13.02.2017

Der Feind im App-Store: Apps

"Ich habe eine super Idee für eine App", wer hat diese magischen Worte nicht schon x-Mal gehört - oder selbst ausgesprochen. Einer viel zitierten Floskel zufolge brauche es nur "eine Idee, Wlan und Spirit", um erfolgreich zu sein. Und dann gabs da noch die Menschen, die die App brauchen können sollten.
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Wer im alltäglichen Gebrauch mehr als einmal nach rechts oder links wischt, um zu seinen Standard-Apps zu kommen, der kann sich schon als etwas besonderes betrachten. Gina Sanders - fotolia.com

Sie wurden während der vergangenen Jahre zu einem festen und unverzichtbaren Bestandteil unseres Lebens: Apps. Es gibt sie für alle Lebensbereiche – Kommunikation, Langeweile, Liebe finden, Liebe loswerden, Navigation etc. etc. Aus Gründen der Lesbarkeit wird darauf verzichtet, diese Aufzählung zu vollenden. Schließlich wird „π“auch nach ein paar Kommastellen uninteressant.

Die Gretchenfrage der Notwendigkeit

Smartphone-Besitzer nutzen üblicherweise nur eine gewisse Anzahl an Apps – eine sehr überschaubare Anzahl. Wer im alltäglichen Gebrauch mehr als einmal nach rechts oder links wischt, um zu seinen Standard-Apps zu kommen, der kann sich schon als etwas besonderes betrachten. Social-Media, Transport, Spielstände und vielleicht etwas zum Nachdenken: „Angry Birds“ oder „Doodle Jump“ – mehr ist es in der Regel nicht. Ohne jemandem Erfindergeist, technische Fertigkeiten oder Durchhaltevermögen absprechen zu wollen, drängt sich eine Frage unweigerlich immer wieder auf. Wer braucht Apps, die mir verraten wie viele Rosinen in meinem Müsli sind, oder welche Temperatur die Küchenfliesen der Gartenhütte haben.

Smartphone-Besitzer nutzen üblicherweise nur eine gewisse Anzahl an Apps – eine sehr überschaubare Anzahl.

Die Krux mit Downloads und Entwicklungskosten

„App um 100 Millionen Euro verkauft“ – natürlich machen Schlagzeilen wie diese Lust darauf, selbst etwas zu entwickeln, es schnell zu verkaufen und dann richtig reich zu sein. Eine gewisse Portion Realitätsbezug schadet allerdings nicht wenn man das Projekt „Ich mach jetzt eine App“ startet. Laut Google kursieren im App-Store mehr als eine Million Apps, die nicht einziges Mal downgeloadet wurden. Die Sprache ist hier nicht von „nicht monetarisiert“, sondern von keinem einzigen Download. Und 0 (in Worten: Null) Downloads stehen selbst den minimalsten Entwicklungskosten eher kontraproduktiv gegenüber. Die gewisse Portion Glück, die notwendig ist, um mit einer App überhaupt gesehen zu werden, sei vorerst dahingestellt.

Redaktionstipps

Schnell schnell der hippen Community angehören

Wer in dieser Branche nicht schnell ist, ist schnell mal zu spät, das ist klar. Aber wäre es oftmal nicht sinnvoller, sich Gedanken zu machen, womit die Menschheit wirklich etwas anfangen könnte, als „schnell schnell“ Veranstaltungs-App Nr. 197 auf den Markt zu schießen und sich der hippen Community der App-Entwickler anzuschließen? Denn auch das praktisch nicht zu entkräftende Argument „Der Algorithmus analysiert dein Verhalten und zeigt dir was dir gefällt“, verliert irgendwann an Wirkung.

Wer braucht Apps, die mir verraten wie viele Rosinen in meinem Müsli sind, oder welche Temperatur die Küchenfliesen der Gartenhütte haben.

Und dann war da noch der „Faktor Österreich“

Eines bewahrt uns jedoch vor einer noch größeren App-Flut, als derer, der wir ohnehin ausgesetzt sind: Die Mehrheit jener mit den bahnbrechenden App-Ideen hat keine Ahnung, wie man so etwas programmiert. An dieser Stelle kommt der „Faktor Österreich“ ins Spiel und man verlagert die großartige Idee in den Konjunktiv. Denn „es wäre tatsächlich cool, wenn man etwas machen würde und viel Geld dafür bekäme“. Dabei bleibt es dann aber auch – im schlimmsten Fall ist ein anderer mit derselben Idee erfolgreich. Was bleibt, ist das Bewusstsein um den Ruhm und Erfolg, den man gehabt haben könnte, wenn man etwas getan hätte. Ist doch auch nicht so schlecht.

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Das sonnnig-Gründerteam: Roman Öfferlbauer, Jonathan Buchinger und Lukas Hückel © sonnnig

Dort, wo Technik und Unternehmertum zusammenkommen, kann Großes entstehen. So auch an der TU Wien im „Extended Study on Innovation“-Programm, wo sich das Gründer-Trio, bestehend aus Roman Öfferlbauer, Lukas Hückel und Jonathan Buchinger, zum ersten Mal begegnete. Parallel dazu gründete Öfferlbauer 2023 in seinem Heimatort in Niederösterreich eine Energiegemeinschaft, zu einem Zeitpunkt, an dem das Thema noch jung und „technisch schwierig abzuwickeln“ war, so Öfferlbauer.

Aus improvisierten Tools und selbst geschriebenen Mini-Scripts für den Eigenbedarf wurde ein Jahr später sonnnig. Eine White-Label-Lösung für Abrechnung, Mitgliedermanagement und Datenanalyse von mittlerweile 30 Energiegemeinschaften in ganz Österreich.

Wenn Strom aus der Nachbarschaft kommt

„Unser Blick war eigentlich immer auf Endverbraucher und Verbraucherinnen fokussiert. Also Privatpersonen, Unternehmen, Gemeinden“, erklärt Öfferlbauer im Interview. Eine Mission, die über die letzten zwei Jahre tausende Haushalte in ganz Österreich erreicht hat. Mittlerweile kann man über sonnnig den generierten Strom auch als Mitarbeiter:innen-Benefit oder Spende abgeben. „Im letzten halben Jahr hat sich da aber auch ziemlich viel auf der anderen Seite, also bei den Energieversorgungsunternehmen, getan“, verrät der Co-Founder.

Energieversorgungsunternehmen stünden zunehmend vor einem Einkaufs- und Prognoseproblem. In der Regel verbraucht die Kundschaft ihren Strom nach einem Standardprofil, mit dem der jeweilige Versorger seine Stromeinkäufe prognostiziert. Sind die Abnehmer:innen aber Teil einer Energiegemeinschaft, verschiebt sich dieses Profil radikal: Ein großer Teil des Energiebedarfs wird jetzt von der Energiegemeinschaft gedeckt und nur noch die Restmengen werden durch den Energieversorger geliefert. „Der Energieversorger hat die Energiemenge aber schon im Vorhinein eingekauft“ – und müsse sie kurzfristig wieder verkaufen, erklärt Öfferlbauer. Ein teures Ausgleichsenergie-Problem, das mit wachsendem Energy-Sharing-Anteil immer größer wird.

Sonnnig als potenzieller Partner für Energieversorger

Genau hier setzt das neue Produkt an, für das sonnnig gerade die dritte Förderung der Austria Wirtschaftsservice (aws) erhalten hat: eine White-Label-Lösung zum Energy Sharing, die Energieversorger direkt in ihr eigenes Kund:innenportal einbinden können. Im Hintergrund liefert sonnnig die Restlastprognose auf 15-Minuten-Basis, damit Versorger gezielter am Großhandel einkaufen können.

Möglich macht das die Prognosefähigkeit, die sonnnig über Jahre mit echten Energiegemeinschaften aufgebaut hat. Ziel ist es, Versorgern einen besseren Einblick in ihre Stromverläufe zu geben und ihnen zu helfen, selbst ein Geschäftsmodell rund um Energy Sharing aufzubauen, auch als Beitrag zur Kund:innenbindung, erklärt Öfferlbauer. Am Markt kommt das gut an: „Energieversorgungsunternehmen spüren das Problem und sind zunehmend auf der Suche nach Lösungen und neuen Geschäftsmodellen im Energy-Sharing-Bereich, deshalb reden sie auf einmal mit uns“, sagt der Co-Founder. Davor sei die Beziehung eher einseitig gewesen. Zwei Pilotbetriebe hat sonnnig für das geförderte Projekt bereits akquiriert und zeigt sich offen für weitere Kooperationen.

Von First bis Seed: Der aws-Weg

Möglich wurde diese Entwicklung durch drei aufeinanderfolgende aws-Förderungen. Mit aws First Incubator, einem Programm für sehr junge Teams, teils noch vor der Firmengründung, kam das Startup zu ersten Beratungsleistungen und Mentoring. Mit aws Preseed – Innovative Solutions wurde zunächst die inhaltliche und wirtschaftliche Machbarkeit des Vorhabens überprüft und der Proof of Concept entwickelt. Darauf aufbauend unterstützt aws Seedfinancing – Innovative Solutions die Weiterentwicklung bis zum Markteintritt sowie die ersten Skalierungsschritte. In diesem Rahmen werden nun der Aufbau und der Launch des neuen B2B-Produkts finanziert.

Erwarteter Boom durch neues Elektrizitätswirtschaftsgesetz

Als besondere Meilensteine nennt Öfferlbauer Referenzprojekte mit bekannten Unternehmen wie Hartl Haus, der Nationalbank-Tochter IG Immobilien oder der Volkshilfe Wien sowie die wiederholte Verdopplung des Jahresumsatzes. Im ersten Halbjahr 2026 hat sich die geteilte Energiemenge, die über sonnnig abgewickelt wurde, laut eigenen Angaben gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Investor:innen hat das fünfköpfige Team bislang bewusst keine an Bord geholt, da laufende Umsätze und eine halbe Million Euro an lukrierten Entwicklungsförderungen das Team organisch tragen.

Rückenwind kommt bald auch auf politischer Ebene: Im Oktober tritt das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) in Kraft, das Energy Sharing über bilaterale Peer-to-Peer-Verträge statt über eine juristische dritte Instanz wie einen Verein oder eine GmbH erlaubt. Für sonnnig eine freudige Entwicklung: „Das baut natürlich extrem viele Hürden ab. Und deswegen erwarten wir auch einen ziemlichen Boom an neuen Mitgliedern und das nehmen auch Energieversorgungsunternehmen wahr.“


Disclaimer: Der Artikel entstand in Kooperation mit der Austria Wirtschaftsservice (aws).

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