09.06.2021

Maresi Austria: „Wir freuen uns jederzeit über neue Markenpartner“

Maresi Austria-Geschäftsführer Andreas Nentwich sprach im brutkasten-Talk über die Zusammenarbeit mit Startups sowie internationalen Konzernen und die Leidenschaft des Unternehmens für innovative Brands.
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Andreas Nentwich Maresi
Andreas Nentwich, Geschäftsführer Maresi Austria im brutkasten-Talk

Eine der größten Hürden für Startups ist es, mit dem eigenen Produkt am Markt Fuß zu fassen. Insbesondere dann, wenn man vielleicht gar nicht vor Ort ist und die Bedürfnisse der Konsumentinnen und Konsumenten nicht im Detail kennt. Fragen angefangen von „was ist der beste Vertriebskanal“ über „wie komme ich an die richtigen Kontakte“ bis hin zu „wie überzeuge ich beim entscheidenden Pitch“, sind dann nur einige wenige, die sich stellen. Welche Möglichkeiten es gibt, den Vertrieb anzukurbeln und welche Rolle Distributionspartner dabei spielen können, das war Thema im brutkasten-Talk mit Andreas Nentwich, dem Geschäftsführer von Maresi Austria. Das Unternehmen, das den meisten Menschen hauptsächlich durch die Maresi Kaffeemilch bekannt ist, hat nämlich eine Vielzahl von Dienstleistungen zu bieten, um die Hürden beim Markteintritt zu minimieren. Das im Jahr 1949 gegründete Unternehmen ist eine Tochter der Vivatis Holding und hat sich über die Jahre zu einer vielseitigen Markenschmiede und einem verlässlichen Partner des österreichischen Handels entwickelt.

Andreas, kannst du zu Beginn einmal kurz schildern, wer Maresi Austria ist und was das Unternehmen genau macht?

Die Maresi Austria GmbH ist einer der führenden österreichischen Markenartikel-Anbieter mit heimischen Wurzeln und internationaler Ausrichtung. Wir managen ein vielfältiges Marken-Portfolio bestehend aus eigenen Marken wie die Maresi Alpenmilch, Knabber Nossi, Inzersdorfer und Partnermarken wie Ovomaltine, Lays Snacks, Santa Maria Tex Mex oder Isostar. Viele unserer Marken sind sogenannte Category Champions – also Marktführer in ihrer Warengruppe – und zeichnen sich durch hohe Qualität und Innovation aus. Neben Österreich decken wir mit eigenen Länderorganisationen Ungarn, Tschechien, Slowakei und Rumänien ab, so erreichen wir insgesamt mehr als 50 Mio. Konsument*innen. Wir sind ein zertifizierter Foodbroker und beliefern den Lebensmittel- und Drogeriehandel.

Euer Fokus liegt also neben den eigenen Marken auch auf der Unterstützung von Partnermarken, denen ihr eure Vertriebs- und Marketing-Expertise zur Verfügung stellt. Seit kurzem arbeitet ihr mit Cycle auch mit einem Startup zusammen, das sich auf die Herstellung von nachhaltigen Reinigungsmitteln aus Abwasser spezialisiert hat. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

Es gehört zu unseren Aufgaben, neue Marken für den Vertrieb bei Maresi zu gewinnen. Dementsprechend aufmerksam beobachten wir innovative Konzepte. Der Kontakt mit potenziellen Markenpartnern erfolgt entweder direkt oder durch Vermittlung in unserem Netzwerk. Sehr viele Unternehmen wenden sich auch direkt an uns, um uns ihre Marke anzubieten. Bei Cycle kam die Vermittlung aus unserem Partner-Netzwerk. Ich war persönlich von der Geschichte des Produktes ebenso fasziniert wie vom geschäftsführenden Markeninhaber selbst, ein typischer Entrepreneur.

Entrepreneure ticken ja bekanntlich anders als zum Beispiel internationale Konzerne. Was ist diesbezüglich der größte Unterschied für Maresi in der Zusammenarbeit?

Wir behandeln jede Marke, egal ob Startup oder internationaler Konzern, wie unsere eigene, begegnen unseren Markenpartnern immer auf Augenhöhe. Wir gestalten einen Business Case und arbeiten mit Leidenschaft an dessen Umsetzung. Bei etablierten Marken geht es sehr oft darum, ein bestehendes Konzept für den heimischen Markt zu „customizen“. Wir wollen sicher gehen, dass wir unsere heimischen Konsumenten mit einer internationalen Marke bestmöglich ansprechen. Bei Startups mit tollen, innovativen Ideen geht es oft darum, sicherzustellen, dass die Spielregeln der Branche verstanden und eingehalten werden. Neben der Vermarktung
selbst ist hier Coaching eine wichtige Aufgabe.

Beratungsresistenz wird vom Handel als einer der größten Scheiterungsgründe von Startups angeführt. Ortest du diese in deinen Gesprächen?

Nein, das kann ich nicht bestätigen. Im Gegenteil. Gerade bei Yogi Tea und Cycle wurden wir schon in der Anfangsphase eingeladen bei Prozessen mitzuentscheiden – das bin ich bei globalen Playern gar nicht gewohnt. Da ging es zum Beispiel auch um Packungsgestaltung oder Promotionevaluierung. Hier nimmt man dankbar unsere Expertise an und wir haben als Distributeur – und das ist vielleicht etwas überraschend – auch ein sehr großes Marketingteam und die eigenen Marken und die Partnermarken sind getrennt voneinander, um sicherzustellen, dass die Partnermarken auch wirklich die Aufmerksamkeit bekommen, die sie brauchen.

Ich möchte noch einmal auf Cycle zu sprechen kommen. Was ist denn – abgesehen vom Gründer – für dich das besondere an dieser Marke?

Wir bieten der Fangemeinde der umweltbewussten Konsumenten eine neue Dimension. Bei Cycle ist die Einzigartigkeit des Konzepts schnell erklärt. Man muss verstehen, dass die Hauptzutat bei allen flüssigen Reinigern Wasser ist. Bisher verarbeiten alle Hersteller, egal ob Bio oder nicht, Quellwasser. Cycle ist die erste Marke, die mit innovativen Technologien Nutzwasser aufbereitet und in Kombination mit biologischen Stoffen wie Bio-Essig zu wirksamen Reinigern verarbeitet. Damit wird vereinfacht gesagt Trinkwasser gespart. Die Marke impliziert einen lupenreinen Recyclingprozess. Das ist die stärkste Ansage, die es aktuell in der Kategorie gibt.

Cycle ist im Vergleich zu anderen Reinigern etwas hochpreisiger. In Krisenzeiten sind die Menschen prinzipiell sparsamer – könnte das zu einem Problem für Cycle werden?

Das glaube ich nicht, denn die umweltbewussten Konsumentinnen sind bereit einen aktiven Beitrag zu leisten. Sie investieren dort, wo sie überzeugende Lösungen vorfinden. Die Sparsamkeit besteht zunehmend im Verzicht auf alte, traditionelle und umweltbelastende Produkte.

Mit Cycle öffnet ihr euer Portfolio in Österreich für Non Food Brands. Bisher habt ihr euch ja stark auf den Vertrieb von Food-Produkten konzentriert. Wieso dieser Strategiewandel?

Wir betreuen als Foodbroker mit unseren Tochtergesellschaften in Osteuropa bereits prominente Non-Food-Marken wie Dr. Beckmann, Duracell und Salvequick. Die Aufnahme von Cycle in Österreich ist für Maresi ein logischer und konsequenter Schritt. Wir decken mit dem Drogeriehandel und den Verbrauchermärkten auch jene Einkaufsstätten ab, in denen die Kategorie Reiniger hauptsächlich angeboten wird.

Wie groß ist euer Portfolio derzeit? Also wie viele Marken betreut ihr und wo soll die Reise in Bezug auf die Anzahl noch hingehen?

Aktuell betreuen wir allein in Österreich 20 Marken, in Osteuropa insgesamt 50 Marken. Das Wichtigste dabei – wie schon vorhin gesagt: Wir betreuen jede Marke, als wäre sie unsere eigene. Wir haben große Businessteams, deren Kapazität wir an die aktuellen Betreuungserfordernisse anpassen. Solange wir die optimale Betreuung garantieren können und unsere Markenpartner mit uns zufrieden sind, gibt es kein Limit.

Falls jetzt jemand aus der Community darüber nachdenkt, den Vertrieb in die Hände von Maresi zu legen, was muss die Marke mitbringen? Muss sie sich in einem bestimmten Stadium befinden und gewisses Umsatzpotenzial mitbringen?

Am Allerwichtigsten ist ein überzeugendes Konzept und eine ausreichend große Nachfrage. In einem ersten Schritt evaluieren wir den aktuellen Markt bzw. das Marktpotential. Bei der Evaluierung führen wir im Vorfeld auch Gespräche mit unseren wichtigsten Kunden aus dem Handel. Sie sind die erste Prüfung für eine Marke. Eine Übernahme ist in jedem Stadium möglich. Wir übernehmen ein bestehendes Geschäft ebenso wie einen kompletten Neustarter. Es kommt auch öfters vor, dass wir eine Marke gemeinsam mit dem Markenpartner betreuen, indem wir uns die Kunden oder Aufgaben so aufteilen, dass daraus eine optimale Marktbearbeitung entsteht.

Wenn ihr den Vertrieb für Marken übernehmt, dann entstehen natürlich auch Kosten. Kannst du einen Einblick geben, was diesbezüglich auf eure Kooperationspartner zukommt?

Das lässt sich nicht generell beantworten. Wir erarbeiten stets ein maßgeschneidertes Betreuungskonzept für unseren Markenpartner. Generell gilt für unsere Markenpartner, dass wir mehr bringen, als wir kosten bzw. aufgrund von Synergien in der Regel weniger kosten als eine eigene Organisation in vergleichbarer Qualität.

Warum sollte man dieses Geld deiner Ansicht nach auf jeden Fall in die Hand nehmen? Welche Hürden sind vielleicht im Zuge einer Partnerschaft leichter zu meistern?

Das beginnt bei unserem Netzwerk – wir kennen aufgrund unseres Markenportfolios nahezu alle Einkäufer im Handel persönlich und können damit von Anfang an eine qualifizierte Kundenansprache garantieren. Wir haben mit allen Lebensmittel- und Drogeriehändlern eine bestehende, intensive Geschäftsbeziehung und kennen damit bestens Abläufe und Strukturen. Mit der Bündelung erhalten unsere Markenpartner bessere Preise – z.B. in der Logistik – und mehr Betreuungskapazität – z.B. im Außendienst. Zusammengefasst genießen unsere Markenpartner die Vorteile eines eingespielten Teams zu vergleichbar günstigeren Konditionen.

Du kennst ja beide Seiten, denn du warst sowohl bei großen Markenartiklern wie Nestlé oder Mars tätig, hast aber auch im Handel als Geschäftsführer der Markant Österreich gearbeitet. Was sind generell die größten Challenges, wenn es um eine Listung im Handel geht?

Der Handel erwartet ein überzeugendes Konzept, sowohl was das Produkt selbst betrifft als auch die Aktivierung der Marke zur Unterstützung des Hinausverkaufs an die Konsumenten. Das richtige Preis-Leistungsverhältnis mit zufriedenstellender Handelsspanne ist eine notwendige und verständliche Rahmenbedingung aber allein noch keine Begründung für eine Listung.

Viele Start-ups haben das Ziel, ihre Produkte zu exportieren. Maresi ist, wie du vorhin gesagt hast, auch im Ausland aktiv. Was muss man bedenken, wenn man einen Markteintritt im Ausland anstrebt?

Wir haben in jedem Land eine eigenständige lokal verankerte Mannschaft. Und das aus gutem Grund. Man muss in jedem Land die Bedürfnisse von Kunden und Konsumenten verstehen und auch mit den rechtlichen Anforderungen vertraut sein. In den seltensten Fällen kann man ein einheitliches Konzept über alle Länder stülpen.

Lass uns noch kurz über das vergangene und auch das heurige Jahr sprechen – eine Ausnahmezeit für nahezu alle Unternehmen in allen Branchen. Wie ist denn Maresi bisher durch die Krise gekommen und was hat euch als Unternehmen dabei am meisten gefordert?

Mit der Schließung der Gastronomie, eingeschränkter Bewegungsfreiheit, Home Office und Distance Learning hat sich der Lebensmittelpunkt auf die eigenen vier Wände konzentriert. Die Mahlzeiten wurden zu Hause zubereitet und verzehrt. Als Anbieter von Lebensmitteln haben wir von dieser Situation sehr profitiert und 2020 ein zweistelliges Umsatzwachstum erzielt. Mit Marken wie Inzersdorfer, Santa Maria und Shan’shi bieten wir drei führende Marken im Bereich Kochen und Genießen, perfekt für jede Situation.

Und wart ihr in Zeiten steigender Nachfrage immer lieferfähig?

Ja, und in diesem Zusammenhang möchte ich mich sehr bei unseren heimischen Produktionspartnern bedanken, die mit Extraschichten und Herzblut dafür gesorgt haben, dass wir nahezu immer liefern konnten. Wir waren sowohl mit unseren Lieferanten als auch unseren Handelskunden im täglichen Austausch, um die Warenverfügbarkeit auch in dieser Ausnahmesituation sicherzustellen.

Wie geht’s Maresi aktuell bzw. was habt ihr euch für 2021 noch vorgenommen?

Wir konnten das COVID-Momentum sehr gut nutzen, um daraus nachhaltiges Geschäft zu generieren. Wir haben im letzten Jahr viele neue Konsumentinnen gewonnen und zu Fans unserer Marken gemacht. Die bevorstehenden Sport-Events werden unsere Snack-Umsätze befeuern und mit den Lockerungsmaßnahmen werden auch unsere Impulsmarken, allen voran Knabber Nossi, wieder Fahrt aufnehmen. Damit erwarten wir auch heuer ein Wachstum aus dem bestehenden Geschäft. Und natürlich freuen wir uns jederzeit über neue Markenpartner.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

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(v.l.) Carina Zehetmaier, Raoul Maier, Alexander Brix, Clemens Wasner | © AustrianStartups

Eine Künstliche Intelligenz würde vielleicht schreiben: „Als Carina das Wort ergriff, wurde der Saal plötzlich still. Ein Windhauch durchbrach das betretene Schweigen und das, was Carina sagen sollte, würde den gesamten Abend prägen und alles verändern. Damit hatte niemand gerechnet und Schockwellen gingen durchs ganze Land.“

KI: Wie stehts denn mit dem Vertrauen?

Derart extrem war es nicht, als Carina Zehetmaier, Co-Founderin und CEO von paiper.one, Raoul Maier, Founding Partner bei Eudemian Ventures und Alexander Brix, CCO bei fonio im Rahmen des AustrianStartups Summit zusammentrafen, um mit Moderator Clemens Wasner (Founder und CEO EnliteAI) die Risiken von KI zu diskutieren. Doch die Aussage der Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Künstliche Intelligenz bei Austrian Standards hinterließ Eindruck. Und zeigte am Ende vielleicht genau das, worum es beim KI-Risiko wirklich geht: um den Vertrauens- und Skalierungsgedanken. Doch dazu später.

KI kann halluzinieren, KI kann sich, vor dem menschlichen Gehör versteckt, mit anderer KI austauschen. KI kann Server hacken, Daten lesen und Datenschutz ignorieren. Sie umgeht Grenzen, um Aufgaben zu erledigen und bleibt dabei intransparent. Vor allem aber kann sie automatisieren, Effizienz steigern und dort beschleunigen, wo es gewünscht wird. All das mit Gefahren verbunden, wenn man sich dieser nicht bewusst ist.

Risiko für Investor:innen verändert

Die Risiken Künstlicher Intelligenz werden hierzulande und weltweit auf mehreren Ebenen diskutiert. Etwa aus Fondsperspektive, wie Maier erklärte: Laut dem Experten habe KI das Risikoprofil für Investor:innen grundlegend verändert. Für das einzelne Unternehmen sei das Risiko gestiegen, für das gesamte Portfolio dagegen gleich hoch geblieben oder sogar niedriger geworden. Der Grund liege im sogenannten Power Law: In der Startup-Finanzierung entscheiden meist wenige Volltreffer über den Erfolg eines Portfolios, und weil KI die Entwicklung günstiger und schneller macht, könnte es künftig mehr solcher Treffer geben, so seine Prognose.

Zudem sinke Maier zufolge das Produkt- und Technologierisiko, das Teamrisiko bleibe in etwa gleich. Höher seien dagegen das Wettbewerbsrisiko, da Konkurrenten sehr schnell auftauchen könnten, das Umsetzungsrisiko, weil Startups bei schwacher Exekution rasch überholt würden, und auch das regulatorische Risiko.

Hinzu komme das Bewertungsrisiko, besonders in den USA. Bei den hohen Bewertungen werde es zum Problem, wenn der erwartete Exit-Wert ausbleibt: „Wir als Investoren müssen darauf vorbereitet sein, diese Risiken zu verstehen und sie auf sinnvolle Weise zu mindern“, sagte Maier. „Ich denke, es wird große Unterschiede geben, weil, wenn man sieht, dass ein Konkurrent sehr schnell auftaucht und sehr schnell an Fahrt gewinnt, wird es weniger darum gehen, zu versuchen ‚Zombies‘ zu pflegen, sondern sich wirklich auf seine Gewinner zu konzentrieren und auch die Diversifizierung des Portfolios tief bei den Gewinnern auszuspielen.“

Er sieht beim VC-Portfolio einen künftigen Trend hin zu einer „Gewinner-nimmt-das-Meiste“-Mentalität: „Was wir gesehen haben, ist, dass derzeit die Top 1 Prozent der Startups in den USA etwa 50 Prozent des Exit-Wertes einfangen. Das kann man mit der Ära von 2010 bis 2020 vergleichen, wo sie etwa 30 bis 35 Prozent des Exit-Wertes einfingen, davor — in der Ära von 2000 bis 2010 — waren es weniger als 20 Prozent. Wir haben also eine viel höhere Konzentration der Gewinner. Es geht nun viel mehr darum, diese Gewinner zu finden“, sagte Maier.

„Vertrauen, Fairness und Compliance von Anfang an“

Zehetmaier rückte danach die Risiken beim Bauen von KI-Produkten selbst in den Fokus. Wer ein Produkt in einer Hochrisiko-Sphäre entwickle, solle sich früh fragen, ob und wie man es in der Gesellschaft haben wolle, und es resilient, cybersicher und sicher aufsetzen. Austrian Standards arbeite derzeit an den risikobezogenen Standards zum EU AI Act, die klären sollen, womit Unternehmen konform sein müssen und welche Schritte nötig sind. Langfristig könne das für Gründerinnen und Gründer ein Vorteil sein, auch wenn die frühe Auseinandersetzung Zeit koste. „Wenn wir nicht Vertrauen, Fairness und Compliance von Anfang an einbauen, ist es hinterher viel schwerer“, sagte sie.

Zentral sei die Frage nach „Human in the Loop“, „Human in Command“ und „Human in Control“. Lösungen, wie Menschen tatsächlich im Entscheidungsprozess eingebunden bleiben, sind für Zehetmaier noch weitgehend offen: „Es kann nicht sein, dass man einfach einen Menschen hinsetzt und sagt: ‚Hak die Kästchen 1.000-mal am Tag ab‘. So bindet man keine menschliche Aufsicht ein.“

Die Frage nach dem: „Worum geht es eigentlich?“

Aus europäischer Perspektive frage sie sich manchmal, wofür das alles geschehe, so Zehetmaier. Gehe es am Ende darum, Beschäftigte loszuwerden, das Unternehmen hochzuskalieren und an ein weiteres US-Unternehmen zu verkaufen?

„Wir sollten die Idee des nachhaltigen Skalierens wirklich überdenken“, riet sie. Die erste Frage, die sich ein Startup stellen müsse, sei: „Was will ich bauen und wo will ich in der Zukunft sein? Was ist die Zukunft, in der meine Kinder leben werden, und wie sieht sie aus?” Das Ziel sei letztlich „nicht, es einfach hochzuskalieren und einfach an irgendwen zu verkaufen“, sondern eine bewusstere Reise zu gestalten. „Ich denke wirklich, dass es Chancen gibt, die Zukunft aktiv zu verändern und dazu beizutragen, das anzugleichen, was wir wollen“, sagte sie. „Um sicherzustellen, dass die Technologie für uns so frei von Voreingenommenheit und für so viele Menschen wie möglich funktioniert.“

Daran knüpfte Maier zustimmend an und griff Zehetmaiers Überlegungen zur Frage auf, welche Zukunft Technologieunternehmen eigentlich gestalten wollen. Die Frage unserer Zeit sei jedoch nicht nur, wie diese Zukunft aussehen solle, sondern auch, wer sie definiere und wer tatsächlich in der Lage sei, sie umzusetzen.

Denn selbst wenn es eine gesellschaftliche Einigung darüber gäbe, welche Richtung eingeschlagen werden sollte, sei keineswegs klar, wer die Macht habe, diese Vorstellungen durchzusetzen. Theoretisch seien es vor allem große Regierungen, die die Entwicklung der Technologie regulieren könnten. Doch gerade im Bereich der Künstlichen Intelligenz zeige sich, wie begrenzt dieser Handlungsspielraum sei.

„Europa nicht mehr auf Agenda“

Maier berichtete von einem Gespräch mit David Sacks (Mitglied des Podcasts All-In), der unter Donald Trump als KI-Beauftragter tätig war. Sacks habe ihm erklärt, dass die USA Künstliche Intelligenz nicht regulieren könnten, weil sie andernfalls Gefahr liefen, das Rennen gegen China zu verlieren.

„Das ist die Aussage des obersten US-Beraters für KI. Was uns das zeigt, ist, dass wir uns derzeit in einem chaotischen Zustand befinden, in dem wir im Wesentlichen ein Rennen zwischen zwei Supermächten haben“, sagte Maier. „Europa steht gar nicht mehr auf der Agenda. Es tut mir leid, euch das so beibringen zu müssen. Aber das ist der beängstigende Teil. Ich habe nicht die perfekte Antwort, aber ich stimme Zehetmaiers grundlegenden Fragen völlig zu.“

Aufsetzen ist nicht genug

Auch ohne Schockwellen führte die Diskussion der drei Expert:innen weiters zur Frage, wie sich KI-Startups in einem Markt behaupten können, in dem neue Wettbewerber schnell entstehen. Für Maier liegt die Antwort in der Verteidigungsfähigkeit des Geschäftsmodells. Ein bloßer „Wrapper“, also eine Anwendung, die lediglich auf ein bestehendes Sprachmodell aufsetzt, reiche kaum aus. Attraktiv seien Unternehmen, die sich durch proprietäre Daten, Branchen-Wissen, Kundenzugang oder komplexe Workflows abheben. Alexander Brix von fonio ergänzte, dass Startups ihren Wettbewerbsvorteil auch erst mit der Zeit entwickeln könnten – etwa durch eine starke Marke, Vertrauen und effiziente Vertriebsstrukturen. Gerade im B2B-Bereich sei Vertrauen entscheidend.

Carina Zehetmaier bestätigte diese Einschätzung aus der Perspektive eines Unternehmens, das sich auf KI-Compliance spezialisiert hat. Für paiper.one sei die Komplexität der Regulierung einerseits ein Hindernis, andererseits aber auch eine Chance, sich durch Fachwissen und Vertrauen zu differenzieren. Da sich gesetzliche Anforderungen von Land zu Land unterscheiden und laufend verändern können, lasse sich das Produkt nicht ohne Weiteres über verschiedene Märkte hinweg skalieren.

Wettbewerbsvorteil

„Was wir bisher beobachtet haben, ist, dass unser Wettbewerbsvorteil Vertrauen ist“, präzisierte Zehetmaier. Große Konzerne vertrauten dem Team aufgrund seiner Expertise und sähen paiper.one als Ansprechpartner, der sie bei der Einführung und Umsetzung neuer Anforderungen begleiten könne. Zugleich warnte sie davor, dass Europa seine Innovationskraft nicht allein aus der Regulierung schöpfen dürfe. Die Komplexität könne zwar einen Wettbewerbsvorteil schaffen, erschwere aber auch schnelles Wachstum.

Für sie liege eine zentrale Herausforderung jedoch nicht allein in der Technologie oder der Einhaltung von Vorschriften, sondern darin, KI tatsächlich in Unternehmen zu verankern.

Viele Unternehmen würden ihren Beschäftigten zwar entsprechende Lizenzen zur Verfügung stellen, doch diese würden nicht immer genutzt. Deshalb wolle sich paiper.one verstärkt darauf konzentrieren, Organisationen und ihre Mitarbeiter bei der Einführung von KI mitzunehmen und den Wandel aktiv zu begleiten. Denn, so Zehetmaier: „Wenn wir die beste Technologie haben, aber niemand sie nutzt, werden wir am Ende nicht glücklich sein.“

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