30.10.2017

Livv.at: Die Chatbot-Versicherung

Während der Markt für althergebrachte Versicherungsprodukte gesättigt ist, ist InsurTech in Österreich eine echte Wachstumsbranche. Bisher gab es vor allem einfachere Lösungen, wie eine Fahrrad-Versicherung oder eine App, um seine Versicherungen zu verwalten. Nun geht mit Livv.at der erste reine Online-Versicherer für Ablebensversicherungen an den Start. Die Besonderheit: Statt einem Versicherungsmakler berät die Kunden ein Chatbot.
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(c) Jürgen Hammerschmid: Die livv.at-Founder Math und Schrögenauer

Österreichs erste Online-Ablebensversicherung ist da: Mit kleinen Beträgen kann beim Startup Livv.at jeder seine Liebsten für den Ernstfall finanziell absichern. Das Kleingedruckte ist überschaubar, die Leistung attraktiv, der Abschluss erfolgt einfach im Internet – und anders als üblich wird das Abschlussgespräch nicht mit einem Versicherungsmakler, sondern mit einem Chatbot geführt. Was einfach klingt, ist das Ergebnis einer langen Entwicklungsarbeit, erzählen die Livv.at-Masterminds Klaus Math und Hermann Schrögenauer.

+++ Fokus: InsurTech +++

LV1871-Vorstand als Co-Founder

Ihr erstes Produkt ist eine Ablebensversicherung namens Livv.Protect – damit sichern Kunden für den Fall, dass sie sterben, eine oder mehrere Personen kostengünstig mit einem finanziellen Schutzpolster ab. „Livv.at ist Österreichs erste Online-Versicherungsplattform, auf der eine Ablebensversicherung einfach, günstig und komplett digital abgeschlossen wird“, sagt Livv.at-„Erfinder“ Klaus Math. „Die Produktlösung und digitale Plattform wurden speziell für Österreich neu entwickelt.“ Math ist zugleich Vorstand der traditionsreichen Lebensversicherung LV1871 mit Sitz in München – dem Unternehmen, das die Entwicklung von Livv.at finanziert hat.

„Startup, das auf 150 Jahre Erfahrung zurückgreifen kann“

„Livv.at arbeitet wie ein Startup, um die innovative Geschäftsidee mit hoher Unabhängigkeit, maximaler Flexibilität und konsequenter Ausrichtung am Kundennutzen umsetzen zu können“, meint Hermann Schrögenauer, der früher Chef des britischen Versicherers Skandia in Österreich war und seine lokale Marktkenntnis ins Team einbringt. „Im Gegensatz zu einem reinen Startup steht hinter Livv.at mit der LV 1871 Unternehmensgruppe aber ein finanzstarker Versicherer mit fast 150 Jahren Erfahrung. Insofern arbeiten wir wie ein Insurtech-Startup, das auf fast 150 Jahre Versicherungserfahrung zurückgreift.“

„Ursprüngliche Idee der Versicherung“

Die Kombination aus Tradition und Innovation hat viele praktische Vorteile. So hat Livv.at im Einklang mit der bewährten Lean-Startup-Methode ein kleines, sechsköpfiges Entwicklerteam. Braucht es aber Know-How in einem speziellen Bereich, können, je nach Arbeits- und Themengebiet, andere Experten von LV1871 dazu geschaltet werden. Wichtig war es dabei, von der Idee weg den Bezug zur „Basis“ nicht zu verlieren. „Wir kehren mit Livv.at zur ursprünglichen Idee der Versicherung zurück, nämlich der günstigen, kollektiven Absicherung existenzieller Risiken. Dabei setzen wir auf innovative digitale Umsetzung und Transparenz“, sagt Math.

Design Thinking am Hauptbahnhof

Das Konzept lautete „Agile Learning“: So wurde nicht lange herumgetüftelt und ausgewertet, sondern jede neue Idee und mögliche Features gleich im Rahmen einer Blitzumfrage getestet – etwa indem man Menschen am Wiener Hauptbahnhof gefragt hat, was sie davon halten; Scrum und Design Thinking auf den Straßen Wiens sozusagen. Auch ein kleines Video mit Lego-Figuren hat das Team für den internen Gebrauch produziert, um das Konzept zu veranschaulichen und die Core-Features für das Minimum Viable Product (MVP) spielerisch zu definieren.

Bruchteil der Kosten

Selbst der Chatbot ist aus diesem agilen Prozess entstanden – und wie eine kurze Vorführung zeigt, funktioniert der Abschluss mit dem digitalen Helferlein tatsächlich in Minutenschnelle. Ob unterwegs im Zug, in einem Café über WLAN oder mit dem Tablet am Schoß am heimischen Sofa: Kunden müssen einfach auswählen, wie hoch die Laufzeit und wie hoch der Betrag sein sollen – und klicken sich mit einem Personalausweis bewaffnet durch den Abschlussprozess. Eine Hotline steht für spezielle Fragen zur Verfügung, wird aber, wie die Erfahrung zeigt, kaum in Anspruch genommen – der Chatbot ist ausreichend. Weil kein Versicherungsmakler involviert ist, sind die Kosten auch extrem niedrig, eine Absicherung für 20 Jahre über 100.000 Euro beispielsweise kostet drei bis vier Euro im Monat – ein Bruchteil dessen, was Anbieter sonst verlangen.

Digitale Transformation hat gerade erst begonnen

Das verbessert die Chancen von Livv.at am hart umkämpften österreichischen Versicherungsmarkt, wo oft gerade jene Menschen, die unbedingt eine Ablebensversicherung brauchen würden, keine haben. „Gerade bei Familien mit kleinen Kindern haben wir festgestellt, dass die Abdeckung noch zu wünschen übrig lässt – weil der Preis zu hoch ist und weil das Produkt vielen potenziellen Kunden zu kompliziert erscheint“, sagt Schrögenauer. Ob Livv.at nach Livv.Protect auch weitere Produkte bringt? Das ist gut möglich, meinen die Livv.at-Gründer einstimmig. Mit guten Ideen hat man am Markt sehr gute Chancen – denn im Gegensatz zu anderen Branchen hat im Versicherungswesen die digitale Transformation erst begonnen.

+++ Versicherungsplattform FinanceFox heißt jetzt “wefox” und betritt den österreichischen Markt +++


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Das sonnnig-Gründerteam: Roman Öfferlbauer, Jonathan Buchinger und Lukas Hückel © sonnnig

Dort, wo Technik und Unternehmertum zusammenkommen, kann Großes entstehen. So auch an der TU Wien im „Extended Study on Innovation“-Programm, wo sich das Gründer-Trio, bestehend aus Roman Öfferlbauer, Lukas Hückel und Jonathan Buchinger, zum ersten Mal begegnete. Parallel dazu gründete Öfferlbauer 2023 in seinem Heimatort in Niederösterreich eine Energiegemeinschaft, zu einem Zeitpunkt, an dem das Thema noch jung und „technisch schwierig abzuwickeln“ war, so Öfferlbauer.

Aus improvisierten Tools und selbst geschriebenen Mini-Scripts für den Eigenbedarf wurde ein Jahr später sonnnig. Eine White-Label-Lösung für Abrechnung, Mitgliedermanagement und Datenanalyse von mittlerweile 30 Energiegemeinschaften in ganz Österreich.

Wenn Strom aus der Nachbarschaft kommt

„Unser Blick war eigentlich immer auf Endverbraucher und Verbraucherinnen fokussiert. Also Privatpersonen, Unternehmen, Gemeinden“, erklärt Öfferlbauer im Interview. Eine Mission, die über die letzten zwei Jahre tausende Haushalte in ganz Österreich erreicht hat. Mittlerweile kann man über sonnnig den generierten Strom auch als Mitarbeiter:innen-Benefit oder Spende abgeben. „Im letzten halben Jahr hat sich da aber auch ziemlich viel auf der anderen Seite, also bei den Energieversorgungsunternehmen, getan“, verrät der Co-Founder.

Energieversorgungsunternehmen stünden zunehmend vor einem Einkaufs- und Prognoseproblem. In der Regel verbraucht die Kundschaft ihren Strom nach einem Standardprofil, mit dem der jeweilige Versorger seine Stromeinkäufe prognostiziert. Sind die Abnehmer:innen aber Teil einer Energiegemeinschaft, verschiebt sich dieses Profil radikal: Ein großer Teil des Energiebedarfs wird jetzt von der Energiegemeinschaft gedeckt und nur noch die Restmengen werden durch den Energieversorger geliefert. „Der Energieversorger hat die Energiemenge aber schon im Vorhinein eingekauft“ – und müsse sie kurzfristig wieder verkaufen, erklärt Öfferlbauer. Ein teures Ausgleichsenergie-Problem, das mit wachsendem Energy-Sharing-Anteil immer größer wird.

Sonnnig als potenzieller Partner für Energieversorger

Genau hier setzt das neue Produkt an, für das sonnnig gerade die dritte Förderung der Austria Wirtschaftsservice (aws) erhalten hat: eine White-Label-Lösung zum Energy Sharing, die Energieversorger direkt in ihr eigenes Kund:innenportal einbinden können. Im Hintergrund liefert sonnnig die Restlastprognose auf 15-Minuten-Basis, damit Versorger gezielter am Großhandel einkaufen können.

Möglich macht das die Prognosefähigkeit, die sonnnig über Jahre mit echten Energiegemeinschaften aufgebaut hat. Ziel ist es, Versorgern einen besseren Einblick in ihre Stromverläufe zu geben und ihnen zu helfen, selbst ein Geschäftsmodell rund um Energy Sharing aufzubauen, auch als Beitrag zur Kund:innenbindung, erklärt Öfferlbauer. Am Markt kommt das gut an: „Energieversorgungsunternehmen spüren das Problem und sind zunehmend auf der Suche nach Lösungen und neuen Geschäftsmodellen im Energy-Sharing-Bereich, deshalb reden sie auf einmal mit uns“, sagt der Co-Founder. Davor sei die Beziehung eher einseitig gewesen. Zwei Pilotbetriebe hat sonnnig für das geförderte Projekt bereits akquiriert und zeigt sich offen für weitere Kooperationen.

Von First bis Seed: Der aws-Weg

Möglich wurde diese Entwicklung durch drei aufeinanderfolgende aws-Förderungen. Mit aws First Incubator, einem Programm für sehr junge Teams, teils noch vor der Firmengründung, kam das Startup zu ersten Beratungsleistungen und Mentoring. Mit aws Preseed – Innovative Solutions wurde zunächst die inhaltliche und wirtschaftliche Machbarkeit des Vorhabens überprüft und der Proof of Concept entwickelt. Darauf aufbauend unterstützt aws Seedfinancing – Innovative Solutions die Weiterentwicklung bis zum Markteintritt sowie die ersten Skalierungsschritte. In diesem Rahmen werden nun der Aufbau und der Launch des neuen B2B-Produkts finanziert.

Erwarteter Boom durch neues Elektrizitätswirtschaftsgesetz

Als besondere Meilensteine nennt Öfferlbauer Referenzprojekte mit bekannten Unternehmen wie Hartl Haus, der Nationalbank-Tochter IG Immobilien oder der Volkshilfe Wien sowie die wiederholte Verdopplung des Jahresumsatzes. Im ersten Halbjahr 2026 hat sich die geteilte Energiemenge, die über sonnnig abgewickelt wurde, laut eigenen Angaben gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Investor:innen hat das fünfköpfige Team bislang bewusst keine an Bord geholt, da laufende Umsätze und eine halbe Million Euro an lukrierten Entwicklungsförderungen das Team organisch tragen.

Rückenwind kommt bald auch auf politischer Ebene: Im Oktober tritt das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) in Kraft, das Energy Sharing über bilaterale Peer-to-Peer-Verträge statt über eine juristische dritte Instanz wie einen Verein oder eine GmbH erlaubt. Für sonnnig eine freudige Entwicklung: „Das baut natürlich extrem viele Hürden ab. Und deswegen erwarten wir auch einen ziemlichen Boom an neuen Mitgliedern und das nehmen auch Energieversorgungsunternehmen wahr.“


Disclaimer: Der Artikel entstand in Kooperation mit der Austria Wirtschaftsservice (aws).

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