachstum von 14 Prozent.

Welche Vorteile bringt die Binnenschifffahrt mit sich?

Pulker-Rohrhofer: Im Vergleich zum LKW Verkehr können Güter umweltfreundlich über große Strecken transportiert werden. Wasser und Schiene haben Vorteile in der Langstrecke über weite Distanzen. In der Kurzstrecke ist hingegen der LKW derjenige, der das besser kann.

Die Kombination beider Varianten ermöglicht umweltfreundlichere Verkehre. Im kombinierten Verkehr werden vor allem Container und Sattelauflieger vom Zug auf den LKW umgeschlagen. Wir planen hier bei uns im Hafen Wien, auch den Umstieg von nicht-kranbaren Sattelaufliegern.

Wie funktioniert das?

Pulker-Rohrhofer: Ein Großteil der Sattelauflieger ist nicht „kranbar“. Wir wollen die Infrastruktur zu einem System zur Verfügung stellen, das es ermöglicht, diese nicht-kranbaren Sattelauflieger trotzdem umzuschlagen. An unserem Terminal 2 soll die Fläche so hergerichtet werden, dass der Zug manipuliert werden kann. Es gibt ein innovatives System, bei dem der Waggon um 90 Grad gedreht wird. Das Zugfahrzeug selbst stellt den Auflieger auf den Waggon.

Welche Mengen verladen Sie durchschnittlich pro Jahr?

Pulker-Rohrhofer: Im Vorjahr verluden wir 350.000 TEU. TEU bedeutet Twenty Feet Equivalent Unit und ist die Größe eines Containers. Wir rechnen damit, dass wir heuer, 2019, um die 400.000 TEU umschlagen werden.

Wie wird Logistik in 10 Jahren aussehen?

Pulker-Rohrhofer: Ich glaube, dass sich die Städte durch den Online-Handel verändern werden. Früher wurde alles zur Post geliefert und von dort verteilt. In allen neu gebauten Wohnanlagen werden Paket Räume entstehen. Dort wird es Schließfächer geben, wo Pakete übergeben werden.

Heute arbeitet jeder Paketdienstleister für sich. Es werden neue Formen der Kooperation zwischen dem Handel und der Logistik entstehen müssen, um die Herausforderung der Paketlieferungen zu bewältigen.

Im thinkport VIENNA spielt die Kooperation aller Player in der Logistik eine wichtige Rolle. Wir bringen in unserem Logistik-Lab alle zusammen, die an Logistik interessiert sind. Dazu gehört auch eine dynamischere Nutzung der Infrastruktur im Sinne der Digitalisierung.

An welchen Projekten wird derzeit im thinkport VIENNA gearbeitet?

Pulker-Rohrhofer: Wir stellen beispielsweise gerade einem Projekt unser Areal als Testgebiet zur Verfügung, das virtuelle Ladezonen testet. Bestimmte Abschnitte auf einer Straße können virtuell gebucht werden. Ein Abschnitt auf der Straße ist zum Beispiel im Zeitraum 8 bis 10 Uhr eine Ladezone. Zu einer anderen Zeit vielleicht ein Parkplatz für private Pkw oder ein Abstellplatz für ein Handwerker Auto, das Werkzeug oder Material ausladen muss. Dynamische, Mehrfachnutzung von Infrastruktur ist effizient.

Welche Aufgaben wird die Logistik künftig übernehmen?

Pulker-Rohrhofer: Die Logistik wird zukünftig gewisse Aufgaben, die der Handel heute hat, übernehmen. Ein Beispiel ist das Physical Internet, das Internet der Logistik. In der Digitalisierung arbeiten wir daran, dass alle Dinge miteinander kommunizieren. Ein Zukunftsbild ist z. B. der Kühlschrank, der selbstständig Milch nachbestellen kann.

Die Vision, die dahinter steckt, sind sogenannte Dark Stores. Anstelle von Geschäften wird die Ware von autonom fahrenden Fahrzeugen aus Lagern abgeholt. Sie liefert sich quasi selbst aus, sie kommt vom Lager direkt ins Fahrzeug und wird von dort zugestellt.

Welche Auswirkungen wird dies auf den Handel haben?

Pulker-Rohrhofer: Diese komplett neue Logistikkette könnte Schritt für Schritt gewisse Elemente des Handels ersetzen, wie zum Beispiel Supermärkte oder Einkaufszentren. Wenn man alles im Internet bestellt, braucht man irgendwann kein Einkaufscenter mehr. Das heißt, das Einkaufscenter wird andere Funktionen übernehmen, es wird vielleicht eine Erlebniswelt werden oder ein Entertainment Center.

Da wird es erforderlich sein, sich jetzt schon Konzepte zu überlegen um auch zukünftig mitspielen zu können. Ich denke, in zehn Jahren wird sich auch die derzeitige „Null-Euro-Mentalität“, die wir bezüglich Zustellung haben, verändern. Der Wert wird sich wandeln müssen, weil ja eine Leistung dahinter steckt.

Welche Jobs werden wir in Zukunft benötigen, die heute noch keinen Namen haben?

Pulker-Rohrhofer: Derzeit werden in der Logistik beispielsweise Disponenten benötigt. Das sind die Personen, die die Logistikkette organisieren. Die Auswahl mit welcher Spedition ich zusammenarbeite, hängt mit Leistung, Erfahrung und Vertrauen zusammen. Wenn aber Dinge miteinander im Physical Internet kommunizieren, wird Effizienz der wichtigste Punkt. Der effizienteste Anbieter oder das Fahrzeug, das gerade noch Laderaum zur Verfügung hat und auf der Route vorbeikommt, wird gesucht. Trotz dieser Entwicklungen geht es in Zukunft um die menschlichen Qualitäten in der Logistik.


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Zur Gastautorin

Dieses Interview wurde von Julia Weinzettl geführt und erstmals auf dem Blog der Plattform Taskfarm veröffentlicht. Weinzettl startete ihre Karriere nach dem Wirtschaft-, Politik- und Kommunikationswissenschaften-Studium als Marketingmanagerin der damaligen Startups sms.at, uboot.com und handy.at. Nach Tätigkeiten als Mobile Business Development Manager bei bwin (damals auch noch im Startup-Stadium) und als Data Protection Counselor bei der Personensuchmaschine www.123people.com wurde Weinzettl selbst zur Gründerin. Gemeinsam mit ihrem Mann Mike Weinzettl startete sie 2011 www.taskfarm.com als Marktplatz zur Projektvermittlung. Später folgte der Pivot zu einem Fokus auf Softwareentwicklung und Consulting. Mit dem Taskfarm-Blog legt die Gründerin eine große Interview-Serie zum Thema „Future of Work“ vor.


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Daniel Cracau Founding Director Outreach & Start-ups der IT:U | (c) brutkasten / Dervisevic
Daniel Cracau ist Founding Director Outreach & Start-ups der IT:U | (c) brutkasten / Dervisevic

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 Aufbrechen erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Eigentlich, erzählt er, hatte er sich eine berufliche Auszeit vorgenommen, als die IT:U Anfang 2025 bei ihm angeklopft habe. Dort habe man einen „Macher, nicht nur einen Verwalter“ für die Schnittstelle zur Wirtschaft gesucht. „Ich habe mich mit einem radikalen Konzept beworben und gleich klargestellt, dass ich meinen eigenen Kopf habe und Unbequemes anspreche.“ Das Konzept wurde angenommen, Cracau trat im Sommer seinen Dienst an. „It’s my project. I love it, und seitdem bin ich all-in“, sagt er heute.

„Ein System, das sich permanent verändern kann“

Der Reiz der IT:U liege darin, dass sie als öffentliche Hochschule komplett neu errichtet werde, ohne verkrustete Legacy-Probleme. Ziel sei es, zu beweisen, dass man eine moderne Universität von Anfang an richtig konzipieren könne. Das bedeute vor allem auch Wandlungsfähigkeit: „Auf die Frage, wie die IT:U in 15 oder 20 Jahren aussehen wird, antworte ich: ‚Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass sie auf jeden Fall nicht so aussieht wie heute.‘ Ich glaube, das ist auch der Kern dieses ganzen Projekts: diese Fähigkeit, sich an die Realität der Welt anzupassen.“ IT-Fakultäten an etablierten Universitäten könnten diese Agilität in der vorhandenen Struktur nicht erreichen. „Und wenn wir jetzt kein System bauen, das sich permanent verändern kann, ist die IT:U in zehn Jahren auch veraltet“, so Cracau.

Dieses Umfeld ziehe auch „Rebels“ an, die Dinge neu denken wollen – sowohl bei den Lehrenden als auch bei den Studierenden. „Masterstudierende, die sich trauen, in ein Studium einzusteigen, das keine Referenz hat, haben dieses Pionier-Gen“, ist Cracau überzeugt. Und das brauche man auch für Spinoffs. Auch dass Englisch die offizielle Sprache an der IT:U ist, ziehe eine tendenziell gründungsaffine Zielgruppe an: „Die Ausgründungsrate bei internationalen Studierenden ist bis zu fünfmal höher“, so Cracau.

Gelernt wird an der IT:U projektbasiert in Kleingruppen direkt an Technologien wie Robotik und KI. Das Ziel sei die Verschmelzung von technischer Expertise und Future Skills. Dabei müsse man einem Problem erst interdisziplinär auf den Grund gehen, bevor man es lösen könne. Cracau: „Gründerinnen und Gründer suchen sich ihre Probleme, gehen mit offenen Augen durch die Welt und beißen sich dann an etwas fest, das sie wirklich interessiert.“ Dennoch dürfe man sich beim Thema Ausgründungen keinen Illusionen hingeben: „Die Vorstellung, dass man jede beliebige Forschende oder jeden beliebigen Forscher zu Gründerinnen und Gründern ausbilden kann, ist romantisch.“

Und aktuell befinde sich die IT:U auch noch in einer Bringschuld, die einen zentralen Punkt in der öffentlichen Spinoff-Debatte betrifft: „Wir arbeiten noch an unserer IP-Policy. Die wollen wir Schritt für Schritt aufbauen“, sagt Cracau. Das Ziel sei dabei klar: Sie soll „maximal gründungsfreundlich“ werden. Und er spricht auch das zweite Großthema rund um universitäre Ausgründungen an: den Zugang von Universitäten zu Unternehmensanteilen. „Wenn die Universität früh mit einem hohen Anteil – sagen wir: zehn Prozent – und Mitspracherecht reingeht, killt das die Erfolgschancen des Spinoffs“, warnt Cracau. Internationale Vorbilder wie die ETH Zürich und die TU München mit UnternehmerTUM würden zeigen, dass flache Beteiligungsstrukturen besser funktionieren. „Der Mehrwert kommt langfristig über erfolgreiche Alumni zurück, die das Ökosystem unterstützen“, so Cracau.

Kooperationen im Zentrum

Um angehende Gründer:innen ganz konkret zu fördern, setzt die IT:U auf Begleitung ab Tag eins bereits in der „Welcome Week“. Ausgründen sei „nicht nur eine Möglichkeit, sondern es wird proaktiv gefördert“. Neben dem Aufbau einer eigenen finanziellen Anschubförderung soll im nächsten Jahr ein „Startup Partner“ als erster Ansprechpartner an Bord kommen. „Diese Person muss echte Gründungserfahrung mitbringen, um ein authentischer und kompetenter Begleiter zu sein“, betont Cracau. Den entscheidenden Hebel sieht er letztlich in der Praxisnähe: „Der absolut größte Breaking Point ist Go-to-Market. Durch das projektbasierte Arbeiten an realen Industrieaufgaben ist die Basis für den Marktstart von vornherein viel besser.“ Diese Industriekooperation passiert etwa in einem kürzlich eröffneten gemeinsamen Labor mit Infineon Austria.

Als Vision skizziert Cracau ein noch größeres Ziel: „Letztlich soll der Mehrwert der IT:U darin bestehen, nicht nur Graduates hervorzubringen, die direkt in die Wirtschaft gehen, sondern auch als Anker im Ökosystem für eine Gründungswelle zu stehen und diese institutionell zu begleiten.“ Das könne aber nur mit einem breiten Schulterschluss gelingen – nicht nur mit anderen Unis, wie es etwa mit der „Schwester-Uni“ JKU bereits der Fall sei, sondern auch mit Wirtschaft und Industrie: „Wir müssen alle an einem Strang ziehen. Denn am Ende ist ganz Österreich nur ein kleines Ökosystem.“

Die Hochlauf- und Entwicklungskurve bleibe jedenfalls steil und anspruchsvoll. Als entscheidender Meilenstein für den weiteren Erfolg der IT:U gilt die anstehende Wahl der Universitätsführung Mitte 2027.

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