09.05.2019

3 Schritte zur Abschätzung des Risikos beim Gründen

Gastbeitrag. Alex Schuh, Innovation Consultant bei Pioneers, hat auf Basis seiner Masterarbeit ein Modell zur Abschätzung des Risikos beim Gründen entwickelt und getestet.
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Value Blueprints - 3 Schritte zur abschätzung des Risikos beim Gründen von Alex Schuh
Alex Schuh

Wenn du als Startup oder Corporate Spin-off durchstarten willst, dann bedeutet das, dass du ein neues Ökosystem betrittst. Ein Ökosystem ist eine Ansammlung von Firmen, Institutionen und anderen Playern, verbunden durch deren gemeinsames Ziel und ihrer Mission. Abhängig von deinem Startup, kann das Ökosystem lokal, global oder auch eine Mischung aus beidem sein. Eines ist jedoch immer gleich: Jedes Ökosystem ist voll von Unbekannten und Unsicherheiten.

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Kommunikation als Schlüssel zur Abschätzung des Risikos beim Gründen

Aus diesem Grund willst du dein Risiko und die Wahrscheinlichkeit mit deinen Ressourcen und der vorhandenen Konkurrenz erfolgreich zu werden, abschätzen können. Das ganze am besten schon bevor du startest und Kapital aufwendest. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten um das zu erreichen, aber die beste und effektivste Methode ist Kommunikation. Konversationen mit potentiellen Stakeholdern zu führen, um herauszufinden, ob diese dieselben Ziele anstreben wie man selbst, kann im besten Fall einem Scheitern vorbeugen.

Um das auch sinnvoll zu betreiben, will ich dir ein einfaches Modell vorstellen, dass dir helfen wird, in drei Schritten einen Überblick über die geführten Konversationen zu behalten und deine Position im Ökosystem zu verstehen:

Value Blueprints: Ein guter Überblick über dein Ökosystem

Die Basis bildet dabei Ron Adners Konzept der „Value Blueprints“. Sie können helfen, das große Ganze zu sehen. Sie unterstützen dich, die richtigen Player für Konversationen zu identifizieren und helfen bei der Abschätzung des Risikos einer Zusammenarbeit. Um ein Entrepreneurship-Ökosystem zu analysieren, werden wir die Blueprints um kompetitive und nicht kompetitive Player, sowie Player mit einer guten Übersicht über das Ökosystem erweitern. Die Blueprints können in wenigen einfachen Schritten aufgesetzt werden, welche ich dir hier näherbringen will.

1. Stakeholder definieren

Im ersten Schritt muss du deinen „End Customer“ definieren, also denjenigen, der letztendlich von deinem Produkt bzw. deinem Service profitiert. Als nächstes müssen „Supplier“ identifiziert werden, also die Stakeholder die man braucht, um Wert zu generieren, die sozusagen die Zutaten für das Produkt liefern. Danach muss festgestellt werden ob zwischen dem End Customer und dir noch jemand steht. Diese Player werden dann als „Intermediaries“ bezeichnet. Zusätzlich werden „Complementors“, also Stakeholder die den Weg für Intermediaries ebenen, berücksichtigt. Zuletzt werden Player mit guter Übersicht über das Ökosystem und kompetitive und nicht kompetitive Player identifiziert.

Nachdem alle Stakeholder in die Blueprints eingetragen wurden, sieht der erste Entwurf in etwa so aus, wie in der folgenden Grafik:

(c) Alex Schuh

2. Das Risiko abschätzen

Es gibt zwei wichtige Fragen die du dir in Bezug auf alle Stakeholder stellen solltest: „Können sie die Aufgaben erfüllen, die ich von ihnen benötige?“ (Co-innovation Risiko) und „Wollen sie die Aufgaben erfüllen, die ich von ihnen benötige?“ (Co-adoption Risiko). Diese Fragen zu beantworten – bevor man in das Ökosystem Eintritt – ist extrem wichtig. Denn nur weil man eine Vision mit den anderen Stakeholdern teilt, heißt das nicht, dass man sich über den Weg, sie zu erreichen, einig ist. Wenn die Strategie von allen Playern Richtung Zusammenarbeit ausgerichtet ist, werden automatisch die dazugehörigen Strukturen angenommen.

Darum wurde ein Ampelfarbensystem eingeführt, um dieses Risiko simpel innerhalb eines Ökosystems zu bewerten. Grünes Licht bedeutet „Alles wie geplant“, gelbes Licht bedeutet „Sie können es noch nicht“, oder „Sie wollen es noch nicht“, und rotes Licht bedeutet „Das funktioniert nie“. Wichtig ist, dass ein paar gelbe Ampel kein großes Problem darstellen, besonders nicht am Anfang. Diese können durch verschiedene Anreize auf grün gestellt werden. Rote Lichter sind jedoch ein größeres Problem. Du musst dann andere Player finden, um die Lücke zu füllen. Oder, wenn das unmöglich scheint, sogar dein Geschäftsmodell ändern.

Die folgende Grafik zeigt die Blueprint erweitert um die Ampelfarben:

(c) Alex Schuh

3. Eine Iteration nach der anderen

Nehmen wir an, du besitzt einen Online-Buchhandel. Bevor du die Blueprints zum ersten Mal aufzeichnen kannst, müssen die Player mit einer guten Übersicht über das Ökosystem und kompetitive und nicht kompetitive Player befragt werden, um die Lücke im Ökosystem zu identifizieren. Somit hast du deinen Startpunkt gefunden. Beispiele für kompetitive Player sind in diesem Fall Amazon und Offline-Buchhandlungen. Nicht kompetitive Player sind andere Plattformen, welche komplementäre Güter für deine Kunden anbieten.
Nachdem der Startpunkt gefunden wurde, muss die Struktur der Value Blueprints erstellt werden (Bild 1) und anschließend das Risiko der Stakeholder bewerten (Bild 2). „Supplier“ in unserem Beispiel sind Verlage und IT Infrastruktur Services. „Intermediaries“ sind Reseller der Buchhandlung und „Complementors“ sind Lieferservices.

Nach der ersten Iteration ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass einige Änderungen vorgenommen werden müssen. Also setzt du dich hin, bearbeitest die Blueprints auf Basis des Feedbacks, dass du bekommen hast, und validierst sie wieder und wieder und wieder…

Umdenken zu „Wenn wir es machen, wie kommen sie dort hin?“

Die Value Blueprints können unter Umständen als relativ unübliche Methode angesehen werden, im Speziellen für Manager in großen Unternehmen, da sie viele offene Konversationen mit externen Personen im Voraus verlangen. Die „darüber reden wir später im Prozess“-Methode ist heutzutage einfach nicht mehr angebracht und kann zu großen Problemen führen. Ein Umdenken von „Wenn wir es machen, kommen sie?“ zu „Wenn wir es machen, wie kommen sie dort hin?“ in Bezug auf die Stakeholder muss stattfinden. Wenn die Antwort „Wir sind nicht sicher“ ist, willst du das definitiv herausfinden bevor du deine Zeit und dein Geld investierst.


Systematik

Dieses Modell zur Abschätzung des Risikos beim Gründen wurde in meiner Masterarbeit anhand eines Biotech Hubs, welches in Wien starten wird, getestet. Dazu wurden zehn Interviews mit zentralen Playern aus dem Wiener Ökosystem geführt, teilweise mit Fokus auf Deeptech. Um Aussagen über ein Hub im Biotech-Bereich generalisierbarer zu machen, wurden weitere Interviews in den Niederlanden (Nijmegen und Umgebung) geführt. Diese Gegend ist als „Health Valley“ bekannt und hatte daher einen sehr guten fit. In zwei Iterationen wurden dann auf Basis des Inputs die Value Blueprints erstellt und Risiken analysiert.

Zum Autor

Alex Schuh arbeitet aktuell als Innovation Consultant bei Pioneers im Bereich Corporate-Startup-Collaboration. Zusätzlich arbeitet er als Network Developer beim Entrepreneurship Ecosystem Research Network.

Wenn du an dem Artikel oder am Thema Kollaboration bzw. Ökosysteme interessiert bist, kontaktiere Alex gerne via E-Mail.

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Das sonnnig-Gründerteam: Roman Öfferlbauer, Jonathan Buchinger und Lukas Hückel © sonnnig

Dort, wo Technik und Unternehmertum zusammenkommen, kann Großes entstehen. So auch an der TU Wien im „Extended Study on Innovation“-Programm, wo sich das Gründer-Trio, bestehend aus Roman Öfferlbauer, Lukas Hückel und Jonathan Buchinger, zum ersten Mal begegnete. Parallel dazu gründete Öfferlbauer 2023 in seinem Heimatort in Niederösterreich eine Energiegemeinschaft, zu einem Zeitpunkt, an dem das Thema noch jung und „technisch schwierig abzuwickeln“ war, so Öfferlbauer.

Aus improvisierten Tools und selbst geschriebenen Mini-Scripts für den Eigenbedarf wurde ein Jahr später sonnnig. Eine White-Label-Lösung für Abrechnung, Mitgliedermanagement und Datenanalyse von mittlerweile 30 Energiegemeinschaften in ganz Österreich.

Wenn Strom aus der Nachbarschaft kommt

„Unser Blick war eigentlich immer auf Endverbraucher und Verbraucherinnen fokussiert. Also Privatpersonen, Unternehmen, Gemeinden“, erklärt Öfferlbauer im Interview. Eine Mission, die über die letzten zwei Jahre tausende Haushalte in ganz Österreich erreicht hat. Mittlerweile kann man über sonnnig den generierten Strom auch als Mitarbeiter:innen-Benefit oder Spende abgeben. „Im letzten halben Jahr hat sich da aber auch ziemlich viel auf der anderen Seite, also bei den Energieversorgungsunternehmen, getan“, verrät der Co-Founder.

Energieversorgungsunternehmen stünden zunehmend vor einem Einkaufs- und Prognoseproblem. In der Regel verbraucht die Kundschaft ihren Strom nach einem Standardprofil, mit dem der jeweilige Versorger seine Stromeinkäufe prognostiziert. Sind die Abnehmer:innen aber Teil einer Energiegemeinschaft, verschiebt sich dieses Profil radikal: Ein großer Teil des Energiebedarfs wird jetzt von der Energiegemeinschaft gedeckt und nur noch die Restmengen werden durch den Energieversorger geliefert. „Der Energieversorger hat die Energiemenge aber schon im Vorhinein eingekauft“ – und müsse sie kurzfristig wieder verkaufen, erklärt Öfferlbauer. Ein teures Ausgleichsenergie-Problem, das mit wachsendem Energy-Sharing-Anteil immer größer wird.

Sonnnig als potenzieller Partner für Energieversorger

Genau hier setzt das neue Produkt an, für das sonnnig gerade die dritte Förderung der Austria Wirtschaftsservice (aws) erhalten hat: eine White-Label-Lösung zum Energy Sharing, die Energieversorger direkt in ihr eigenes Kund:innenportal einbinden können. Im Hintergrund liefert sonnnig die Restlastprognose auf 15-Minuten-Basis, damit Versorger gezielter am Großhandel einkaufen können.

Möglich macht das die Prognosefähigkeit, die sonnnig über Jahre mit echten Energiegemeinschaften aufgebaut hat. Ziel ist es, Versorgern einen besseren Einblick in ihre Stromverläufe zu geben und ihnen zu helfen, selbst ein Geschäftsmodell rund um Energy Sharing aufzubauen, auch als Beitrag zur Kund:innenbindung, erklärt Öfferlbauer. Am Markt kommt das gut an: „Energieversorgungsunternehmen spüren das Problem und sind zunehmend auf der Suche nach Lösungen und neuen Geschäftsmodellen im Energy-Sharing-Bereich, deshalb reden sie auf einmal mit uns“, sagt der Co-Founder. Davor sei die Beziehung eher einseitig gewesen. Zwei Pilotbetriebe hat sonnnig für das geförderte Projekt bereits akquiriert und zeigt sich offen für weitere Kooperationen.

Von First bis Seed: Der aws-Weg

Möglich wurde diese Entwicklung durch drei aufeinanderfolgende aws-Förderungen. Mit aws First Incubator, einem Programm für sehr junge Teams, teils noch vor der Firmengründung, kam das Startup zu ersten Beratungsleistungen und Mentoring. Mit aws Preseed – Innovative Solutions wurde zunächst die inhaltliche und wirtschaftliche Machbarkeit des Vorhabens überprüft und der Proof of Concept entwickelt. Darauf aufbauend unterstützt aws Seedfinancing – Innovative Solutions die Weiterentwicklung bis zum Markteintritt sowie die ersten Skalierungsschritte. In diesem Rahmen werden nun der Aufbau und der Launch des neuen B2B-Produkts finanziert.

Erwarteter Boom durch neues Elektrizitätswirtschaftsgesetz

Als besondere Meilensteine nennt Öfferlbauer Referenzprojekte mit bekannten Unternehmen wie Hartl Haus, der Nationalbank-Tochter IG Immobilien oder der Volkshilfe Wien sowie die wiederholte Verdopplung des Jahresumsatzes. Im ersten Halbjahr 2026 hat sich die geteilte Energiemenge, die über sonnnig abgewickelt wurde, laut eigenen Angaben gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Investor:innen hat das fünfköpfige Team bislang bewusst keine an Bord geholt, da laufende Umsätze und eine halbe Million Euro an lukrierten Entwicklungsförderungen das Team organisch tragen.

Rückenwind kommt bald auch auf politischer Ebene: Im Oktober tritt das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) in Kraft, das Energy Sharing über bilaterale Peer-to-Peer-Verträge statt über eine juristische dritte Instanz wie einen Verein oder eine GmbH erlaubt. Für sonnnig eine freudige Entwicklung: „Das baut natürlich extrem viele Hürden ab. Und deswegen erwarten wir auch einen ziemlichen Boom an neuen Mitgliedern und das nehmen auch Energieversorgungsunternehmen wahr.“


Disclaimer: Der Artikel entstand in Kooperation mit der Austria Wirtschaftsservice (aws).

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