07.07.2022

EY Startup Barometer: Neuer Finanzierungsrekord für Startups in Österreich

Die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY veröffentlichte ihr Startup Barometer für das erste Halbjahr 2022. Das Ergebnis: Der Gesamtwert der Investitionen in österreichische Startups steigt im ersten Halbjahr auf ein neues Rekord.
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Florian Haas | EY Head of Startup Austria | (c) Adobestock / EY

Aufgrund steigender Zinsen, der hohen Inflation und einer drohenden Rezession müssen sich Startups aktuell auf wirtschaftlich schwierige Zeiten einstellen. In den Zahlen für das erste Halbjahr 2022 lässt sich allerdings noch keine Eintrübung des Finanzierungsmarkts für österreichische Startups erkennen, wie EY in seinem jüngsten Startup-Barometer zeigt.

Neues Rekord bei Startup-Investitionen

Österreichische Startups erhielten im ersten Halbjahr 2022 mehr frisches Kapital als je zuvor. Mit insgesamt 881 Millionen Euro wurde das Volumen des Vorjahreszeitraums um 67 Prozent überschritten. Österreichs Startups sammelten sogar noch mehr Kapital ein als im bisherigen Rekordzeitraum, dem zweiten Halbjahr 2021.

Allerdings vereinigten die zwei großen Finanzierungsrunden von GoStudent mit 300 Millionen Euro sowie TTTech Auto mit 250 Millionen Euro 62 Prozent gesamten Investitionskapitals auf sich. Unter den Top-5-Investments des Jahres finden sich außerdem noch Waterdrop und PlanRadar mit je 60 Millionen Euro sowie der Logistik Spezialist byrd mit 53 Millionen Euro. Das starke erste Halbjahr trotz der globalen Krisenstimmung beruht laut EY vor allem auf einem starken Jahresbeginn mit großen Finanzierungsrunden im Jänner 2022.

„Diese Zahlen dürfen aber nicht zu dem Trugschluss führen, dass der Boom des Rekordjahres 2021 in Österreich ungebremst weitergeht. Viele Finanzierungsrunden wurden bereits 2021 oder in den noch starken ersten Monaten 2022 auf den Weg gebracht und jetzt abgeschlossen“, wie Florian Haas, Head of Startup bei EY Österreich, erläutert. Und der Experte fügt hinzu: „Gerade bei der Wachstumsfinanzierung, die in Österreich fast ausschließlich durch internationale Investorengruppen getätigt wird, wird sich die starke Zurückhaltung von Risikokapitalgeber:innen in den nächsten Monaten niederschlagen.“


Florian Haas ist diese Woche auch zu Gast im Editor’s Choice Podcast und analysiert die Ergebnisse des jüngsten EY Startup Barometer.


Die Anzahl der Runden ist gestiegen

Das EY Startup Barometer zeigt weiters: Die Anzahl der Finanzierungsrunden für österreichische Startups ist in den ersten sechs Monaten 2022 um rund 13 Prozent von 67 auf 76 gestiegen. Zudem ist auch das durchschnittliche Volumen der Deals, bei denen eine Summe veröffentlicht wurde, deutlich um 50 Prozent von rund neun Millionen Euro auf 13,5 Millionen Euro gestiegen. Im ersten Halbjahr 2020 wurden durchschnittlich pro Finanzierungsrunde nur 2,5 Millionen Euro investiert.

Der Trend zu größeren Finanzierungsrunden in Österreich hielt auch 2022 bislang an: Im ersten Halbjahr 2022 wurden fünf Abschlüsse mit einem Volumen von mehr als 50 Millionen Euro gezählt gegenüber drei Abschlüssen in der Vorjahresperiode. Auch in den Finanzierungsbereichen von 1,1 bis zehn Millionen Euro und 10,1 bis 50 Millionen Euro lag die Zahl der Abschlüsse im jüngsten Halbjahr jeweils etwas höher als im ersten Halbjahr 2021, so das EY-Startup Barometer.

Diese Branchen boomen

EY erhob zudem auch die Branchen, in denen die Investments getätigt wurden. Hier zeigt sich: Die meisten Finanzierungsrunden wurden im ersten Halbjahr 2022 im Softwarebereich abgeschlossen. Nachdem 2021 aufgrund der Corona-Pandemie der Gesundheitsbereich deutlich zulegte, rangieren wieder eindeutig Tech-Unternehmen ganz oben in der Gunst der Investorengruppen, so EY.

Gleich fünf Branchen konnten im bisherigen Jahresverlauf Gesamtfinanzierungssummen von mindestens 60 Millionen Euro anziehen. Hinter den Bereichen Mobility mit 315 Millionen Euro, wovon 250 Millionen Euro auf TTTech Auto entfallen und dem Bereich Education, der es mit nur einer 300 Millionen Euro starken Finanzierungsrunde für GoStudent auf Platz 2 brachte, sind dies die Sektoren Software & Analytics, Mobility, E-Commerce und PropTech.

Den größten absoluten Zuwachs gegenüber der Vorjahresperiode verzeichnete der Sektor Mobility (plus 309 Millionen Euro), gefolgt von den Sektoren PropTech und Software & Analytics (jeweils plus 57 Millionen Euro). Das stärkste Minus verzeichnete der Bereich FinTech: Hier wurde im ersten Halbjahr 2022 ein Gesamtfinanzierungsvolumen von 18 Millionen Euro realisiert gegenüber einem Volumen von 153 Millionen Euro im Vorjahreshalbjahr.

Wien als Startup-Hotspot

Das mit weitem Abstand meiste Kapital konnten erneut Wiener Startups einwerben: Mehr als vier von fünf hierzulande in Startups investierte Euros wurden im ersten Halbjahr 2022 in Wiener Jungunternehmen investiert – insgesamt 740 Millionen Euro. Sechs der zehn größten Abschlüsse betrafen im jüngsten Halbjahr Startups, die in Wien ansässig sind. Der Standort Steiermark belegt mit einem Marktanteil von rund neun Prozent Rang zwei vor Oberösterreich, das es auf einen Marktanteil von rund fünf Prozent bringt.

Tipp der Redaktion:

EY Startup Experte

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„Die große Stärke des Programms ist Neugier. Es geht darum, das Beste aus der ganzen Welt zusammenzutragen und dann zu nutzen“, sagt Aditi Subbarao, Enterprise Account Director beim US-AI-Data-Cloud-Anbieter Snowflake, im Gespräch mit brutkasten. Sie spricht über das Global FinTech-Scouts Program der Raiffeisen Bank International (RBI), für das sie seit dem Start vergangenes Jahr als Expertin fungiert. Ziel ist es, die wichtigsten Erkenntnisse im FinTech-Bereich von globalen Top-Expert:innen zusammenzutragen und für die gesamte RBI-Gruppe – und damit im ganzen CEE-Raum – nutzbar zu machen.

Im Mai holte die RBI ihre „Scouts“ wieder nach Wien. Brutkasten war vor Ort und bat fünf der Expert:innen, darunter auch Subbarao um ihre Einschätzung zu den aktuell wichtigsten FinTech-Trends.

1. KI-Agenten und die notwendige Datenstrategie

KI-Agenten seien aktuell wenig überraschend das dominierende Thema in den Führungsetagen der Finanzwelt, erklärt Aditi Subbarao. Dabei gehe es um die effiziente und sichere Umsetzung. Und diese sei an strenge technologische Voraussetzungen geknüpft: „Ohne eine solide Datenstrategie gibt es keine KI-Strategie. Unternehmen werden von KI-Agenten nicht profitieren, solange ihre zugrunde liegenden Daten nicht robust und KI-fähig sind“.

Zusätzlich zur Datenqualität sei die Sicherheit der Systeme entscheidend. Subbarao warnt vor unregulierten Modellen: „Selbst bei einer optimalen Datenbasis können ohne sichere, regulierte KI-Agenten mit angemessenen Leitplanken nicht die zuverlässigen und richtlinienkonformen Ergebnisse erzielt werden, die man für seine Kunden will“.

2. Web3 und Payments wachsen zusammen

Ein grundlegender Wandel vollzieht sich auch in der Infrastruktur digitaler Transaktionen, erklärt Vel Vasic, CEO des in Singapur ansässigen FinTech-Venture-Studios OTLRS. Er beobachtet eine zunehmende Verschmelzung etablierter Systeme: „Wir erleben derzeit, wie der traditionelle Zahlungsverkehr und Web3, die früher völlig getrennte Welten waren, konvergieren“.

Die Integration gehe dabei in beide Richtungen. „Zahlreiche Anbieter digitaler Vermögenswerte betrachten den Zahlungsverkehr mittlerweile als zentralen Bestandteil der Customer Journey“, führt Vasic aus. Er prognostiziert für die Branche eine weitreichende Veränderung: „In den kommenden zehn Jahren wird sich dies in Kombination mit künstlicher Intelligenz zu einem nahtlosen Omnichannel-Erlebnis für digitale Zahlungen entwickeln“.

3. Identitätsprüfung im Zeitalter von KI-Betrug

Die schnelle Verbreitung von künstlicher Intelligenz bringt auch neue Herausforderungen im Bereich der Cybersicherheit mit sich. Für Scarlett Sieber, Chief Strategy and Growth Officer beim New Yorker FinTech-Konferenzveranstalter Money20/20, rücken defensive Strategien in den Fokus. „Mein Hauptinteresse gilt der Rolle von Betrug und Identitätsprüfung im Kontext von künstlicher Intelligenz“, erklärt Sieber.

Sie sieht dabei einen direkten Zusammenhang zwischen technologischer Entwicklung und Cyber-Kriminalität: „Mit dem Aufstieg der KI verzeichnen wir einen deutlichen Anstieg von Betrugsfällen. Infolgedessen spielt die eindeutige Identitätsfeststellung eine wichtigere Rolle als jemals zuvor“.

4. Hyperpersonalisierung durch „Context Pulling“

Im Bereich der Kundenbindung verändert sich die Art und Weise, wie Finanzprodukte angeboten werden, erklärt Ken Thomas, Principal beim Londoner VC BackFuture. Er identifiziert einen Wandel in der Kundenansprache: „Der übergreifende Trend, den ich derzeit beobachte, ist die Hyperpersonalisierung und deren Wechselwirkung mit Banking“.

Die Strategie wandelt sich von traditionellen Marketingmethoden hin zu einer situativen Ansprache: „Wir nennen das ‚Context Pulling‘ anstelle von ‚Product Push‘. Anstatt eine statische Menge an Rewards anzubieten, geht es nun vielmehr darum, den Kunden die richtigen Rewards zur exakt richtigen Zeit zukommen zu lassen, um so die Interaktion und das Engagement zu steigern“.

5. Besserer Zugang zum US-Dollar

Nnanna Ijezie, Product Manager bei Booking.com in Amsterdam, sieht eine starke Nachfrage im Fremdwährungsbereich: „Wir beobachten weltweit einen wachsenden Zugang zum US-Dollar“.
Dieser Trend wird maßgeblich von neuen Marktteilnehmern getrieben. „Startups, FinTechs und Banken arbeiten daran, immer mehr Menschen einen einfacheren, schnelleren und kostengünstigeren Zugang zu dieser Währung zu ermöglichen“, so Ijezie.

Dabei kommen auch neue Technologien zum Einsatz: „Eine der populärsten Methoden, über die derzeit alle sprechen, sind Stablecoins, doch das zugrunde liegende Bedürfnis bleibt, der breiten Masse einen effizienteren Zugang zum US-Dollar zu verschaffen“.

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