05.07.2021

Der Konservative, die Revolution und das Klima

Im Kampf gegen den Klimawandel braucht es authentische Vorbilder, die Akzeptanz genießen, so Mic Hirschbrich in seiner aktuellen Kolumne.
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Das "Feuerauge" im Golf von Mexiko nach einem am Wochenende aufgetretenen Gasleck in einer Pipeline | (c) Twitter-Screenshot

Dieses Wochenende gab es einen bemerkenswerten Zufall. Just in den Tagen, als Film-Star Arnold Schwarzenegger mit seinem „Austrian World Summit“ die Aufmerksamkeit auf das Klima-Thema lenkt, explodiert eine Unter-Wasser-Pipeline im Golf von Mexiko. „Eye of Fire“ nennen das US-Journalisten, „the ocean is on fire“ der NGO-Akivist Brian Kahn.

Der Konservative Schwarzenegger besetzt das Thema so konsequent wie der Demokrat Al Gore und nutzt seine Marke geschickt, um den Blick der Mächtigen und der Bevölkerung auf die wahrscheinlich größte Herausforderung der Menschheit zu lenken: Die Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Zivilisation. Die Dauer-Apelle des ehemaligen Gouverneurs und die uns regelmäßig schimpfende Greta Thunberg erinnern uns daran, dass wir Handlungen setzen müssen, zu denen viele von uns (ehrlicherweise) noch nicht wirklich bereit sind.

Precht sieht vor allem Konservative im Widerstand

In der jüngsten „Sternstunde Philosophie“ lieferte Richard David Precht eine Begründung dafür. In der post-revolutionären Phase von Klimawandel und Digitalisierung werde die bürgerliche DNA einer sehr großen Veränderung unterzogen. Und Konservative würden laut Precht deshalb heute noch so starken Widerstand gegen die Klima-Politik leisten, weil sie damit überfordert seien, die Gesellschaftsform „nach“ der Revolution vorhersehen zu können. Heimat- und Naturschutz seien eigentlich klassisch konservative Werte. Der gesellschaftliche Umbruch scheint nicht das Leibthema konservativer Planer. Aber es könnte auch einen anderen Grund haben.

Kaum jemand kann sich der Ökonomisierung unseres Lebens entziehen. Vielleicht kauft man GEA statt Prada, aber man „kauft“ und definiert sich darüber.

Mic Hirschbrich

Es fehlen eine post-revolutionäre Vision und authentische Vorbilder

Konservative per se so zu hinzustellen, als seien sie nicht anpassungsfähig und geradezu unwillig, von einmal erworbenen Rechten Abstand zu nehmen, wird diesen nicht gerecht. Auch wenn die Lautesten in den sozialen Medien diesen Eindruck schon mal erwecken. In vielen Unternehmen beweisen sie im harten Wettbewerb und unter enormen Anpassungsdruck oft das Gegenteil.

In unserer Leistungsgesellschaft erwerben wir nun mal vor allem Ansehen für das Erreichen ökonomischer Ziele. Und das hat auch Vorteile für die Allgemeinheit. Denn mit dieser Dynamik finanzieren wir einen der mächtigsten Sozialstaaten der Erde und sozialen Frieden. Die Stabilität unserer Welt ist vor allem auch eine ökonomische und Klimaschutz etwas, das wir uns leisten können müssen, wollen wir unsere (soziale) Stabilität nicht gefährden. Das wird von manchen Aktivist:innen gerne vergessen.

„Die Geissens“ dieser Welt haben Dallas und Dynasty zwar abgelöst, aber das Protzen und vor allem das Verschwenden mit (Ressourcen-schweren) Statussymbolen ist in wie eh und je.

Mic Hirschbrich

Kaum jemand kann sich der Ökonomisierung entziehen

Die verlorene, oder besser gesagt, die „investierte“ Lebenszeit in ökonomischen Erfolg, wird im besten Fall materiell belohnt und häufig gegen Güter und wertvolle Ressourcen getauscht. Diese materielle Lebenszeit-Kompensation findet in allen Gesellschaftsteilen ähnlich statt, nur die Niveaus sind unterschiedlich. Kaum jemand kann sich der Ökonomisierung unseres Lebens entziehen. Vielleicht kauft man GEA statt Prada, aber man „kauft“ und definiert sich darüber. Wir sind Konsumenten im Alltag, Konsumenten auch für unseren Status und -leider- Konsumenten in unserem politischen Anspruch geworden, weshalb wir auch den Klimawandel gerne an eine vermeintliche „Vollkasko-Regulierungs-Politik“ delegieren möchten, anstatt selbst dafür Verantwortung zu übernehmen.

Früher, als wir Kirche und Staat noch fürchteten, hatten wir ein echtes Pflichtgefühl, wie Precht es analysiert. Heute sind wir vor allem dem ökonomischen Erfolg verpflichtet und dieser verlangt sehr viel von uns. Dennoch wollen wir nicht die alten Zeiten zurück.

Die Marktwirtschaft funktioniert mit nachhaltigen und hochwertigen Produkten grundsätzlich gleich gut, wie mit Wegwerfprodukten.

Mic Hirschbrich

Innovation, persönliche Verantwortung und die Rolle des Staates.

Die Summer aus technischer Innovation gegen den Klimawandel und unser aller Anpassungsfähigkeit im täglichen Konsum, werden künftig auf einer Seite stehen und ihre Wirkung addieren. Auf der anderen Seite wird ein Staat stehen, der abhängig vom Erfolg der anderen beiden, unsere Freiheit beschneiden und unseren Konsum regulieren wird. Anders gesagt, scheint künftig die Formel zu gelten: Je innovativer und eigenverantwortlicher wir dem Klimawandel begegnen, desto mehr Freiheit werden wir uns bewahren können und desto eher werden wir einen Staat verhindern, der uns reglementieren und kontrollieren will. Ob das schon alle verstanden haben?

Neue Werte und Vorbilder, die Akzeptanz genießen!

Wir scheinen in Teilen noch im Hamsterrad mit den immer selben Werten fest zu stecken. „Die Geissens“ dieser Welt haben Dallas und Dynasty zwar abgelöst, aber das Protzen und vor allem das Verschwenden mit (Ressourcen-schweren) Statussymbolen ist in wie eh und je. Die zahllosen (vermeintlichen) Insta- und TikTok-Millionäre geben ihr Vermögen für immer mehr schwere PS-Boliden aus und dominieren mit dieser Haltung die sozialen Medien, zahllose Musikvideos zeugen ebenfalls davon. Nur weshalb setzen wir ökonomischen Erfolg immer noch mit Verschwendung gleich, wenn das eigentlich unsere Zukunft ruiniert? Weil solche Werte zu verändern, die wahre Mamut-Aufgabe in diesem Wandel darstellt?

Diese Form von Konsum hat auch nicht zwingend etwas mit der freien Marktwirtschaft zu tun. Ja, es hat nicht mal etwas mit dem ewig verteufelten Wirtschaftswachstum zu tun. Denn dem Markt und seinem Wachstum ist es egal, ob wir Ramsch in Plastik, Verbrennungsmotoren und jeden Tag Rindfleisch kaufen oder das Geld in die fürs Klima unschädliche Produkte stecken. Das sind die „good News“: Die Marktwirtschaft funktioniert mit nachhaltigen und hochwertigen Produkten grundsätzlich gleich gut, wie mit Wegwerfprodukten. Zugegeben hatten und haben wir da und dort ein „Bepreisungsproblem“ und viele Kosten (für endliche Ressourcen) wurden nie in Produkt-Preise eingerechnet. Aber das lässt sich korrigieren.

Und dann gibt es sie ja: Die Menschen, die abseits von Online-Trends und Bepreisung eigenverantwortlich und stolz die Veränderung ihres Konsums online dokumentieren.

Verzicht

Es sind nicht so viele, aber es werden immer mehr von ihnen. Sie verzichten auf ihr Auto oder Zweitauto, reduzieren ihren Fleisch-Konsum, wechseln ihre Heizquelle, minimieren ihre Flüge oder vermeiden rigoros Plastik. Die Menschen, die mit immer neuen Ideen unsere Aufmerksamkeit auf Klimafragen lenken und ganze Unternehmen dazu bringen, nachhaltiger zu handeln (Stichwort „ESG“).

Es braucht mehr von ihnen und vor allem neue Vorbilder, um die Identifikationsfähigkeit mit den neuen Werten und Zielen für alle zu erhöhen. Ich persönlich halte Greta für mutig und sehe ihre Rolle als ein wichtiges Puzzle-Teil im Kampf um Aufmerksamkeit für dieses Thema. Aber viele Menschen werden andere Vorbilder brauchen, die ihnen den Weg in ein nachhaltigeres Wertesystem weisen. Solche, die sie einfacher annehmen können. Vielleicht können sich ja ein paar dieser beliebten Casting-Shows darum kümmern.


Zum Autor

Mic Hirschbrich ist CEO des KI-Unternehmens Apollo.AI, beriet führende Politiker in digitalen Fragen und leitete den digitalen Think-Tank von Sebastian Kurz. Seine beruflichen Aufenthalte in Südostasien, Indien und den USA haben ihn nachhaltig geprägt und dazu gebracht, die eigene Sichtweise stets erweitern zu wollen. Im Jahr 2018 veröffentlichte Hirschbrich das Buch „Schöne Neue Welt 4.0 – Chancen und Risiken der Vierten Industriellen Revolution“, in dem er sich unter anderem mit den gesellschaftspolitischen Implikationen durch künstliche Intelligenz auseinandersetzt.

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Das sonnnig-Gründerteam: Roman Öfferlbauer, Jonathan Buchinger und Lukas Hückel © sonnnig

Dort, wo Technik und Unternehmertum zusammenkommen, kann Großes entstehen. So auch an der TU Wien im „Extended Study on Innovation“-Programm, wo sich das Gründer-Trio, bestehend aus Roman Öfferlbauer, Lukas Hückel und Jonathan Buchinger, zum ersten Mal begegnete. Parallel dazu gründete Öfferlbauer 2023 in seinem Heimatort in Niederösterreich eine Energiegemeinschaft, zu einem Zeitpunkt, an dem das Thema noch jung und „technisch schwierig abzuwickeln“ war, so Öfferlbauer.

Aus improvisierten Tools und selbst geschriebenen Mini-Scripts für den Eigenbedarf wurde ein Jahr später sonnnig. Eine White-Label-Lösung für Abrechnung, Mitgliedermanagement und Datenanalyse von mittlerweile 30 Energiegemeinschaften in ganz Österreich.

Wenn Strom aus der Nachbarschaft kommt

„Unser Blick war eigentlich immer auf Endverbraucher und Verbraucherinnen fokussiert. Also Privatpersonen, Unternehmen, Gemeinden“, erklärt Öfferlbauer im Interview. Eine Mission, die über die letzten zwei Jahre tausende Haushalte in ganz Österreich erreicht hat. Mittlerweile kann man über sonnnig den generierten Strom auch als Mitarbeiter:innen-Benefit oder Spende abgeben. „Im letzten halben Jahr hat sich da aber auch ziemlich viel auf der anderen Seite, also bei den Energieversorgungsunternehmen, getan“, verrät der Co-Founder.

Energieversorgungsunternehmen stünden zunehmend vor einem Einkaufs- und Prognoseproblem. In der Regel verbraucht die Kundschaft ihren Strom nach einem Standardprofil, mit dem der jeweilige Versorger seine Stromeinkäufe prognostiziert. Sind die Abnehmer:innen aber Teil einer Energiegemeinschaft, verschiebt sich dieses Profil radikal: Ein großer Teil des Energiebedarfs wird jetzt von der Energiegemeinschaft gedeckt und nur noch die Restmengen werden durch den Energieversorger geliefert. „Der Energieversorger hat die Energiemenge aber schon im Vorhinein eingekauft“ – und müsse sie kurzfristig wieder verkaufen, erklärt Öfferlbauer. Ein teures Ausgleichsenergie-Problem, das mit wachsendem Energy-Sharing-Anteil immer größer wird.

Sonnnig als potenzieller Partner für Energieversorger

Genau hier setzt das neue Produkt an, für das sonnnig gerade die dritte Förderung der Austria Wirtschaftsservice (aws) erhalten hat: eine White-Label-Lösung zum Energy Sharing, die Energieversorger direkt in ihr eigenes Kund:innenportal einbinden können. Im Hintergrund liefert sonnnig die Restlastprognose auf 15-Minuten-Basis, damit Versorger gezielter am Großhandel einkaufen können.

Möglich macht das die Prognosefähigkeit, die sonnnig über Jahre mit echten Energiegemeinschaften aufgebaut hat. Ziel ist es, Versorgern einen besseren Einblick in ihre Stromverläufe zu geben und ihnen zu helfen, selbst ein Geschäftsmodell rund um Energy Sharing aufzubauen, auch als Beitrag zur Kund:innenbindung, erklärt Öfferlbauer. Am Markt kommt das gut an: „Energieversorgungsunternehmen spüren das Problem und sind zunehmend auf der Suche nach Lösungen und neuen Geschäftsmodellen im Energy-Sharing-Bereich, deshalb reden sie auf einmal mit uns“, sagt der Co-Founder. Davor sei die Beziehung eher einseitig gewesen. Zwei Pilotbetriebe hat sonnnig für das geförderte Projekt bereits akquiriert und zeigt sich offen für weitere Kooperationen.

Von First bis Seed: Der aws-Weg

Möglich wurde diese Entwicklung durch drei aufeinanderfolgende aws-Förderungen. Mit aws First Incubator, einem Programm für sehr junge Teams, teils noch vor der Firmengründung, kam das Startup zu ersten Beratungsleistungen und Mentoring. Mit aws Preseed – Innovative Solutions wurde zunächst die inhaltliche und wirtschaftliche Machbarkeit des Vorhabens überprüft und der Proof of Concept entwickelt. Darauf aufbauend unterstützt aws Seedfinancing – Innovative Solutions die Weiterentwicklung bis zum Markteintritt sowie die ersten Skalierungsschritte. In diesem Rahmen werden nun der Aufbau und der Launch des neuen B2B-Produkts finanziert.

Erwarteter Boom durch neues Elektrizitätswirtschaftsgesetz

Als besondere Meilensteine nennt Öfferlbauer Referenzprojekte mit bekannten Unternehmen wie Hartl Haus, der Nationalbank-Tochter IG Immobilien oder der Volkshilfe Wien sowie die wiederholte Verdopplung des Jahresumsatzes. Im ersten Halbjahr 2026 hat sich die geteilte Energiemenge, die über sonnnig abgewickelt wurde, laut eigenen Angaben gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Investor:innen hat das fünfköpfige Team bislang bewusst keine an Bord geholt, da laufende Umsätze und eine halbe Million Euro an lukrierten Entwicklungsförderungen das Team organisch tragen.

Rückenwind kommt bald auch auf politischer Ebene: Im Oktober tritt das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) in Kraft, das Energy Sharing über bilaterale Peer-to-Peer-Verträge statt über eine juristische dritte Instanz wie einen Verein oder eine GmbH erlaubt. Für sonnnig eine freudige Entwicklung: „Das baut natürlich extrem viele Hürden ab. Und deswegen erwarten wir auch einen ziemlichen Boom an neuen Mitgliedern und das nehmen auch Energieversorgungsunternehmen wahr.“


Disclaimer: Der Artikel entstand in Kooperation mit der Austria Wirtschaftsservice (aws).

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